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Sarkozy im Comic Achtung! Sympathiegefahr!

12.08.2009 ·  Im Sommer schaut ganz Frankreich auf den Strandurlaub der Prominenz: Das französische Präsidentenpaar gibt dabei das beliebteste Thema für Satiren ab. Der Zeichner Martin Vidberg hat daraus eine Bildergeschichte gemacht, die unbeabsichtigt Sympathien für Sarkozy weckt.

Von Jürg Altwegg, Genf
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Frankreich ereifert sich über das emblematische Bild des Sommers: Ist es das Werk eines Paparazzo oder vielleicht doch gestellt und dann gezielt vertrieben worden? Es zeigt Nicolas Sarkozy und seine Gattin. Dem kleinen Staatspräsidenten reicht das Wasser bis zu den Knien. Er hat eine Badehose an, sein Bauch ist flach wie ein Waschbrett. Neben ihm, mehr liegend als stehend, die lange Carla im Bikini. Lieblich lächelt das Mittelmeer. Kein Sand unter den Füßen - Felsen geben die Kulisse ab. Das Foto soll an der Côte d'Azur aufgenommen worden sein, wo das Präsidentenpaar in der Villa der Familie Bruni seinen Sommerurlaub verbringt. Es geht durch die Klatschpresse, die im August ihre höchsten Auflagen des Jahres erreicht, und die Tageszeitungen.

Auch im Internet steigen die Temperaturen. Das Foto hat in der Blogosphäre - nicht nur der Lifestyle-Journalisten - eine Welle höchsten Entzückens ausgelöst. Die Präsidentengattin trägt einen Sonnenhut und gleichzeitig Schwimmflossen. Beides passt nicht gut zusammen. Der Zeichner Martin Vidberg hat daraus eine Bildergeschichte gemacht. In seinem Comic erspähen Carla und Nicolas am Strand in fünf Meilen Entfernung ein Schiff. Und setzen sich prompt in Szene. Als das Boot am Horizont verschwindet, geben sie sich leicht enttäuscht wieder etwas natürlicher. Und gehen baden - es könnte aber auch sein, dass sie aus Unachtsamkeit ins Wasser gefallen sind.

Spott dem Kulturlosen

Die Episode ist Teil der Sommerserie „Les vacances de Monsieur Sarkozy“, die Vidberg für „Le Monde“ zeichnet. Er geht dabei stets von Fotos aus, die im Internet zirkulieren oder von den Klatschillustrierten veröffentlicht werden. Die Kommentare auf der Internetseite der Tageszeitung sind voller Begeisterung.

Auch in den Ferien hat Frankreich nur ein einziges Thema. Für den linken „Nouvel Observateur“ schreibt François Caviglioli Madame de Lafayettes Roman „La Princesse de Clèves“ um. Dieses Buch hatte Sarkozy mehrmals verhöhnt; es wurde zum ironischen Symbol seiner Unbelesenheit und Kulturlosigkeit. Als Akt des Widerstands gegen seine Bildungspolitik wurde der Roman in den Schulen gelesen - Zehntausende von Exemplaren sind in den letzten Monaten verkauft worden. Auch als Strandlektüre.

Lehrjahre eines Präsidenten

In der Version von Caviglioli gibt Carla Bruni die leicht lächerliche und übertrieben geschraubte Prinzessin, die verzweifelt versucht, ihrem Gatten, dem „Président Chouchou“, Manieren und ein bisschen Bildung beizubringen. Carla wird als wilde „Jägerin“ beschrieben, deren „heiße Abenteuer sie in die Zirkel der Philosophen geführt haben“: eine Anspielung an ihre Liaison mit dem Philosophen Raphael Enthoven, den sie in Bernard-Henri Lévys Ferienresidenz in Marrakesch der Tochter des Hausbesitzers ausspannte. Und dann wieder verließ, weil sie von der Macht fasziniert war „und von diesem nervösen, flatterhaften Mann, der aus seinem Leben eine permanente Show macht“.

Der witzige Fortsetzungsroman im gezierten Stil der höfischen Literatur ist auch ein Akt des Protests im eigenen Haus. Zum Entsetzen der übergangenen Redaktion hatte ihr Chef ein Interview mit Sarkozy geführt und ins Blatt gerückt. Seit Sarkozy mit Carla Bruni verheiratet ist, muss er Bücher lesen und andere Filme als ausschließlich amerikanische Western anschauen. Das Interview im „Nouvel Observateur“, dem Nachrichtenmagazin der Sozialisten und linken Intellektuellen, war der spektakulärste Versuch, der Welt die Versöhnung Sarkozys mit der Kultur zu vermitteln. Mit der Ernennung von Frédéric Mitterrand zum Kulturminister hat er sie besiegelt.

Unbeabsichtigte Nebenwirkungen

Und vierzehn Schriftsteller schreiben einen Ich-Roman für Sarkozy: Mit diesem Programm geht „Libération“ durchs Sommerloch. Die Autoren - unter ihnen bekannte Literaten wie der Krimiautor Patrick Raynal - beschreiben aus der Sicht des Präsidenten die Episoden und Anekdoten, die seine Amtszeit prägen. Es geht um die Rolex-Uhr und um die Ferien auf der Luxusyacht des befreundeten Medienunternehmers Vincent Bolloré. Um den Verzicht des Cola-Trinkers auf Alkohol. „In Bed with moi“ lautet die Überschrift eines Kapitels. Die Beiträge sind von unterschiedlicher Originalität, aber durchweg geprägt von einer großen Lust der Schriftsteller, sich in Sarkozy hineinzuversetzen. Seine Eitelkeit und sein Ehrgeiz, seine unsäglichen Eskapaden und unerklärlichen Erfolge machen ihn zur ergiebigen Romanfigur.

Mit jedem Kapitel, mit jedem Comic wird Sarkozy seinen Landsleuten vertrauter. Und irgendwie auch liebenswürdiger. Das zeigen die Reaktionen auf Martin Vidbergs Sommerserie. Er hat ihr inzwischen eine Warnung vorangestellt: „Achtung! Die Lektüre dieser Bildergeschichten kann offensichtlich dazu führen, auf Kosten des politisches Verstandes Sarkozy sympathisch zu finden.“ Ob diese unbeabsichtigten Nebenwirkungen, wie Martin Vidberg hofft, „nach vierundzwanzig Stunden vergehen“, bleibt mehr als zweifelhaft.

Geschichten für einen Sommer

Frankreichs Politik verkomme zur medialen Fortsetzungsserie, erklärte Christian Salmon nach dem Zusammenbruch Sarkozys beim Joggen. Salmon ist der führende Experte fürs „Storytelling“, dessen Methoden Sarkozys Kommunikationsberater perfekt beherrschen. Auch in den Ferien führen sie noch Regie. Den Zwischenfall beim Joggen haben sie als Zeichen der Vermenschlichung des Präsidenten in ihre Inszenierung eingebaut. Der Erfolg ist überwältigend.

Die politische Linke bleibt angesichts dessen sprachlos. Und selbst für die kritischsten und trockensten der seriösen Medien im ganzen Land - eben „Nouvel Observateur“, „Libération“ und „Le Monde“ - sind Scherz, Satire und Ironie die einzige Antwort auf Sarkozys Omnipräsenz. Noch fehlt als Pointe der zappelige Präsident im Taucheranzug und mit Schwimmflossen am Strand, der wie ein Froschkönig von seiner Prinzessin geküsst wird. Aber schon in seinen ersten Akten entpuppt sich das scheinbar seichte französische Sommertheater wieder einmal als Avantgarde des politischen Alltags. Bis Ende August darf gelacht werden, herzhaft und auf beachtlichem Niveau.

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Jahrgang 1951, Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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