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Schachproblem : Denkathleten am Brett

Zwar ist Denken vermutlich kein Sport. Aber herauszufinden, was nach amtlicher Definition Sport sein soll, ist sicherlich eine Denksportaufgabe. Auf jeden Fall hat der Bundestag nun entschieden, dass Schachspieler doch Sportler sind.

          Was ist Sport? Die Antworten darauf bewegen sich zwischen „Sport ist Mord“, was Churchill gesagt haben soll, aber kaum gesagt haben dürfte, weil es sich bei ihm gar nicht gereimt hätte, und den Ende 2013 beschlossenen Förderrichtlinien des Deutschen Olympischen Sportbundes für nichtolympische Disziplinen. Die sprechen von einer „eigenmotorischen Aktivität“ des Sportlers als Kriterium. Ausdrücklich schließen sie die bloße Bewältigung „technischen, motorgetriebenen Geräts“ ebenso aus wie Denksport, Geschicklichkeits- und Glücksspiele.

          Auch „Bastel-, Funk-, Computer- und Modellbautätigkeiten“ seien kein Sport. Womit jenseits der Frage, ob jemals ein Buddelschiffskonstrukteur behauptet hat, er treibe Sport, die Paradoxien schon losgehen. Wie könnte etwa Denksport kein Sport sein? Außerdem muss man etwas von einem Denksportler haben, um sich in den Folgen der Sportdefinition zurechtzufinden. Denn was ist mit Sportlern ohne ausgeprägte eigenmotorische Aktivität wie den Steuerleuten im Ruderboot? Na, gut, eine Bootsbesatzung nur aus Steuerleuten wäre natürlich ein Grenzfall. Aber wie sollte Geschicklichkeit bewiesen werden ohne eigenmotorisches Handeln? Dart kein Sport, aber Curling schon?

          Zappeln kann ja jeder

          Dass Autorennen gerätehalber kein Sport wären, liegt auf der Hand. Andererseits: Dient nicht auch die Eigenmotorik des Galopp- und Trabreiters „überwiegend“ dazu, ein obzwar lebendiges Gerät zu bewältigen? Oder könnte man hier den Begriff des Sportlers um beste Freunde erweitern, um – dann aber zusammen mit den Veranstaltern von Hunderennen – in die Förderzone zu gelangen?

          Schießen wiederum sei ein Sport, erläuterte der CDU-Bundestagsabgeordnete und ehemalige Kunstturner Eberhard Gienger, dem „Schachmagazin 64“, weil es da zwar gerade um die weitgehende Unterdrückung eigenmotorischer Bewegung geht, diese jedoch nur durch körperliches Training erreicht werde. Unterlassen ist eben auch ein Handeln.

          Beim Schach hingegen stünden kognitive Fähigkeiten eindeutig im Vordergrund. Das Magazin hatte Gienger interviewt, weil im Innenministerium aus jenen Richtlinien gefolgert worden war, die Schachförderung einzustellen. Das konnten die Schachspieler nicht hinnehmen. Tatsächlich bedarf es, um eine sechsstündige Partie mit klarem Kopf durchzuhalten, eines körperlichen Trainings. Das Element des kontrollierten Unterlassens liegt beim Schach ebenfalls zutage: Man darf die Figuren nicht probeweise ziehen, und die Konzentration bezieht sich eben auf die Neigung von Gedanken abzuschweifen oder falsch zu sein.

          Damit sind wir bei der eigentlich philosophischen Frage angelangt. Findet Denken im Gehirn statt? Und wenn ja, ist es dann nicht auch ein Fall von Eigenmotorik? Kartesianer verabschieden sich an dieser Stelle und gehen zum Hunderennen. Alle anderen müssen, von der Wesensschau erschöpft, die Wahrheit des sozialen Konstruktivismus hinnehmen: Sport ist, was als Sport betrachtet wird, und förderungswürdig, was man fördern will. So hat es auch der Haushaltsausschuss des Bundestags gesehen und die Subvention für Schach am Ende doch genehmigt.

          Quelle: F.A.Z.

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