05.05.2010 · Für seine groben Späße wurde das dänische Künstlerduo „Surrend“ bisher zum Vorkämpfer von Kunst- und Meinungsfreiheit erklärt. Seine neue Plakataktion, die den Staat Israel unter der Überschrift „Endlösung“ abdruckt, ist ein infamer Schluss auf die Absichten der Israelkritiker.
Von Lorenz JägerMerkwürdig: Das dänische Künstlerduo „Surrend“, bestehend aus Jan Egesborg und Pia Bertelsen, gilt als frech, provokant und aufmüpfig. Dabei liegen durchweg alle Aktionen der beiden so haarscharf auf der offiziellen Linie des „liberalen Westens“ – wenn man den Begriff nach Art der weiland Regierung Bush versteht –, dass es trotz der mäßig amüsanten dadaistischen Fassade dem einen oder anderen auffiel. Die Tyrannen, gegen die sich die satirischen Aktionen richteten, waren ja eben die Oberhäupter einer erweiterten „Achse des Bösen“.
In der „Teheran Times“ plazierte man eine Anzeige mit dem Bild des Präsidenten Ahmadineschad; senkrecht gelesen, ergaben die Anfangsbuchstaben das Wort „swine“. In der „Tripoli Post“ schaltete man eine Anzeige mit der Adresse „citanulifaddag 2200, Nørrebro, Kopenhagen“, was rückwärts gelesen die Worte „Gaddafi“ und „lunatic“ (Verrückter) ergab. Im Mai 2007 klebte man in Wien vor dem Besuch Wladimir Putins Plakate, die den Präsidenten im Mittelpunkt einer Zielscheibe zeigten. Darüber stand: „Erschießt Putin“, kleingedruckt darunter: „Journalisten?“. In Berlin zeigte die Gruppe vor zwei Jahren das Bild eines Steinheiligtums, das offensichtlich der Kaaba in Mekka nachempfunden war. Bildunterschrift: „Dummer Stein“.
Auf „Missstände in der katholischen Kirche aufmerksam machen“ wollte Egesborg nach eigenem Bekunden, als er 2007 Papst Johannes Paul II. in der Hölle schmoren ließ und ihm dabei auf Polnisch die Worte in den Mund legte: „Zu Beginn meines Aufenthaltes hier in der Mitte des Feuers war ich natürlich ein wenig verstimmt darüber, dass ich als langjähriger, treuer Diener Gottes mit so übertriebenen Typen wie Goebbels und Himmler in den Flammen der Hölle enden sollte. Die beiden sind im Übrigen gar nicht so übel, wenn man sie näher kennenlernt.“ Gegen den „Populismus“ der Linkspartei plakatierte man Bilder von Erich Honecker.
Infame Kritik der Kritiker
Wie gesagt: All dies wurde goutiert und weitläufig mit Ausstellungen und Artikeln in Kunstzeitschriften belohnt. Wer Kritik übte, galt als potentieller Zensor, Spaßverderber oder Fundamentalist. Für „Surrend“ zu sein, das bedeutete, wie der SPD-Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte 2008 erklärte, ein Zeichen „für die Freiheit von Kunst und Kultur“ zu setzen. Nun aber ist die Aufregung groß. Denn in Berlin plakatierte das Duo erneut, diesmal mit einer Landkarte Israels – allein der Staat war ausgelöscht, und an seiner Stelle las man den Namen einer neuen Nation: „Ramallah“. Das Ganze unter der großen Überschrift „Endlösung“.
Wer die Aktionen von „Surrend“ kennt, müsste wissen, was diesmal die Absicht war. Nämlich: nicht irgendeine Attacke auf das Existenzrecht Israels. Vielmehr soll offenbar der Kritik an bestimmten Formen der israelischen Politik durch Konsequenzmacherei der Boden entzogen werden, durch den Gestus: Schaut her, dahin wird es kommen. Durch das Wort „Endlösung“ wird infamerweise suggeriert, dass eben hierin die wahre, aber verschwiegene Absicht der Israel-Kritiker liege.
Publizistische Kehrtwende
Es ist kein gutes Zeichen für den Zustand der deutschen Öffentlichkeit, wenn sie erst die fadenscheinigen Provokationen von „Surrend“ als widerständige politische Kunst feiert und nun meint, so habe man doch nicht gewettet. Hervorgetan in der Empörungsrhetorik hat sich vor allem der ohnehin nicht übermäßig differenziert argumentierende Benjamin Weinthal, Deutschland-Korrespondent der „Jerusalem Post“, gelegentlich Autor im „Tagesspiegel“ und der „Welt“. Er ließ sich von Klaus Wowereit erklären: „Am Existenzrecht Israels kann es überhaupt keine Zweifel geben. Diese Art von Satire trifft nicht meinen Geschmack.“
In der „Welt“ spricht Jacques Schuster nun von „dänischen Rabauken“. So markige Worte hätte man gern früher gehört. Aber bislang – just so lange, wie es gegen den Islam ging – hatte gerade dieses Blatt die „satirischen Aktionen“ der „Künstlergruppe“ stets mit wohlwollender Berichterstattung bedacht.