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Sanierter Stasi-Amtssitz : In Mielkes verbotener Stadt

Zentrum der Macht: Dies war Mielkes Arbeitszimmer bis zum für ihn und seinesgleichen bitteren Ende Bild: Julia Zimmermann

Einst war es Hochsicherheitstrakt und Zentrale einer unkontrollierten Macht: Im Haus 1/Normannenstraße regierten der Stasi-Chef und seine Generäle. Jetzt ist es ein Museum der Repression.

          Es ist immer noch eine Festung, deren unzählige Gebäude über die Jahrzehnte so wild und unkontrolliert wucherten wie die Behörde, die sie einst beherbergte: den Staatssicherheitsdienst der SED. Allein die Berliner Zentrale beschäftigte schließlich sechsunddreißigtausend Tschekisten. Bis zum Januar 1990 versahen sie ihre geheimen Dienste in der verbotenen Stadt zwischen Normannenstraße und Frankfurter Allee, bis das empörte Volk sie stürmte und verwüstete.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Natürlich ist längst aufgeräumt worden; doch seine düstere, abweisende Aura wird dieser scheußliche Unort nie abstreifen. Für normales städtisches Leben bleibt er unbrauchbar, nur die Holzbude einer seltsamen Pferdemetzgerei behauptet sich seit über einem Jahrzehnt im konturlosen Innenhof zwischen Dutzenden Häusern. Es gibt turmartige und flache, frei stehende und dazwischengeklemmte; keines Architekten Ideen folgend, wurden sie seit 1950 einfach dort hingebaut, wo halt noch Platz war im zwei Hektar großen Stasi-Sperrbezirk.

          Außenansicht von Haus 1: seine düstere, abweisende Aura wird dieser scheußliche Unort nie abstreifen Bilderstrecke

          Gleich hinter dem Pferdeimbiss erhebt sich das berüchtigte Haus 1, Erich Mielkes Amtssitz bis zum für ihn und seinesgleichen bitteren Ende. Auch nach gründlicher Renovierung sieht das um 1960 für Mielke errichtete Gebäude so stasinaturbelassen aus wie eh und je - eine ästhetische Zumutung innen wie außen. Daran nur das Allernotwendigste, der Benutzbarkeit des Hauses als Museum Förderliche zu ändern gehörte zu den strengen Auflagen des Denkmalschutzes für die immer wieder aufgeschobene Sanierung. Haus 1 soll bleiben, was es war: ein Symbol für Täterschaft in dunklen Diensten, für Staatsterror und Verrat. Auch darum wird es nun ein Geschichtsmuseum.

          Langer Kampf um exemplarische Darstellung deutscher Geschichte

          An diesem Wochenende öffnet "Haus 1/Normannenstraße" wieder seine Tore, die immer noch vom Lochmuster gewaltiger Betonelemente verdeckt sind. Ein authentischer Ort der untergegangenen Macht, wie Berlin nur wenige behalten hat, zumal um das Haus und seine künftige Bestimmung zwanzig Jahre lang heftig gestritten wurde. Ein Finanzamt wollte hier einziehen, dann ein Supermarkt, aber die Bürgerkomitees, die sich hier nach dem Januarsturm niederließen, haben das erfolgreich bekämpft. Sie haben unbeirrbar - manche sagen auch unbelehrbar - daran festgehalten, dass die ehemalige Stasi-Zentrale ein exemplarischer deutscher Geschichtsort ist, den zu erhalten sie angetreten sind.

          Es hat Gutachten gegeben für den Bundestag, die genau das in Zweifel zogen, die verlangten, die geschichtspolitische Aufgabe den "Amateuren" wegzunehmen und in die Hände professioneller Historiker zu legen. Doch scheiterten alle diese Versuche am Starrsinn vor allem der "Antistalinistischen Aktion", kurz Astak, zu der sich einige Bürgerkomitees schließlich zusammenschlossen. Der zähe Streit enthob zudem die Politik der Pflicht, das Geld für eine Dauerausstellung und die teure Sanierung zu beschaffen. Erst die jüngste Weltwirtschaftskrise und die zu ihrer Bewältigung erfundenen Konjunkturprogramme machten es möglich: Plötzlich waren elf Millionen Euro da, die verbaut werden mussten und Mielkes düstere Festung zu einem herzeigbaren Ort politischer Bildung machten.

          Der erste Höllenkreis der DDR

          Die Astak aber ist auf diese Weise ans Ziel gekommen. Gemeinsam mit der Stasi-Unterlagen-Behörde, deren Archive die Gebäude gleich nebenan beherbergen, wird sie dieses Museum nun betreiben. Die Astak-Sammlungen dürfen in einer eigenen Ausstellung gezeigt werden, daneben wird es eine professionelle Dauerausstellung geben, eine Dokumentation der Geschichte des SED-Repressionsapparates im Kontext der kommunistischen Diktatur.

          Noch dominiert der freie Astak-Stil. Gleich im Foyer, hinter protzigen Säulen, deren Marmor aus Hitlers Reichskanzlei stammen soll, steht ein Transporter; das Firmenlogo an der Seite - "Sanitäre Anlagen" - ist vergilbt, ein Fenster verbirgt Gitterstäbe hinter geraffter Dederon-Gardine. Ein Gefangenentransporter, der seine Menschenfracht verbarg, ganz so wie die harmlos wirkenden Moskauer Brotwagen aus Solschenizyns GULag-Roman "Der erste Kreis der Hölle". Haus 1 war der erste Höllenkreis der DDR. Auch darum ist die zweite Etage, nun auf immer in der Obhut der Astak, der Mittelpunkt dieses Museums.

          Verdruckster Geschmack als Symptom der Menschenfeindlichkeit

          Hier residierte Erich Mielke fast drei Jahrzehnte lang auf sechshundert Quadratmetern; eine sogenannte Hebelschubanlage transportierte jede gewünschte Akte aus den Kellern der Festung auf seinen gewaltigen Schreibtisch. Die Sanierer haben gründliche Arbeit geleistet: So krachend blau leuchteten die Polyesterbezüge der Ministersessel noch nie.

          Und doch atmen diese Räume in überwiegend faden Farben, mit ihren durchgesessenen Stühlen, Sofas, hässlichen Topfpflanzen und allerlei Kunstgewerblichem immer noch die piefig-brutale Atmosphäre von einst, zeigen den verdrucksten Kleine-Leute-Geschmack einer menschenfeindlichen Macht, die ein ganzes Land in Angst hielt.

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