16.03.2011 · Der Dirigent Carlos Kleiber war eine Legende schon zu Lebzeiten. Eric Schulz hat Zeitzeugen befragt und eine Fülle von unbekanntem Archivmaterial gefunden.
Der Kamerablick ist auf Asphalt gerichtet, eine Landstraße gleitet unter uns hinweg. Dann sehen wir im Rückspiegel schneebedeckte Berge. Die Alpen? Noch ist das Ziel ungewiss. Einer spricht, mit österreichischem Dialekt, in einem halbdunklen Zimmer: "Er war ein Lausbub, ein ganz schlimmes Kind. I weiß net, warum er seinen Beruf derart geschwänzt hat."
Die Straßen-Metapher am Anfang dieser Musikdokumentation über Carlos Kleiber wirkt zuerst rein atmosphärisch. Später im Film aber verdichtet sie sich zum Flucht-Motiv. Dieser Ausnahmedirigent ist immer wieder vor seinem eigenen Ruhm geflohen, er machte sich rar, sagte Aufführungen ab, ließ alles stehen und liegen und pflegte sich, in München oder Wien, überraschend ins Auto zu setzen, um nach Slowenien zu fahren, zu seinem Haus in einem kleinen Bergdorf, mit einer kleinen Kirche und einem kleinen katholischen Friedhof.
Von der ersten bis zur letzten Minute fesselt uns dieser Film. Das macht die Aura dieses hochgewachsenen Musikers, sie ist bestürzend und beglückend zugleich: die Intensität seiner Persönlichkeit, die bezwingenden Gesten, die leuchtenden Augen. Mal wähnt man sich im Theatersaal oder sogar direkt vor ihm im Orchester, mal bestaunt man aus der Distanz heraus die Qualitäten einer fesselnden Bildmontage.
Von Carlos Kleiber existieren keine gefilmten Gespräche, wie etwa die mit Leonard Bernstein oder Claudio Abbado oder, in jüngerer Zeit, Simon Rattle. So war der Regisseur Eric Schulz auf Informationen von Zeitzeugen angewiesen, er befragte Sänger, Regisseure und Orchestermusiker, eine Maskenbildnerin, Dirigentenkollegen sowie, als "special guest", Kleibers Schwester Veronika. Diese Konstellation ist als Voraussetzung für ein Filmporträt nicht unheikel: Sie hätte auch zu einer Gespensterdebatte über den 2004 verstorbenen Kleiber führen können, zu einer hagiographischen Gedenkstunde, durch die er selbst als Phantom geistert.
Allerdings, es kommt auch Archivmaterial mit ins Spiel. Rare Schätze förderte Schulz zutage, darunter Aufnahmen aus dem Orchestergraben, die den Dirigenten während einer Opernaufführung filmen. Solche Mitschnitte erscheinen normalerweise auf Monitoren in Sängergarderoben, am Inspizientenpult, in den Räumen der Technik: Filmmaterial also von bescheidener Qualität, mit einem dunklen Strich in der Mitte und manchmal weglaufenden Bildern. Doch zeigen sie das animierte Gesicht Carlos Kleibers, seine oftmals strahlende, wie mitsingende Mimik, die sogar auf Theaterroutiniers ansteckend gewirkt haben muss: Die Maskenbildnerin der Bayerischen Staatsoper erzählt, dass bei Kleiber-Aufführungen die Mitarbeiter ihre Bildschirme auf "Dirigent" statt auf "Bühne" gestellt hätten. Sie habe besonders an ihm die Freude gemocht, die auf seinem Gesicht erschien, wenn das, was er geprobt hatte, wirklich erklang. Es ist dieser Blick ins Gesicht, den das Publikum im Saal niemals kannte.
Das Publikum bleibt auch außen vor bei der verschworenen Gemeinschaft zwischen Dirigent und Orchester, wie sie sich etwa in den Probenmitschnitten zu Webers "Freischütz" 1967 an der Stuttgarter Oper darstellt. "Glauben Sie an Gespenster?", fragt Kleiber die krawattierten Herren Musiker - als Antwort kommt undefinierbares Gemurmel mit einem eventuell provozierend geäußerten "Ja". Und Kleiber steigt sofort darauf ein: "Das ist gut. Glauben Sie bitte für die Dauer der Ouvertüre an Gespenster!"
Wenn er spricht, wirkt Kleiber immer ein wenig atemlos. Das liegt vielleicht daran, dass er sich im vollsten Tun unterbricht. Dass er um den richtigen Ausdruck, auch in Worten, ringt. Er gibt sich gar nicht erst den Anschein, abgeklärt und allmächtig zu wirken, er redet, singt, gestikuliert mit ganzem Körpereinsatz, er wirbt. "Die lange Note, die muss man gewinnen, für die muss man kämpfen!", beschwört er die Holzbläser, und die wissen, dass das keine gewöhnliche Dirigentenprosa ist.
In kühner Überblendung verbindet der Film Konzert und Probensituation, die Musik der "Freischütz"-Ouvertüre läuft weiter. Dieser Bildwechsel ereignet sich in der großen Schluss-Steigerung in der Viertelsekunde vor dem Einsatz des jubelnden Agathe-Themas - es ist wie ein Pferdewechsel im Galopp. Kleiber, zuerst im Frack mit weißer Fliege vor Publikum, dann, auf der Probe, im Polohemd mit bloßen Armen. Doch sein Ausdruck ist derselbe: Begeisterung, Freude über die Energieströme dieser romantischen Musik, der er selbst die größte Energie zuführt, den Dirigierstab wie einen Zauberstab lang vor sich hinhaltend. Mit dem Stuttgarter "Freischütz" wurde Carlos Kleiber über Nacht berühmt. Durch Archivaufnahmen wie diese wird beglaubigt, was in den Interviews aus zweiter Hand erzählt wird. Die Gespräche sind dramaturgisch so klug geschnitten, dass sie sich wie Mosaiksteinchen zu einem Gesamtbild fügen - doch hat dieses Bild nichts Feststehendes, Unveränderliches: Es leuchtet auf und vergeht - wie Musik.
Beim siebten Internationalen Fernsehforum für Musik in Bremen, wo der Film in dieser Woche seine deutsche Erstaufführung erfuhr, erzählt Eric Schulz, wie er mit detektivischem Spürsinn Veronika Kleiber, die Schwester, ausfindig gemacht hatte. Es gab weder Adresse noch eine Telefonnummer. Im Internet entdeckte er dann auf einem Foto zufällig ihr Gesicht. Der Betreiber der italienischen Homepage konnte ihm tatsächlich eine Telefonnummer nennen, Schulz rief an, und Veronika Kleiber erklärte sich bereit, ihm historisches Fotomaterial zu leihen. Der Regisseur schlug vor, gleich mit dem Kamerateam zu kommen und die Fotos an Ort und Stelle abzulichten.
Das fand Veronika "praktisch", es konnte also losgehen. Sie lebt in der "Casa di Riposo Giuseppe Verdi" in Mailand, jenem Altersheim für Musiker, das von Verdi selbst gestiftet worden war. Mit ungeschminktem Gesicht, einer strubbeligen, weißen Kurzhaarfrisur steht Veronika Kleiber im Mittelpunkt dieses ausgesprochen unbürgerlichen Settings. Sie erzählt kleine Anekdoten, zeigt Fotografien herum, auf denen zwei reizende Geschwisterchen zu sehen sind: die etwas ältere Veronika und der kleine Karl Ludwig Bonifacius (erst später, in Argentinien, nannte er sich Carlos). Kleiber war ein sehr hübscher Junge, so ähnlich stellen wir uns Hanno Buddenbrook vor.
"Schön ist er, wie ein junger Gott", sagt lächelnd der Dirigent Michael Gielen über den Kollegen. Und die Sängerin Brigitte Fassbaender, kokett: "Ich träum' ja von ihm und träume gut ..."Die einzige nicht deutschsprachige Stimme in diesem Film stammt von Placido Domingo (man vermisst vor allem Kleibers italienische Freunde, etwa Maurizio Pollini). Das Publikum habe immer wieder danach verlangt, Kleiber auch zu sehen, erinnert sich Domingo: "Sie wollten ihn sehen, seinen Ausdruck, seine physische Aktivität, diese unglaubliche Ästhetik." "Unbelievable!" Dieses Wort spricht Domingo zweimal aus, mit äußerstem Nachdruck.
Der Dirigent Carlos Kleiber war ein "Meister der Übergänge". Auch in diesem Film werden bewusst Übergänge geschaffen, subtil weitet der Regisseur die Interviewsituation aus, indem die Kamera für ein oder zwei Sekunden
die Gesprächspartner beim Anhören und Anschauen des Archivmaterials beobachtet. In diesen Sequenzen geschieht mit ihnen, was mit uns geschieht, wenn wir eine solche "Musikdokumentation" sehen: Wir sehen und hören einen Menschen, der mit Musik arbeitet und dabei, wie Gielen treffend sagt, "einen Funken entzündet, man weiß nicht, woher der kommt"; und sind entflammt. ANJA-ROSA THÖMING
"Traces to Nowhere" (Spuren ins Nichts). Der Dirigent Carlos Kleiber. Musikfilm von Eric Schulz.
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