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Schalke-Hymne : Das ist fair, nicht foul

Ein multikultureller Haufen: Fans feiern „auf Schalke” Bild: AP

War Mohammed ein Fußball-Experte? Und: Bedarf ein Fußballer-Lied tatsächlich der Ratschläge sogenannter Religions-Experten? Edo Reents meint: Muslime dürfen die integrative Schalke-Hymne ruhig weiter mitsingen.

          Mohammed verstand nichts von Fußball. Hätte er es etwa sollen? Wenn Muslime sich nun darüber aufregen, dass eine entsprechende und historisch ja stichhaltige Behauptung mittels der umgeschriebenen Vereinshymne von Schalke 04 in die Welt gesetzt wird, dann kann etwas nicht stimmen: „Mohammed war ein Prophet, / der vom Fußballspielen nichts versteht. Doch aus all der schönen Farbenpracht / hat er sich das Blau und Weiße ausgedacht.“ Beim Verein, der wie der Zentralrat der Muslime vorbildlich besonnen reagierte, gingen daraufhin vorformulierte Protestschreiben ein, eines mit diesem Zusatz: „Ihr verdammten Hurensöhne werdet euer beschissenes Lied sofort ändern! Was hat unser Prophet mit eurem ungläubigen Lied zu tun? Löscht diesen Teil, oder ihr müsst die Konsequenzen tragen!“

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Dem wäre auf der fußballerischen Ebene manches entgegenzuhalten, jeder Fan kann es im Schlaf herbeten: Kein Fußballverein hat wohl so viel für die Integration ausländischer und auch muslimischer Spieler und Zuschauer getan wie Schalke 04; der Zusammenhang zwischen Fußball und Religion, die These vom Fußball als Religionsersatz, die in ihrem Gestus nur billige, herablassende Soziologie ist, scheint nirgends stärker am Platz als in Gelsenkirchen, wo einst Plakate der Zeugen Jehovas „An Jesus kommt niemand vorbei“ um den Hinweis ergänzt wurden „außer Libuda“; der Verein hatte den „Flankengott vom Kohlenpott“ (nämlich Rüdiger Abramczik) in seinen Reihen und schließlich, als Ehrenmitglied, auch Papst Johannes Paul II.

          Experten statt Verstand

          Aber es führt zu nichts, diese Dinge, die weiß Gott eine Kulturleistung sind, nun reflexhaft geltend zu machen. Es ist ja offensichtlich, dass die Einbeziehung Mohammeds in eine Vereinsfolklore, die nun einmal über sportlich und noch nicht gleich ehrabschneiderisch gemeinte Schmähungen des Gegners funktioniert, selbst eine Integrationsleistung ist.

          Das Problem liegt auf einer anderen Ebene. Und da hat es denn, nach allem, was zu dem Fall bisher geäußert wurde, den Anschein, dass gerade die Gepflogenheit, bei allem gleich Experten einzuschalten, statt sich auf seinen Verstand zu verlassen, zu einer Eskalation beigetragen hat. Türkische Zeitungen hatten über den Vorgang ohne den mindesten Alarmismus berichtet und einen Gelsenkirchener Reporter damit zu Wort kommen lassen, dass es keinen Hinweis darauf gebe, dass, anders als im Vereinslied behauptet, „der heilige Mohammed die Farben Blau und Weiß bevorzugte“. Auch wenn derartig sachliche Äußerungen unterschlagen, dass es in einem Vereinslied nicht nur um das Festhalten historischer Tatbestände geht, so wirken sie doch ehrenwert angesichts dessen, was der als „Islamexperte“ auftretende Politikwissenschaftler Jochen Hippler sagt: „Die Zeile im Schalker Lied mag läppisch sein. Doch was wäre, wenn es in Gelsenkirchen gleichzeitig Übergriffe auf drei muslimische Mitbürger geben würde und die türkische Presse beide Vorgänge in Verbindung setzt?“

          Mohammed als Spaßobjekt?

          Ja, was wäre, wenn? So kann man natürlich immer fragen und wäre damit fast schon bei den „Konsequenzen“, die der Brandbriefschreiber androht. Andere Fachleute äußern sich auch nicht hilfreicher. Der Deutschlandfunk befragte, warum auch immer, den ehemaligen, vom Katholizismus zum Islam übergetretenen deutschen Botschafter in Algier, Murad W. Hofmann, der sich natürlich darüber auslassen musste, dass das Lied „eine große Unkenntnis des Islam“ verrate, und dann schweres Geschütz auffuhr: den Karikaturenstreit von 2006, das Grundgesetz, das Blasphemie verbiete, und ganz allgemein das Allerweltsargument von der Verletzung religiöser Gefühle.

          Es ist denkbar, dass sich auch ein Kirchenfunktionär mit säuerlichem Gesicht zu Wort melden würde, wenn man statt Mohammed den Apostel Paulus bemühte; sonderlich ernst nehmen würde man ihn damit nicht, man ginge wohl einfach darüber hinweg. Und da scheint ein entscheidender Unterschied zu liegen: Sobald es Proteste von Muslimen gibt, ist Brisanz im Spiel. Es hilft aber nichts, bei religiös-kulturellen Differenzen sofort zu einer Kriegsrhetorik zu greifen und im selben Atemzug die Kategorie des Beleidigtseins zu bemühen, die sich der Überprüfung zunächst entzieht. Dass Murad W. Hofmann sich dagegen verwahrt, den Propheten Mohammed zum „Spaßobjekt“ zu machen, deutet immerhin auf ein hierzulande vielleicht noch unterschätztes Problem: Wir leben in einer Gesellschaft, die abgebrühter sein mag als eine muslimisch geprägte, die aber mit ihrem Toleranzgebot nicht immer nur befreiend und kreativ wirkt, sondern oft genug sozialen Druck ausübt: Wer keinen Spaß versteht, macht sich verdächtig und gilt als spießig, gestrig oder fanatisch. Deswegen ist es mittlerweile geradezu erfrischend, wenn Leute in Erscheinung treten, die auf den Humor, den man hier so verbissen zur Primärtugend erklärt, keinen Wert legen und das Risiko eingehen, sich unbeliebt zu machen.

          Gegen diese Tendenzen darf gern einmal vorgegangen werden. Aber man lasse dabei diese Experten aus dem Spiel, die immer gleich die moralisch-ideologische Keule schwingen. Auf Schalke gilt jedenfalls bis auf weiteres: Felix-Magath-Fußballgott!

          Quelle: F.A.Z.

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