http://www.faz.net/-gsj-6kns9

Intelligenz von Menschen und Ethnien : Was ist dran an Sarrazins Thesen?

  • -Aktualisiert am

Thilo Sarrazin am Montag nach einer Radiodiskussion in Berlin Bild: AFP

Die Arbeiten der Entwicklungspsychologen und Begabungsforscher Heiner Rindermann und Detlef Rost wurden zu den wichtigsten Quellen für Thilo Sarrazins Deutschland-Buch. Jetzt schreiben sie, was an Sarrazins Thesen ihrer Meinung nach Bestand hat - und was nicht.

          Die deutsche Öffentlichkeit erfährt durch das enorme Echo auf Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ manche als politisch nicht „korrekt“ angesehene und tatsächlich auch gesellschaftlich heikle Details über das Zusammenspiel von Intelligenz, Wirtschaft, Religion und Demographie. Für viele ist es schockierend, dass Intelligenz im Kontext von Minderheiten, Vererbung und dem Islam genannt wird. Es besteht die Gefahr der Stereotypisierung: Als Folge können Angehörige der benannten Gruppen unabhängig von ihren individuellen Merkmalen mit negativen Attributen belegt werden. Deshalb ist bei diesen Themen besondere Sorgfalt in Forschung und Begrifflichkeit - politisch wie ethisch - geboten.

          Sarrazins Bestseller ist gespickt mit Zahlen, Tabellen, deutschen und englischen Zitaten und Forschungsergebnissen aus den Bereichen Intelligenz, Bildung, Wirtschaft, Kultur und Demographie, die unter dem Gesichtspunkt der Relevanz für Gesellschaft und Kultur miteinander verknüpft werden. Sarrazin argumentiert, zumindest was das Psychologische angeht, für einen Laien bemerkenswert differenziert; Korrelation wird von Kausalität unterschieden, andere Ansichten werden zitiert und argumentativ bewertet.

          Stichprobenartig haben wir im Buch abgedruckte Tabellen mit den jeweiligen Quellen verglichen und Sarrazins Berechnungen nachgeprüft; nennenswerte Fehler konnten wir in diesen Stichproben nicht finden. Obwohl fachfremd, scheint Sarrazin das, was er in psychologischen Fachbüchern gelesen hat, im Wesentlichen verstanden zu haben. Manche Details hätte man aber präziser und ausführlicher darstellen können.

          Sarrazins Buch ist im Grunde genommen eine Art bürgerlicher Kampfschrift für Stabilität und Disziplin, Eigenverantwortung und Leistungsprinzip, Realismus und Pragmatismus, Erziehung und Fleiß. Gestützt auf unsere Expertise als Psychologen, fokussieren wir in unserem Beitrag Sarrazins fünf intelligenz- und bildungsbezogenen Hauptthesen.

          Hängt Wohlstand von Intelligenz ab oder Intelligenz von Wohlstand?

          Dass kognitive Kompetenzen nicht wenig mit nachhaltigem Wirtschaftserfolg zu tun haben, stellt die Grundlage der durch die Wirtschaftsorganisation OECD durchgeführten Pisa-Studien dar. Empirische Untersuchungen belegten enge Zusammenhänge zwischen kognitiven Kompetenzen - seien sie durch Intelligenztests oder durch Schulleistungstests gemessen - und dem Bruttoinlandsprodukt wie dem Wirtschaftswachstum. Unklar ist jedoch der Ursache-Wirkungs-Zusammenhang: Führt Intelligenz zu Wohlstand, oder ist es nicht vielmehr umgekehrt, hat Wohlstand eine bessere Intelligenz zur Folge? Stehen vielleicht hinter diesem Zusammenhang unbekannte weitere Faktoren?

          Erst bei einer Feinanalyse der Zusammenhänge wird deutlich, dass insbesondere das Fähigkeitsniveau der etwa fünf Prozent kognitiv Leistungsfähigsten einer Gesellschaft besonders relevant ist, weil diese Personen für technische Innovationen und deren Adaptation, für die Steuerung in Betrieben und Verwaltungen und für die Funktionalität komplexer Systeme die größte Verantwortung tragen. Außerdem sind kognitive Kompetenzen von der Qualität der Erziehung und Bildung abhängig. Intelligenz ist immer ein in Kausalnetze eingebundener Faktor. Je komplexer ein Wirtschaftssystem ist, desto mehr hängen seine Erfolge von kognitiven Kompetenzen ab.

          Weitere Themen

          Das Böse im Menschen

          Neue Studie : Das Böse im Menschen

          Psychologen haben den dunklen Kern der Persönlichkeit untersucht. Ihre wichtigste Erkenntnis: Wer den sogenannten D-Faktor hat, hat gleich neun schlechte Eigenschaften und ist damit zu vielen Schandtaten bereit.

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Topmeldungen

          Bei Maybrit Illner geht es um den Rückzug von Angela Merkel: Was bedeutet das für Grüne und AfD?

          TV-Kritik „Maybrit Illner“ : Das Ende der Beliebigkeit

          Der Amtsverzicht der CDU-Parteivorsitzenden scheint eine neue politische Dynamik auszulösen. Bei Maybrit Illner geht es aber auch um die Frage, was das für die Grünen und die AfD bedeuten könnte.
          Linksextreme, die durch die Straßen zogen und randalierten, prägten das Bild des G20-Gipfels in Hamburg.

          FAZ Plus Artikel: Linksextremismus : Moralisch wertvolle Gewalt?

          In der Öffentlichkeit wird vor allem rechtsextreme Gewalt thematisiert. Dabei offenbart sich im Linksextremismus eine neue Qualität der Gewalt – sie wird organisierter, enthemmter und versteckt sich zunehmend hinter anschlussfähigen Parolen, wie dem Klimaschutz.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.