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Goethes Islambild : Herr, mache ihnen Raum in ihrer engen Brust

  • -Aktualisiert am

Corpus Delicti: Der „West-östliche Divan”, hier in der Erstausgabe von 1819, ist die umfangreichste Gedichtsammlung Goethes. Bild: Frankfurter Goethe-Haus

Goethe schrieb den „West-östlichen Divan“ mit fasziniertem Blick auf den Orient, aber sein Verhältnis zum Islam ist kritischer als heute oft behauptet. Dass er sein Mohammed-Projekt fallen ließ, ist kein Zufall. Goethe erkannte den Grundkonflikt des Propheten.

          In seinem in dieser Zeitung kurz nach seinem Tod veröffentlichten Vermächtnis (Islam ist nicht Fanatismus) deutet der Frankfurter Islamprediger Hadayatullah Hübsch die Sure 2, 257 – „In Glaubensdingen (ad-din) darf es keinen Zwang geben“ – als „Glaubensfreiheit in vollem Umfange“; dabei spricht er von sich. Tatsächlich bedeutet „ad-din“ nicht Glaubensfreiheit, sondern nur, dass der Gläubige seinen religiösen Pflichten freiwillig nachkommen soll.

          Ansonsten wiederholt Hübsch leider nur die ideologischen Konstruktionen, die Goethe und seinen „West-östlichen Divan“ für die Sache des Islams zu vereinnahmen suchen: „Wer sich selbst und andere kennt / Wird auch hier erkennen / Orient und Okzident / Sind nicht mehr zu trennen.“ Diese Zeilen gelten manchen Interpreten als ein Bekenntnis Goethes zum Islam, anderen, wie Rafik Schami, als „Liebeserklärung an den Orient“.

          Das verweltlichte Heilige

          Aber so einfach ist der deutsche Dichterfürst dann doch nicht zu haben. Sein Verhältnis zum Islam ist vielschichtiger und widersprüchlicher als behauptet. Nicht nur kritisiert der Geheimrat die „offensichtliche Benachteiligung“ der Frauen und das Weinverbot im Islam – für ihn Zeichen der „düsteren Religionshülle“, die der Prophet seinem Stamme aufgezwungen habe; an der Figur Mohammeds thematisiert er darüber hinaus den bis heute gültigen Grundkonflikt des Islams: ein Glaube, der sein „Göttliches“, seine spirituelle Dimension, verliert, weil der Prophet versuche, das „Himmlische, Ewige in den Körper irdischer Absichten“ einzuzwängen und sich so des Heiligen „am Ende gänzlich begibt“.

          Als dreiundzwanzigjähriger Rechtsreferendar, der sich gerade mit den Werken von Sokrates, Homer und Platon beschäftigte, fiel Goethe eine auf der Frankfurter Buchmesse 1771 erschienene „türkische Bibel“ auf, nach deren Lektüre er an Gottfried Herder enthusiastisch schrieb: „Ich möchte beten wie Moses im Koran: ,Herr mache mir Raum in meiner engen Brust!‘“ Besonders fasziniert war er von der Himmelsreise: „Und was sollte den Dichter hindern, Mahomets Wunderpferd zu besteigen und sich durch alle Himmel zu schwingen? Warum sollte er nicht ehrfurchtsvoll jene heilige Nacht feiern, wo der Koran vollständig dem Propheten von obenher gebracht ward? Hier ist noch gar manches zu gewinnen.“

          Mohammeds Dilemma

          Nach der inspirierenden Lektüre des Korans fasste er den Plan zu einem großen „Mahomet-Projekt“, für das er fleißig Suren und Hadithe exzerpierte. An Mohammed interessiere ihn, schrieb er später im Rückblick auf diese frühen Jahre, in welche Gefahr gerät, wer anderen das Heil bringen möchte. Eigentlich hatte Goethes Mahomet-Projekt eine große Tragödie werden sollen von einem, der auszog, seine Mitmenschen zu bekehren; aber der Heilsbringer, das entdeckte Goethe im Laufe seiner Studien, muss unausweichlich zur Gewalt greifen. Durch, wie es Katharina Mommsen in ihrer Studie über „Goethe und die Arabische Welt“ ausdrückt, „rigorose, weltliche Mittel“, die er dabei einsetzt, durch die mit „Waffengewalt und Krieg“ erkämpfte Durchsetzung des neuen Glaubens verstricke sich Mohammed in Schuld; je mehr er seine Gegner bezwinge, je mehr es ihm gelinge, seine Religion „zur öffentlichen“ zu machen, desto stärker verliere er das „Göttliche“ aus den Augen. Er wird zum Verräter am Heiligen.

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