Offen gesagt: Ich kann mich an keine publizistische Äußerung der großen Lyrikerin Sarah Kirsch erinnern, die mich wirklich irritiert, die mich tatsächlich beeindruckt hätte.
Das mag damit zusammenhängen, daß ihr, ähnlich wie der Else Lasker-Schüler, wie der Anna Seghers oder der Ingeborg Bachmann, das kühl-exakte, das methodische, von Begriff zu Begriff schreitende Denken letztlich eher fremd ist - oder zumindest fremd scheint.
Ihre Gedichte sind natürlich von unterschiedlicher Qualität. Es mangelt nicht an schwachen oder gar mißratenen poetischen Gebilden. Nur gilt das ebenfalls für die bedeutendsten Lyriker, von Goethe und Hölderlin bis Brecht. Aber alle Gedichte von Sarah Kirsch, die frühen wie die späten, sind authentisch. Das soll heißen: Auch wenn ihr gelegentlich nicht gelingt, was sie vermutlich wollte, bleibt sie sich treu - ihrem Ton und Thema, ihren Melodien und Motiven, ihrer stets gegenwärtigen, ihrer nicht nachlassenden Sehnsucht.
Keine Welt ohne die Liebe
Wonach sehnt sie sich denn? Nach Freude, nach Erfüllung, nach Glück? Vielleicht genügt hier ein einziges Wort, jenes, das, wie Philologen errechnet haben, in Goethes Werk am häufigsten vorkommt: das Wort Liebe. Von ihr ist in der Poesie der Kirsch stets die Rede, auch dann, wenn sie sich scheut, sie zu erwähnen: Ohne die Liebe im weitesten und tiefsten Sinne kann und will sie die Welt nicht wahrnehmen.
Diese Dichterin ist, könnte man sagen, eine Panerotikerin. Erotisch ist ihr Verhältnis zur Natur, zu den Menschen und den Tieren, zum Mond, zur Sonne und zu den Sternen, zum ganzen Universum und schließlich, in ihren Sturm- und-Drang-Jahren, sogar zur Politik, sogar, man wird es kaum glauben, zu dem Land, das eine Zeitlang ihre Heimat war, zur Deutschen Demokratischen Republik.
Geschenk und Gnade
Die Liebe ist in ihren Versen ein Geschenk und eine Gnade. Sie ist ein Segen und, nicht selten, ein Fluch, auf den sie gleichwohl niemals verzichten will. Für die Liebe nimmt sie alles in Kauf. Stolz und herausfordernd bekennt sie: „Lieber zu Zweit verhungern als Einzeln / In goldenen Wagen spazierenfahren.“ Trotzig und traurig zeigt sie, daß die Welt schlecht ist. Denn sie verhindert das Glück der Liebenden.
Schwermütig und sprunghaft geht sie auf Entdeckungsreisen. Was will sie denn finden, was entdecken? Die Kontinente der eigenen Seele. Höchst egozentrisch also und dennoch höchst erfolgreich? Nein, nicht dennoch, sondern ebendeshalb. So war es immer, auch schon in der Antike: Indem die Sappho von sich selber sprach, sprach sie im Namen anderer, in unser aller Namen.
Das gilt auch für Sarah Kirsch: Ob himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt - sie schreitet den ganzen Kreis der Schöpfung aus, vom Himmel durch die Welt zur Hölle, und verwandelt alles, demütig und übermütig zugleich, in die Szene ihrer Liebe und ihrer Leiden. Es ist eine unvergeßliche Szene. Sarah, seien Sie bedankt, seien Sie umarmt.