10.08.2009 · Eine Stadt auf dem Sprung: Schanghai rüstet sich für die Weltausstellung. 2010 soll die Stadt zum Aushängeschild des neuen globalen Führungsanspruchs von China werden. Hier erzählen die Macher von ihren Plänen.
Von Mark Siemons, SchanghaiWas immer die Weltausstellung in Schanghai nächstes Jahr zeigen wird, sie wird auf jeden Fall anders ausfallen als die Weltausstellungen in den Jahrzehnten zuvor: Dafür sorgt schon die Stadt selbst. Wer im Café auf der Spitze des im vergangenen Jahr vollendeten World Financial Center sitzt, des zweithöchsten Turms der Erde, und von dort auf die verschwindend winzigen kolonialen Hinterlassenschaften an der Uferstraße des Bund, des Symbols des alten Schanghai, hinabblickt, möchte erst einmal nicht daran zweifeln, dass die Expo an diesem Ort zu dem stolzen Fortschrittsoptimismus zurückkehrt, der sie hervorgebracht hat.
Die Skyline von Schanghai-Pudong, bunt und groß wie eine übermütige Photoshop-Phantasie, sieht wie eine nicht ganz ernstgemeinte Travestie des westlichen Weltbeherrschungsprogramms im neunzehnten Jahrhundert aus - so also, wie auch Weltausstellungen aussahen, als sie sich noch nicht vor lauter Bedenken und Entschuldigungen, was die von ihr propagierten Mächte Industrie und Kapital in den vergangenen hundertfünfzig Jahren angerichtet haben, hinter allen möglichen Schadensabwicklungen versteckten.
Die Schnellstraße am Fuß des World Financial Center heißt denn auch „Century-Avenue“. Man blickt dort auf ein Panorama von Wolkenkratzern, in deren Mitte selbst der lila Fernsehturm, der von der anderen, der alten Seite des Huangpo-Flusses noch einen so gigantischen Eindruck machte, etwas mickrig wirkt. Als Paris Hilton unlängst in der Stadt weilte, äußerte sie den Satz, das schaue ja alles „wie die Zukunft“ aus.
Obsolete Vorstellung
Das ist der Status quo des Außenblicks auf Schanghai. Es fragt sich nur, ob Frau Hilton da nicht wie viele andere einer Zukunftsvorstellung aufsitzt, die im gegenwärtigen Stadium von Globalisierung und Wirtschaftskrise längst obsolet geworden ist und auch keineswegs mehr die Selbstwahrnehmung der Stadt repräsentiert. Die Frage wird um so dringlicher, als sich die symbolische Ausstrahlung der Bauten auch mit handfesten Programmen verbindet. Die Veranstalter der Expo kehren nicht nur hervor, dass siebzig Millionen Besucher (davon allerdings nur sechs Millionen ausländische Gäste) erwartet werden - mehr als jemals zuvor. Sie betonen vor allem, dass es die erste Weltausstellung in einem Entwicklungsland sein werde.
Auch wenn international umstritten ist, ob die Volksrepublik diesen Status überhaupt noch hat, legt der Staat auf die Feststellung speziellen Wert und will zugleich den anderen Entwicklungsländern einen besonderen Auftritt verschaffen; ein Fonds über hundert Millionen Dollar wurde bereitgestellt, um deren Pavillons zu unterstützen. Vor allem kümmert sich China um den Afrika-Pavillon, in dem sich so viele Staaten des Kontinents wie niemals zuvor präsentieren sollen. China wolle sicherstellen, heißt es in offiziellen Stellungnahmen, dass sich Afrika sowohl authentisch als auch verständlich zum Ausdruck bringen könne.
Jetzt wird es ernst
Zum anderen erklärte der chinesische Staatsrat im Mai seine Absicht, Schanghai bis 2020 zu einer internationalen Finanzmetropole und einem führenden Welthafen zu machen. Die staatlichen Medien propagieren seither verschärft die vermeintliche Konkurrenz zu Hongkong im Streben nach dem urbanen Zentrum, das im 21. Jahrhundert den Ton angeben wird. Schon 1985 wollte ein Fünfjahresplan Schanghai zur „kosmopolitischen Stadt“ machen. Jetzt aber wird es ernst. Im Gefolge der Wirtschaftskrise tritt China vermehrt als Fürsprecher einer gründlichen Reform des globalen Finanzsystems auf. Würde Schanghai also der erste Mittelpunkt einer neuen, multipolaren Finanzwelt und sich dadurch von früheren, auf den Westen fixierten Zentren wie New York und London abheben? Die staatlichen Medien ventilieren solche Ideen, ohne sich indessen im Geringsten festzulegen, was das konkret bedeuten könnte. Es genügt ihnen, ein Selbstbewusstsein anzudeuten, das gewillt ist, sich nicht länger allein an den Routinen der westlichen Ära zu orientieren.
Auf der anderen Seite hat die Wirtschaftskrise Schanghai selbst empfindlich getroffen. Die Wachstumsquote fiel von 9,7 Prozent auf 3,1 Prozent, auf einen deutlich niedrigeren Stand also als der nationale Durchschnitt. Selbst die so sehr vom Export abhängige südliche Provinz Guandong konnte sich noch bei 5,8 Prozent halten. Schuld an diesem Rückgang ist der Einbruch der Industrie, die immer noch das Rückgrat der städtischen Wirtschaft bildet.
Der Sturz des Parteisekretärs
Und noch ein Einschnitt hielt die Aufwärtsbewegung Schanghais auf: der Sturz des Parteisekretärs und Politbüromitglieds Chen Liangyu, der vor knapp drei Jahren wegen Korruptionsvorwürfen sein Amt verlassen musste. Chen hatte die Expo in die Stadt geholt und ihre Formel-1-Rennstrecke bauen lassen. Mit seiner Regierungszeit endete die Ära der sogenannten „Schanghai Clique“, einer Gruppe hoher dort heimischer Funktionäre, die im Umkreis des ehemaligen Staatspräsidenten Jiang Zemin auch in Peking Macht und Einfluss hatten. Die Skyline von Pudong ist ihr Werk. Sie steht für einen technologisch-kapitalistischen Fortschrittsbegriff, der sich Amerika zum Vorbild nimmt und dieses symbolisch noch zu übertrumpfen sucht. Ist mit der Entmachtung dieser Personengruppe auch deren politisch-ästhetisches Programm desavouiert? Und was tritt an dessen Stelle?
Zhu Dake, Chinas bekanntester Kulturkritiker, der an Schanghais renommierter Tongji-Universität lehrt, meint, dass der frühere Optimismus der Stadt längst gebrochen ist. Die Ankündigung, Finanzmetropole zu werden, mit der die Zentralregierung die Stadt nach einer Zeit des Schweigens in die nationale Öffentlichkeit zurückbrachte, sei bloß ein Trostpreis, nachdem man sich von den früheren umfassenden Zielen einer Kultur- und Wirtschaftsmetropole offenbar schon verabschiedet habe. Dieser Trostpreis unterstreiche zudem die Abhängigkeit von der Hauptstadt, denn ohne die nötigen Pekinger Finanzreformen, was etwa die Konvertibilität der Währung betreffe, könne Schanghai gar kein international wichtiger Umschlagplatz werden.
Eine „Falsche-Kragen-Kultur“
Wir treffen Zhu Dake in einem schwach beleuchteten Hotelcafé in der ehemaligen Französischen Konzession. Er ist ein an Benjamin und Kracauer geschulter Theoretiker im hochgeschlossenen chinesischen Hemd, der nicht in Gefahr ist, den Versprechungen irgendwelcher Marketingabteilungen auf den Leim zu gehen. Seiner Meinung nach fehlt es Schanghai an originärer Kreativität, um wirklich eine Metropole zu werden. Es sei vor allem eine Messestadt, die andere zusammenführe, ohne etwas Eigenes hervorzubringen. Das Einzige, wozu sie in der Lage sei, sei eine „Falsche-Kragen-Kultur“, wie Zhu sie in Anspielung an früher gebräuchliche Kleidungsstücke nennt, die nur aus dem unter dem Jackett sichtbaren Kragen bestanden. So würden heute auch bloß jene Fassaden renoviert, die von den vielbefahrenen Schnellstraßen aus sichtbar sind.
Die ganze sogenannte Kultur Schanghais hält Zhu für einen „falschen Kragen“, der von der Kommunistischen Partei zu Propagandazwecken benutzt werde. Entgegen dem äußeren Anschein sei die Stadt viel geordneter und kontrollierter als Peking, wo sich die vielen staatlichen Institutionen oft gegenseitig neutralisierten und Platz genug für politisch und ökonomisch nicht einzuordnende „Stadtwanderer“ ließen. Er selbst habe deshalb schon längst die Lust am philosophischen Flanieren durch die Straßen verloren und schwebe lieber wie eine „Feder im Wind“ über der Stadt.
Chinas Tor zur Welt
Der Verdacht des Trügerischen, Vieldeutigen haftet Schanghai schon an, seitdem sich nach dem Ersten Opiumkrieg 1842 westliche Mächte dort ihre exterritorialen Rechte sicherten. Die sich immer mehr ausweitenden „Internationalen Siedlungen“ und die „Französische Konzession“ gaben einen in China sonst nicht erreichten Modernisierungsstandard vor, was technische Infrastruktur, das Telefonnetz, den Verkehr und die Versorgung mit Luxushotels, Kaufhäusern, Filmstudios, Vergnügungspalästen, Zeitungen und westlichen Ideen betraf. Seither gilt Schanghai als Chinas Tor zur Welt.
Aber zugleich machten die ungleichen Bedingungen dieses Austauschs, die den Ausländern einen privilegierten rechtlichen Status verschafften, Schanghai schon bald zum Symbol der nationalen Demütigung. Die westlichen Handeltreibenden waren an Rechtssicherheit nur für sich und ihre Geschäfte interessiert und hatten keine Skrupel, auch mit Vertretern der zahlreichen kriminellen Organisationen wie der „Grünen Bande“ zu kooperieren, die die Stadt mit einem Netz aus Prostitution, Drogenhandel und Schutzgelderpressung überzogen. Die Mischung aus Glamour, Geschäft und Verbrechen, die der Metropole im Westen ein exotisches Flair verlieh, gereichte ihr unter vielen Chinesen daher zur Verachtung - den Kommunisten ebenso wie Tschiang Kai-schek, der sie einmal als „Sumpf“ bezeichnete.
Chinesisch oder international
Eigentümlich ist, dass sich auch viele Chinesen das exotistische Klischee heute zu eigen machen. Die ganze Stadt träumt heute den Traum vom Schanghai der zwanziger und dreißiger Jahre und von dessen kolonialen Kulissen, ob am Bund oder in der Französischen Konzession. Dabei geht es offenkundig um keinen Geschichtsrevisionismus, überhaupt um keine wie auch immer geartete Authentizität, sondern ausdrücklich um ein künstlich hergestelltes Phantasma. Das Ausgehviertel Xintiandi (wörtlich übersetzt: neuer Himmel und Erde) zum Beispiel, in dem die ursprüngliche Struktur der alten Shikumen-Häuser den Bedürfnissen der dort residierenden Bierstuben und Boutiquen angepasst wurde, wirbt für sich mit dem Satz: „In diesem ,Funplex' sieht für Ausländer alles so chinesisch aus, und für Chinesen ist jedes Element so international.“
So virtuell wie dieser Kosmopolitismus, in dem jeder sehen darf, was er will, so spielerisch und obenhin scheint die aktuelle Schanghaier Interpretation von Weltläufigkeit auch sonst zu sein. „Schanghai“, sagte der große Schriftsteller Qian Zhongshu, „ist wie die Insel von Circe in der griechischen Mythologie.“ Es liegt Musik in der Luft: Während die Pekinger Taxifahrer unentwegt Hörspielen über Episoden aus Chinas großer Vergangenheit lauschen, bevorzugen ihre Kollegen in Schanghai China-Pop. Und die Luft schmeckt nach Meer. Anders als in Peking, wo die Stadt vor allem als möglichst rasch und unaufwendig durcheilter Transitraum zum nächsten Termin genutzt wird, sind sich die Leute ihrer Sichtbarkeit bewusst und ziehen ihre schönen Sachen manchmal sogar auf der Straße an, statt sie wie in Peking im Büroschrank zu lassen, um sie nicht dem Schmutz der Stadt auszusetzen.
Englisch zu sprechen ist beliebt
An den Ampeln beherrschen nicht Autos und Fahrradfahrer, sondern Schwärme von Mopeds die Kreuzung. Viele Straßen sind baumbestanden, und auf den Bürgersteigen der Fuzhou Lu, wo früher die Prostitution blühte und sich heute ein Buchladen an den nächsten reiht, sind hohe Blumenkästen aufgestellt. Vor vielen Hochhäusern stehen wie charmante Ikebana-Gestecke Bambusstauden. Ausländer treten mit festem Schritt auf. Manche rauchen sogar auf offener Straße, so als gehöre sie ihnen. Niemand zieht die Augenbrauen zusammen, wenn sie kein Chinesisch können; es zu lernen machen viele von ihnen auch gar keine Anstalten. Englisch zu sprechen ist in Schanghai sehr beliebt.
Und so scheint auch die Kultur vor allem deshalb immer wichtiger zu werden, weil sie ein fester Bestandteil der westlichen Vorstellungen von einer richtigen Metropole ist. Inzwischen gibt es in Schanghai zwei internationale Kunstmessen, ein Medienkunstfestival, eine Biennale, ein Film- und ein Fernsehfestival. Bei allen ist der Anspruch nicht gerade bescheiden: Es geht nicht um die kulturelle Grundversorgung einer Nachbarschaftsklientel, sondern von vornherein darum, Anschluss an die Weltspitze zu finden. Das Filmfestival etwa hatte sich in einem Fünfjahresplan vorgenommen, bis 2010 in der ersten Reihe der internationalen A-Festivals anzukommen. Und tatsächlich lässt die professionelle Ausstattung mit Festivallimousinen, Presseabteilungen, Unter-, Neben- und Sonderreihen und sogar Diskussionsforen nur noch wenige Unterschiede zu den wirklich großen Festivals erkennen. Nur sind leider die Filme schlecht.
Etwas Eigenes, Neues schaffen
Sogar die Verwaltungsdirektorin des Festivals, Tang Lijun, beklagte sich in diesem Jahr öffentlich über das niedrige Programmniveau und führte es auf die strenge Zensur und die geringe finanzielle Unterstützung durch die Regierung zurück. Ähnlich enttäuscht reagierte das Fachpublikum auf die vor zwei Jahren mit vielen Vorschusslorbeeren gestartete Kunstmesse Shanghai Contemporary - enttäuscht wegen der Qualität und wegen der Zensurbeschränkungen, aber auch wegen der Erträge. Um der steuerlichen Vorteile und des offeneren Umfelds willen ist ein großer Teil der an China interessierten Kunstkarawane dieses Jahr nach Hongkong weitergezogen.
Ähnlich wie Zhu Dake kritisiert auch der Stadttheoretiker Tu Qiyu die Oberflächlichkeit der bisherigen Kulturförderung, die sich allein am Geschmack einer entwurzelten Mittelklasse orientiere. Aber Tu ist Regierungsberater, und ihm liegt die Kultur nicht zuletzt deshalb am Herzen, weil sie der Stadt langfristig helfen könnte, ihre Konkurrenzfähigkeit zu erhalten. Im Zeichen der Krise gelte es, das Schanghai-Modell neu zu denken. Bislang habe die Stadt nur den bekannten Kapitalismus reproduziert, freilich auf hohem Niveau. Nun müsse die Stadt aber etwas Eigenes, Neues schaffen.
Markt unter Kontrolle
Wir treffen uns im Café im obersten Stockwerk der Schanghaier Akademie für Sozialwissenschaften, für die Tu arbeitet. Das alte Modell, sagt er, sei durch die Formel „Große Regierung mit kleiner Gesellschaft“ gekennzeichnet gewesen, durch eine auch im innerchinesischen Vergleich besonders straffe Führung der Regierung. Auch der Markt sei hier durch die außergewöhnlich dominant gebliebene Rolle der staatseigenen Betriebe unter der Kontrolle der Partei. Dies aber sei auf lange Sicht der Entwicklung hinderlich. „Kreativität und Vitalität kann die Stadt nicht erreichen, wenn sie auf autoritäre Weise regiert wird“, meint Tu. Ohne die nötigen „Software-Elemente“ wie politische Transparenz, ein soziales Netz und ein funktionierendes Rechtssystem werde Schanghai auf absehbare Zeit allenfalls ein regionales Finanzzentrum wie Tokio werden können.
Aus all diesen Gründen hält Tu eine kulturelle Revitalisierung für nötig, und den Anknüpfungspunkt findet er ausgerechnet in den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts: Damals sei Schanghai nämlich nicht bloß Projektionsfläche des westlichen Exotismus gewesen, sondern ein Laboratorium der chinesischen Moderne. Die Stadt war Hauptschauplatz jener revolutionären Bewegungen, die China eine neue, weder kaiserzeitliche noch koloniale kulturelle Identität gaben. Sowohl die Kuomintang Sun Yat-sens als auch die Kommunistische Partei entstanden hier, gerichtet gleichermaßen gegen die Verknöcherungen der eigenen Tradition wie auch gegen die Fremdherrschaft. Die Intellektuellen nutzten dabei die rechtliche Exterritorialität der ausländischen Siedlungen, die ihnen relativen Schutz vor politischer Verfolgung verschaffte.
Phase der Verunsicherung
Vor allem aber schöpften sie aus der Vielfalt der kulturellen Strömungen, die in Schanghai vertreten waren und die sie mit Bertrand Russel, John Dewey, amerikanischen Filmen, französischen Romanen, russischer Lyrik und Wiener Cafés gleichermaßen in Berührung brachten. Viele jener Intellektuellen und Schriftsteller, die vor allem im damaligen Außenbezirk Hongkou lebten, nimmt heute die Kommunistische Partei als ihre Ahnen in Anspruch. 1998 wurde dort die Duolun-Kulturstraße eingerichtet, wo kleine Denkmäler für Lu Xun, Mao Dun, Guo Moro, Ding Ling und andere stehen.
So mündete der damalige Aufbruch in das straffe Reglement einer Parteienherrschaft, der es zwar gelang, über den ausländischen Bankhäusern am Bund die Nationalflagge wehen zu lassen, aber dies nur um den Preis eines mal marxistisch, mal wirtschaftsliberal definierten Fortschrittsbegriffs, der keine anderen Begriffe neben sich duldet. Wird dieselbe Partei nun in der Lage sein, jenen Beratern zu folgen, die ihr im Interesse des langfristigen Erfolgs die Entfesselung der so sorgsam eingehegten Kräfte nahelegen?
Dass die Partei die Kontrolle aus der Hand gibt, dürfte hier so wenig wie im übrigen China zu erwarten sein. Aber es scheint eine Phase der Verunsicherung, des Innehaltens eingetreten zu sein. Im Stadtplanungsmuseum auf dem Volksplatz spricht der frühere Triumphalismus bezeichnenderweise nur noch aus dem Mund eines Kindes, dessen elektronisch aufgezeichnete Stimme in der Rundum-Simulation sich angesichts der kühnen Straßenfluchten dort vor lauter „Ah!“, „Oh!“ und „Wow!“ gar nicht mehr halten kann. In einem Restaurant hoch über dem Tomorow Square sagt dagegen Li Lei, der gleichzeitig Direktor des Shanghai Art Museum und Maler ist, dass Schanghai vor einer „zweiten Reform“ stehe, die das Wachstum nicht bloß materiell definiere. „Der Mensch besteht aus vielen Elementen“, sagt er, eine breite Versöhnung der Gegensätze andeutend, wie sie bei vielen chinesischen Offiziellen beliebt ist.
Schanghai ist heute wie ein Pausenzeichen, bei dem man noch nicht so genau weiß, wie es danach weitergehen wird - genauso wie die Expo selbst, der die Organisatoren nach Tu Qiyus Interpretation nur deshalb keine spezifische Botschaft an die Welt mitgegeben haben (von den üblichen Parolen wie Vielfalt, Innovation und menschenzentrierte Entwicklung abgesehen), um die von ihr ausgehende Dynamik nicht zu begrenzen. Auf den Plakaten der Weltausstellung sieht man keine futuristischen Konstruktionen, sondern eine lachende Ein-Kind-Familie im Freizeitdress, die einen Drachen steigen lässt. Ist dies schon die neue Bescheidenheit oder bloß eine aktualisierte Fassung des alten sozialistischen Glücks tatkräftiger Menschen, die an die Erfüllbarkeit ihrer Bedürfnisse glauben?