10.12.2003 · Harald Schmidt soll so rasch wie möglich ersetzt werden. Doch wer sich David Letterman oder Jay Leno zum Vorbild nimmt, wie es jetzt Sat.1 tut, sollte wissen, daß er keinen Schritt nach vorn macht, sondern einen zurück geht.
Was kündigt der Mann da eigentlich an? Ob er überhaupt weiß, wovon er redet? Augenscheinlich nicht. Denn sonst würde Roger Schawinski, der neue Geschäftsführer von Sat.1, wohl kaum von sich geben, es werde nach dem Abgang von Harald Schmidt im Nu eine neue Late-Night-Show geben. Sie soll "aktueller sein", sagte er der "Bild"-Zeitung. Die wichtigste Person und das wichtigste Thema des Tages werde sie behandeln. Das ist ja gut und schön, an die Seh-Traditionen des Schmidt-Publikums anknüpfen zu wollen. Aber wie, bitte, sollen wir das mit der Aktualität verstehen? Schneller als Schmidt ist höchstens der Agentur-Ticker, und der spuckt fürwahr den ganzen Tag über schon genug Unsinn aus. Und wer sich David Letterman oder Jay Leno zum Vorbild nimmt, wie sie es bei Sat.1 jetzt tun, sollte wissen, daß er keinen Schritt nach vorn macht, sondern einen zurück geht. Zurück zu dem wegweisenden Spiel ohne Grenzen von Harald Schmidt aber führt kein Weg.
Seine Produktionsfirma Bonito TV aber trifft Schmidts Entscheidung ebenso hart wie den Sender (dessen Oberchefs es allerdings gar nicht besser verdienen). Die rund neunzig Mitarbeiter, die allein für die "Harald Schmidt Show" gearbeitet haben, verlieren ihre Jobs, wie eine Sprecherin der Firma gestern mitteilte. Schmidt hat seine Sendung seit 1998 selbst produziert, für Kaya Yanars Show "Was guckst du" ist Bonito TV noch zuständig, doch dafür wird die Vielzahl der Mitarbeiter, die an Schmidts eigene Sendung gebunden sind, nicht gebraucht. Die Konkurrenzsender von Sat.1 wären in der Stunde des Desasters zwar wohl alle ganz gerne Profiteure, doch sind die Kommentare ob der frischen Entwicklung naturgemäß zurückhaltend.
Man würde sich freuen, wenn es zu einem Gespräch mit Schmidt käme, heißt es beim ZDF, die ARD teilt mit, daß es keine Verhandlungen gebe, und so soll es sich auch mit RTL verhalten. Seltsam ist mitanzusehen, daß einige Politiker sogleich die Forderung erheben, Schmidt müsse bei den Öffentlich-Rechtlichen in Obhut genommen werden. Das hat er wohl kaum nötig. Er wird sein Refugium finden. Fraglicher denn je aber ist, was aus der Sendergruppe Pro-Sieben-Sat.1 wird, von der man hoffte, daß sie nach der Kirch-Ära endlich einmal in ruhigere Fahrwasser geriete. Doch so irrational, wie dort im Augenblick an der Spitze agiert wird, ist Besserung kaum in Sicht. Da könnte man fast zum Mitteldeutschen Rundfunk gehen. Dessen Intendant Udo Reiter hat Harald Schmidt gestern ein öffentliches Verhandlungsangebot unterbreitet, allerdings wohl eines der weniger ernst zu nehmenden Art.