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Sars Angriff der Gen-Krieger

06.01.2004 ·  Amerika als Buhmann: In China wächst die Akzeptanz für eine neue Theorie zur Entstehung der tödlichen Lungenkrankheit Sars. Wo die Wissenschaft versagt, erobern Amateurdetektive und Krimiautoren das Schlachtfeld.

Von Zhou Derong
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In einer Hinsicht ähnelt Sars, die tödliche Lungenkrankheit, Bin Ladins terroristischer Al Qaida: Wir wissen zwar, daß sie zuschlagen wird, aber nicht, wann und wo genau sie dies tun wird. Jetzt ist es wieder soweit. Eine zweite Schwierigkeit bei Sars ist, daß wir, anders als bei Al Qaida, bis heute immer noch nicht wissen, woher das als Verursacher identifizierte Coronavirus stammt.

Der nächstliegenden Vermutung zufolge kommt es aus dem Tierreich - bekanntlich ist die Küche der südchinesischen Provinz Guangdong, wo Anfang 2003 die Lungenseuche ausbrach, berühmt für ihre exotischen Exzesse. Ein kulinarischer Spruch aus Guangdong lautet: "Alles, was kriechen und fliegen kann, wird verspeist." Allerdings haben im Laufe der Zeit derart viele Tierarten zu der einzigartigen Küche der Provinz beigetragen, daß selbst die schlausten Wissenschaftler noch nicht entschlüsseln konnten, von welchem Tier genau das Coronavirus auf den Menschen übergesprungen ist. Derzeit ist angeblich die Zibetkatze der Favorit - sehr zu ihrem Schaden. Allerdings handelt es sich in Wahrheit um den Larvenroller, von der Zibetkatze sprechen die Deutschen nur dank eines Übersetzungsfehlers.

Versagen der Wissenschaft

Aber auch die Schleichkatzentheorie ändert nichts daran, daß die Wissenschaft bislang versagt hat. Deshalb erobern mittlerweile Amateurdetektive und Krimiautoren das Schlachtfeld. Die zur Zeit spannendste Theorie stammt von einem Mann namens Tong Zeng, der ganz im Geist des internationalen Terrorismus die Behauptung eines imperialistischen antichinesischen Terroranschlags mit Gen-Waffen aufgestellt hat. Vor zwei Monaten erschien Tongs Buch "Die letzte Verteidigungslinie - Sorgenvolles Nachdenken über den Verlust der chinesischen Gene" (Verlag für Sozialwissenschaften, bereits 20 000 Exemplare Auflage).

Für seine Theorie bringt der Autor alle nötigen Qualifikationen mit: So hat er zwar zuerst Wirtschaft studiert, wurde aber anschließend wie die meisten aktuellen internationalen Bestseller-Autoren in Jura promoviert, in internationalem Recht an der renommierten Pekinger Universität. Einen Namen machte sich der Siebenundvierzigjährige als Zivilkläger im Prozeß gegen japanische Kriegsverbrechen. Heute zählt er zu den bekanntesten Patrioten, die aus der Bewegung der chinesischen Nichtregierungsorganisationen der neunziger Jahre hervorgegangen sind.

Fragen im stillen Kämmerlein

Während der Sars-Zeit im letzten April las Tong in unfreiwilliger Isolation allein zu Hause Zeitung für Zeitung. Nach einiger Zeit kam, was kommen muß, wenn ein kluger Kopf zu lange in einem engen Zimmer eingesperrt wird: Er begann Fragen zu stellen: "Warum starben nur Chinesen, aber kein einziger Inder und Araber in unseren Nachbarstaaten?" Er schaute auch nach Rußland, nach Japan, nach Amerika. Andere Tote als Chinesen? Überall Fehlanzeige. Da schlug Tongs Kopf Alarm. Am 11. April stellte zudem in Moskau das Duma-Mitglied Sergei Kolesnikov, ein führender Mediziner seines Landes, die gewagte These auf, daß Sars eine Biowaffe sein könne, die versehentlich aus einem chinesischen Militärlabor nach außen gelangt sei. Denn seiner Ansicht nach sei das Virus eine Hybride, deren Erzeugung nur unter Laborbedingungen gelingen könne. Diese russische Spekulation wurde zwei Tage später zur Schlagzeile der Hongkonger Zeitung "Ta Kong Pao" - allerdings verkürzt um das angeblich unzuverlässige chinesische Militärlabor.

Als diese Schlagzeile Tong erreichte, diente sie ihm als letztes Mosaiksteinchen. Er analysierte die prekäre Sicherheitslage Chinas und stellte fest, daß sein Vaterland, abgesehen von nur zwei Bruderstaaten, Nordkorea und Pakistan nämlich, von mehr oder weniger feindseligen Nachbarn umzingelt ist. Dann untersuchte er mögliche Motive und folgerte schließlich: Das Sars-Virus müsse eine Koproduktion der abtrünnigen Provinz Taiwan und der Vereinigten Staaten sein.

Verdächtige Indizien

Dann aber überschlugen sich die Ereignisse. Ende April erreichte Sars auch Taiwan und forderte dort insgesamt siebenunddreißig Tote. Zu Hause in Peking vertiefte sich Tong erneut in seine Zeitungslektüre. Und wieder stieß er auf eine Reihe verdächtiger Indizien. Eines der wichtigsten stammte von ihm persönlich. Nach seiner Promotion hatte Tong zuerst im China Research Centre on Aging gearbeitet, wo 1997 ein chinesisch-amerikanisches Forschungsprojekt über die Langlebigkeit von Bauern gestartet wurde.

Für die Amerikaner, die das Projekt finanzieren, sind die alten Bauern in China von hohem wissenschaftlichem Interesse, weil sie nahezu das ganze Leben in ihrem jeweiligen Dorf verbracht haben. Das erleichtert die wissenschaftliche Lokalisierung möglicher genetischer wie Umwelteinflüsse erheblich. Dann aber versuchten die amerikanischen Wissenschaftler, illegal Blutproben einzusammeln und diese in die Vereinigten Staaten zu bringen. Als Tong das seinerzeit erfuhr, kritisierte er öffentlich das amerikanische Vorgehen, weil es nicht nur gegen chinesische Vorschriften, sondern auch gegen die Menschenrechte der ahnungslosen Bauern verstoße - mit der Folge, daß er kurz danach entlassen wurde, weil er mit seiner Kritik dem Staat geschadet und dem Forschungsinstitut enormen finanziellen Verlust zugefügt habe.

„Genraub“

In seinem Buch nennt Tong nun noch weitere gemeinsame Forschungsprojekte. Darunter auch eines der Harvard-Universität, das sich vor drei Jahren der Asthmaerforschung widmete. Xu Xinping, Projektleiter und Professor in Harvard, hatte damals unter dem Vorwand einer Gratisuntersuchung in der Provinz Anhui hunderttausend Blutproben eingesammelt. Mehr als sechzehntausend nahm er mit nach Harvard. Die "Washington Post" sprach seinerzeit von skrupelloser Ausbeutung der chinesischen Bauern, die man ihrer Gene beraubt habe.

Tong aber entdeckte noch mehr: Amerikaner sammelten nicht nur fleißig und mit großem finanziellen Aufwand solche Genproben, sondern in amerikanischen Labors habe man auch schon lange mit dem Coronavirus herumexperimentiert. Dann zählte er eins und eins zusammen, und es ging ihm ein Licht auf: Sars muß durch eine auf China zielende Gen-Waffe ausgelöst worden sein. Bis zum 11. Juli 2003 sind weltweit 8437 Menschen mit Sars infiziert worden, sechsundneunzig Prozent davon waren ethnische Chinesen. Derselbe Prozentsatz gilt auch bei den Toten. Und schließlich: Die "Superspiders" - so nennen Forscher jene mysteriösen Sars-Viren, die besonders ansteckend sind - seien meistens bei älteren Chinesen zu finden gewesen, und für deren genetische Struktur hatten sich die Amerikaner ja so sehr interessiert.

Antiamerikanische Verschwörungstheorien hoch im Kurs

Sind das alles Hirngespinste? Die chinesischen Medien, die sich gewöhnlich hocherfreut auf solche antiamerikanischen Verschwörungstheorien stürzen, hielten sich mit Kommentaren auffällig zurück, als Tongs Buch Anfang Oktober auf den Markt kam. Denn es kam unpassend: Peking ist inzwischen zum Schmusekurs gegenüber Washington übergegangen. So wurde Tongs Theorie anfangs von chinesischen Wissenschaftlern abgelehnt. Inzwischen aber lassen sie doch wieder eine Hintertür offen. So sprach neulich Zhong Nanshan, Mediziner aus Guangdong und kommunistischer "Held" im Kampf gegen Sars, davon, daß "die gelbe Rasse gegenüber Sars wegen eines genetischen Defekts besonders anfällig" sei. Hou Yuande, ein angesehener Biologe, vertrat vor drei Wochen in Peking auf einem internationalen Forum zu Sars die Ansicht, daß das Virus im Labor erzeugt worden sein könnte. Tröstlich nur, daß jedenfalls die Wissenschaft siegt, wie immer die Geschichte auch ausgeht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.01.2004, Nr. 5 / Seite 31
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