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Satireblatt „Canard enchaîné“ Klatschblatt der Republik

27.11.2008 ·  Der „Canard enchaîné“, die beliebte und erfolgreiche tägliche französische Satirezeitung, ist selbst in die Kritik geraten. Ein Buch zweier Journalisten deckt seltsame Verbindungen des Blattes zur Politik auf. Die Redaktion reagiert auf die Kritik hysterisch.

Von Jürg Altwegg, Genf
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Wird das „Tagebuch der Carla B.“ aus dem Elysée diktiert? Füttert der Innenminister die Satirezeitung mit Indiskretionen? „Le canard enchaîné“ sympathisierte mit Mitterrand und schonte dessen skandalumwitterten Außenminister Roland Dumas, der sein Anwalt war – gilt seine heimliche politische Liebe jetzt Sarkozy? Das behaupten Karl Laske und Laurent Valdiguié in ihrem Enthüllungsbuch: „La face cachée du Canard enchaîné“.

Die frechsten Journalisten im Land sind die höchstbezahlten. Der Zeitung ohne Werbung geht es von allen am besten. Die finanzielle Unabhängigkeit ist auf Jahre gesichert. Der „Canard enchaîné“ ist unentbehrlich, vorbildlich, witzig, gut geschrieben, manchmal zynisch bis zum Sarkasmus. Eine einmalige Erscheinung in der Medienlandschaft, eine Institution der Politik. Die wöchentliche Auflage liegt bei einer halben Million, Tendenz steigend: Sarkozy bleibt ein Dauerbrenner für Satiriker. Der „Canard“ ist ein Monument und ein Mythos, den die Redaktion selbst gern zelebriert. Jetzt wird er unter die Lupe genommen. Von zwei Autoren, die gut recherchiert und merkwürdige Zusammenhänge entdeckt haben.

Merkwürdige Verbindungen

Für den „Canard“ hatte schon der Vater des heutigen Chefredakteurs, Michel Gaillard, geschrieben. Als freier Mitarbeiter. Nach dem Krieg wurde Papa Gaillard der Kollaboration bezichtigt und angeklagt. Zu Hilfe eilte ihm ausgerechnet Mitterrand, der selbst eine Vichy-Vergangenheit hatte und Gaillard einen Persilschein ausstellte. Über Jahrzehnte ging der „Canard“ mit Mitterrand glimpflich um. Vor dem Wahlkampf gegen Giscard publizierte er die berühmte Diamanten-Geschichte – und zwischen den Wahlgängen enthüllte er, dass Giscards Minister Maurice Papon in Bordeaux an der Judendeportation beteiligt war. Beide Geschichten spielten beim Machtwechsel eine wichtige, womöglich die ausschlaggebende Rolle.

Jede Woche veröffentlicht der „Canard“ derzeit ein fiktives „Tagebuch der Carla B.“. Pierre Charon, Berater im Elysée, hat den Autoren bestätigt, dass er dem Verfasser regelmäßig Informationen zukommen lasse. Mit Billigung von Carla Bruni, die sich köstlich amüsiere und die Tribüne nutze, um ihre politische Meinung kundzutun. Völlig neu ist diese merkwürdige Form der Zusammenarbeit nicht. Eine intime Chronik aus dem Pariser Rathaus war ebenfalls vom Kommunikationsberater des Bürgermeisters Jean Tibéri diktiert worden. Der „Canard“ informierte gleichwohl unbestechlich über die unsäglichen Ticks und Machenschaften des korsischen Ehepaars Tibéri, das in Wahlfälschungen und Finanzskandale verwickelt war. Auch der jetzige Innenminister Brice Hortefeux, der zu den beliebtesten Zielscheiben der Zeitung gehört, soll eine ihrer ergiebigsten Quellen sein. Er lieferte die Informationen über den Dienstwohnungsmissbrauch des Ministers Gaymard und diesen damit den Medien ans Messer. Gaymard musste zurücktreten. Die Informationen über die Sozialisten stammen vom bisherigen Generalsekretär Hollande, der nach jeder Sitzung einen namentlich genannten „Canard“-Journalisten anrufe.

Hysterische Reaktion

Diese Darstellungen sind erstaunlich gut belegt und in ihrer Logik glaubwürdig. Wer den „Canard“ informiert, kann vielleicht die Publikation anderer Informationen verhindern. Und Indiskretionen streuen. Um dem politischen Gegner zu schaden – dem Rivalen in den eigenen Reihen. Ohne Rücksicht auf die Machthaber hat die Zeitung relevante Enthüllungsgeschichten publiziert. Zugleich ist sie das geschwätzige Käseblatt der Republik. Doch weder der Klatsch noch die journalistischen Knüller sind das Resultat eigener Recherchen. Sie werden der Redaktion zugespielt. Wer mit Informationen aus den Zentralen der Macht sein journalistisches Geschäft betreibt, ist stets in Gefahr, selbst manipuliert zu werden.

Das will der „Canard enchaîné“ nicht wahrhaben. In den letzten Jahren sind ihm die Fähigkeit zur Selbstkritik und die Ironie in eigener Sache weitgehend abhandengekommen. Auf das Buch von Laske und Valdiguié reagiert das Blatt mit hysterischer Empfindlichkeit: „Eine Schmutzkampagne“ unterstellt Michel Gaillard den Autoren. Karl Laske, Redakteur bei „Libération“, war vor zwei Jahrzehnten Mitarbeiter des „Canard“ und habe vergeblich um eine Anstellung gebettelt. Von Valdiguié wird ein ebenso erfolgloses Bewerbungsschreiben veröffentlicht. Das „dreckige Machwerk“, so Gaillard, sei ein Komplott mit dem Staatspräsidenten als Drahtzieher. Weil Valdiguié bei „Paris-Match“ arbeitet, dem Magazin des Sarkozy-Freunds Arnaud Lagardère. Ihm gehört auch der Verlag, in dem das Buch erscheint. Die Informanten der Autoren nennt Gaillard „Frustrierte“, „Neider“, „Gefeuerte“. Das sind genau die Kreise, aus denen der „Canard“ seine Indiskretionen bezieht.

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Jahrgang 1951, Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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