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Salzburger Depeschen (VI) Der Vormarsch der braunen Schuhe

12.08.2009 ·  Die Salzburger Festspiele haben ihren Skandal. Die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz schmäht sie als faschistoides Spektakel, das im Geschmacksdiktat der Sponsoren sichtbar werde. Patrick Bahners hat sich Festspiel-Garderoben angesehen und gibt Entwarnung.

Von Von Patrick Bahners, Salzburg
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Die Festspiele haben ihre Faschismusdebatte. Originell an den Vorwürfen der österreichischen Schriftstellerin Marlene Streeruwitz ist, dass die von ihr behauptete ideologische Kontinuität vom restaurativen Programm der Gründerjahre über den Austrofaschismus bis zum angeblichen heutigen Geschmacksdiktat der Sponsoren an jedem Festspielabend Evidenz im wörtlichen Sinne der Sichtbarkeit gewinnen soll: dort, wo das Gesellschaftliche ästhetisch wird, im Auftreten der Besucher.

In einem Interview mit dem Deutschlandradio Kultur hat Frau Streeruwitz ausgeführt, die österreichische Kultur leide aus historischen Gründen an einem Gedankendefizit. Was im protestantischen Deutschland die Philosophie an Orientierung geboten habe, habe dem österreichischen Bürgertum der Hof ersetzen müssen. Bis heute sei die Kultur in Österreich in ungutem Übermaß Darstellung und Selbstdarstellung, antidemokratisch und antiintellektuell. Die Schriftstellerin rügt, dass sozialdemokratische Politiker wie der Bundespräsident und die Landeshauptfrau von Salzburg sich zur Mitwirkung in der Festspielinszenierung hergäben. Sie nähmen es hin, dass die Festspielpräsidentin den Sponsoren bei der Eröffnung Ergebenheitsadressen darbringe, obwohl das ganze Spiel der Reichen nur dank staatlicher Alimentierung stattfinden könne.

Rotwein nach Wahl

Festspielintendant Jürgen Flimm hat die Kritik von Marlene Streeruwitz in dem ihm eigenen Stil zurückgewiesen. Dem Interviewer von Deutschlandradio Kultur bot er ein Geschäft unter Männern an: „Ich mache jetzt mit Ihnen eine Wette. Ich kaufe Ihnen sechs Flaschen besten italienischen Rotweins oder den Ihrer Wahl, wenn Sie mir nachweisen können, dass die Sponsoren der Salzburger Festspiele je einen Einfluss auf das Programm gehabt haben.“ Rotwein als Inbegriff des Wertvollen und zwar des kulturell Wertvollen, der Einheit von Kennerschaft und Lebensstil - nicht zufällig hat auch Jürgen Flimms Freund Gerhard Schröder gerne diese Währung ausgeschenkt, wie wir von Weinpapst Flimm persönlich wissen. Als dieser im vergangenen Jahr zum Interimsintendanten der Berliner Staatsoper bestellt wurde, erinnerte Stephan Speicher in der „Süddeutschen Zeitung“ unter der schönen Überschrift „Wer denkt sich so was aus?“ daran, wie Flimm sich bei einem Wahlkampfauftritt im Jahre 2005 dafür verbürgt hatte, dass in Schröders Kanzleramt „beste französische Rotweine entkorkt wurden“.

Ja, es muss nicht immer italienischer Rotwein sein, wohl aber der beste, billiger macht man es nicht. Man kann ihn sich leisten und bekommt Gegenwert fürs Geld, da man eben den besten von der nicht ganz so exquisiten Plörre unterscheiden kann. Es ist schon urkomisch, dass Flimm gar nicht merkt, wie er mit solchem Gehabe den Verdacht von Frau Streeruwitz auf schönste bestätigt. Denn die Herren Piëch und Winterkorn werden eben auch nicht mit Lemberger vom Großabfüller anstoßen. Besonders lustig das Zugeständnis, der Mann vom Rundfunk könne nach dem ohnehin nicht vorgesehenen Wettgewinn auch mit zweitbestem Rotwein eigener Wahl vorlieb nehmen.

Spiegelungen der Macht

Flimm, der nun also vom nächsten Jahr an in Berlin Inszenierungen verantworten wird, die alle Institutionen des sozialen Lebens routiniert durchleuchten, sollte zuzugeben fähig sein, dass es in dem von Frau Streeruwitz eröffneten Streit ernsthaft nur um systemische Korruption gehen kann, um eine Verformung des Geschmacks unter dem Druck veränderter Produktionsbedingungen. Will er leugnen, dass der Sinn des Festspielmottos „Das Spiel der Mächtigen“ darin besteht, den Kartenbesitzern und Geldgebern zu schmeicheln, die sich in den Oberpriestern und Feldherren spiegeln dürfen? Ein Problem wird durch eine so allgemeine Formulierung, die man auf mehr als die Hälfte aller Opern-CDs kleben könnte, nicht bezeichnet.

Erstaunlicherweise reizen die Salzburger Musiktheaterproduktionen dieser Saison, nimmt man die „Judith“ hinzu, tatsächlich zur vergleichenden Betrachtung, aber nur deshalb, weil man das Thema stillschweigend enger gefasst hat: Händels „Theodora“, die „Judith“ nach Hebbel und Vivaldi, Luigi Nonos „Al gran sole carico d'amore“ und „Moïse et Pharaon“ von Gioachino Rossini behandeln oder berühren alle das Problem des Heroismus in der Variante des asketischen, namentlich weiblichen religiösen Fanatismus. Jürgen Flimm hat freilich das Seine getan, um den Vergleich unergiebig zu machen - mit der bräsigen Regiearbeit, die er für Riccardo Mutis Aufführung von Rossinis Grand Opéra abgeliefert hat.

Stendhal berichtet in seinem „Leben Rossinis“, dass die Plage der Finsternis über Ägypten in der Uraufführung der italienischen Urfassung 1818 in Neapel einigermaßen lächerlich auf ihn gewirkt habe, da die Verdunkelung der Bühne nun einmal zu einfach zu bewerkstelligen sei. Flimm gelingt es, diesen Effekt unfreiwilliger Komik zu überbieten: durch sorgfältiges Herunterdimmen.

Diffuse Verweise

Im Programmheft hat der Regisseur kundgetan, man könne eine Oper über den Auszug Israels aus Ägypten heute nicht in Szene setzen, ohne den gegenwärtigen Nahostkonflikt mindestens nebenbei zum Thema zu machen. Das ist schlecht gedacht. Eine solche Gleichsetzung von Israelis und Israeliten mag möglich sein und im gelingenden Fall zwingend wirken, ist aber keinesfalls notwendig. Die entgegengesetzte Annahme nimmt den heutigen Staat Israel von vornherein in Mithaftung für alles, was dem jüdischen Volk im Zuge einer vorwiegend christlichen Literaturgeschichte angedichtet worden ist, beim vorliegenden Werk also die Massaker des biblischen Gottes an einer ägyptischen Nation, deren politische Führung als rationalen Einsichten zugänglich dargestellt wird.

Eine „historische“ Aufführung von Rossinis Oper, die erkunden würde, was ein italienisches oder französisches Publikum im Restaurationszeitalter an ihrem Stoff interessieren konnte, und es den Zuschauern überließe, Linien in die spätere Geschichte zu ziehen, wäre durchaus vorstellbar. Dass das Pariser Publikum des Jahres 1827 im Salzburger Programmheft von 2009 nebenbei als „genusssüchtig“ abgefertigt wird, ist nur noch kurios. Wer angeblich unvermeidliche Assoziationen als absichtlich vage Anspielungen in sein Inszenierungskonzept einbaut, begünstigt im Kontext des Nahostkonflikts nur die Beschwörung eines diffusen welthistorischen Schuldzusammenhangs.

Fettlebe im Hirn

Zwangsläufig fehlt bei Flimm auch nicht das dümmste Klischee, die Behauptung, man könne Täter und Opfer nicht unterscheiden. Der angeblichen moralischen Grauzone entspricht in der Inszenierung ein politisches und ästhetisches Unschärfegebot. Flimm: „Die Inszenierung wird sicher kein Abbild des Gazastreifens.“ Sicher kein Abbild, irgendwie aber doch ein Bild, eine Chiffre oder Metapher. Dort gehen nämlich auch allmählich die Lichter aus, wenn die Konfliktparteien nicht endlich den Mut zum Frieden finden. Einen „Sozialdemokraten der Fraktion Fettlebe“ hat Speicher Flimm genannt. Die Folgen von Fettgewebe im Hirn dokumentiert dieser zwei Seiten kurze Programmhefttext.

Interessant dagegen im gleichen Heft die Information, dass für den Pariser „Moise“ 1827 „wohl der erste hauptamtliche Regisseur der Theatergeschichte“ angestellt wurde, allerdings erst sechs Wochen nach der Premiere. So lange wartet das Publikum also schon auf den Moses, der es aus der Knechtschaft des Regietheaters herausführen soll! Wer sich auf dem Hinterhof der Festspiele umhört, im Gartenlokal an der Mönchsbergwand, bekommt die Einschätzung zu hören, der Intendant habe nur deshalb selbst inszeniert, weil Maestro Muti einen Regisseur mit Ideen nicht akzeptiert hätte. Jürgen Flimm würde gegen diese Behauptung natürlich sein allerbestes Fläschchen setzen. Jede Wette!

Giftig schillernde Macht

Wie ist nun aber die Anklage von Marlene Streeruwitz zu beurteilen, die Festspiele hätten „etwas Faschistoides“? Der Vorwurf wird von ihr genauer begründet, als er klingt. Sie schlägt eine Brücke zum Sport, den sie nicht nur wegen des Engagements von Konzernen als Sponsoren als vergleichbares Spektakel sieht. Beim Auflaufen der Gäste vor dem Großen Festspielhaus gehe es wie beim Wintersport um die Nachahmung von Bewegungen, die von den Profis vorgemacht würden. Der Körper komme in einer „komischen tänzerischen Selbstdarstellungsfunktion“ zum Einsatz, und faschistoid sei dieser Tanz, insofern er der „Selbstdarstellung von Schichten“ diene.

Dieser Faschismusbegriff scheint nun allerdings zu allgemein, um das Faschismuspotential der Salzburger Festspiele zu messen. Soll Mode, per definitionem nichts Individuelles, immer faschistoid sein? Man wird wohl doch hinsehen müssen, wie die Damen und Herren Festspielgäste sich kleiden. Aber wonach soll man sehen? Eine Antwort bietet die große Braun-Debatte, die mein Kollege Jens Jessen, Feuilletonchef der „Zeit“, im Mai dieses Jahres losgetreten hat.

Jessen machte darauf aufmerksam, dass Potentaten zweifelhafter demokratischer Dignität wie Berlusconi und Medwedjew sich neuerdings gerne mit braunen Schuhen zum blauen Anzug zeigen. Mutwillig verstießen sie gleich gegen zwei mehr als hundert Jahre alte Grundregeln der Zivilisation: Der Herr kombiniert Braun nur mit verwandten Farbtönen und trägt es nie abends, nie zu offiziellen Anlässen. Auch „merkwürdige Geschäftsleute“, damit sind wir wieder beim unheilvollen Bund von Politikern und Sponsoren, fänden Gefallen an dem ostentativen Regelverstoß, der „die Aura giftig schillernder Macht“ verleihe.

Die Farben der Traditionsbrecher

Nicht mehr in Braunhemd oder Schwarzhemd kommt der Faschismus daher, sondern in Blausakko und Braunschuh. Als verwandte Unsitte rügt Jessen den bei den Bayreuther Festspielen schon zum Vorstellungsbeginn von sechzehn Uhr angelegten Smoking. Dass Hitler damit angefangen haben soll, ist nicht belegt, für Jessen aber plausibel. Denn „wer mit einer Tradition bricht“, und sei es eine Konvention der Kleiderordnung, „wird sich immer fragen lassen müssen, welche Zivilisationsbrüche er sonst noch für möglich hält“. Die Warnung vor dem Vormarsch der braunen Schuhe hat heftigen Widerspruch provoziert. Es wird bestritten, dass die von Jessen bemühte englische Maxime „No brown after six“ auf dem Kontinent Verbindlichkeit beanspruchen kann.

Jessen ist ein Liebhaber Rossinis, über den er mit derselben Passion schreibt wie Nietzsche über Bizet. Den Deutschen nimmt Jessen übel, dass sie den Komponisten der „Diebischen Elster“ für einen Bruder Leichthand halten und die hohe Kunst der heiteren Aufschwünge und der beseelten Variation verkennen. Um einen Kulturkampfbegriff zu transponieren: Jessens Rossini ist ein Zivilisationskomponist. Es scheint passend, das Publikum der Salzburger Festspielaufführung von „Moise et Pharaon“ mit Jessens Augen zu inspizieren.

In zwei Pausen sowie vor und nach der Vorstellung habe ich an männlichen Besuchern achtzehn Paar braunes Schuhwerk gezählt. Das Große Festspielhaus hat 2170 Plätze. Einklammern muss man die Gäste, die gar keine Abendkleidung angelegt haben, etwa einen Herrn, der graubraune Schuhe zu einer ebensolchen Hose trägt, aber kein Sakko, sondern über das gestreifte Hemd einen Pullover geworfen hat. Ein verwandter Fall: hellbraune Schuhe, blauer Pullover. Die Boykotteure des Dresscodes kann man wohl an zwei Händen abzählen. Diese Minderheit ist in Salzburg sogar kleiner als in Bayreuth (wo ohnehin das verbreitete Ablegen der Smokingjacke Jessen insoweit ins Recht setzt) und stört überhaupt nicht.

Auch bei den bewussten oder unachtsamen Verstößen gegen die Übung handelt es sich um Einzelfälle: braune Schuhe zu grauem Anzug (zweimal), spitze braune Schuhe zu schwarzem Anzug, schwarze Schnallenschuhe zu beigem Anzug. Erst recht gilt das für die verschärften Fälle: dunkelbraune Slipper zu kleinkariertem schwarzweißen Sakko (Japaner), ausgetretene graubraune Schuhe zu hellblauem Trachtensakko.

In mehreren Fällen verbürgt die Begleiterin im Analogieschluss die Absicht zum Stil: das tief ausgeschnittene feuerrote Kleid beim Herrn im braunen Anzug mit braunen geflochtenen Schuhen, die Sandalen mit Korkabsätzen beim Träger eines schwarzen Anzugs ohne Krawatte, aber mit grünem Einstecktuch und spitzen braunen Schuhen. Der betagte Engländer mit Knollennase wird wohl medizinische Gründe für seine braunen Sandalen zum Smoking geltend machen können, obwohl auch seine Gattin Trekkingsandalen trägt. Gegen Jessen ist eingewandt worden, in Italien stelle die Harmonie der Töne die Regel dar, sei die Eleganz der Gesamterscheinung das Ziel. In diesem Lichte wäre es interessant, die Nationalität des Herrn in schwarzem Anzug und schwarzem Hemd zu kennen, bei dem die Schuhfarbe mit dem Teint harmoniert und die Schuhform mit dem kahlrasierten Kopf. Das Modell Ton in Ton gibt es auch komplett mit brauner Umhängetasche.

Rossini in Frankreich

Ob man nun Jessens Regel zustimmt oder nicht: Es kann überhaupt kein Zweifel daran bestehen, dass sie in Salzburg gilt, dass sich die weit überwiegende Mehrheit der Festspielbesucher an sie hält. Was den faschistischen Aufmarsch angeht, kann Entwarnung gegeben werden.

Die Kronen-Zeitung deckt einen Riesenskandal auf. Der im Mozartjahr 2006 in der Hofstallgasse verlegte goldene Straßenbelag muss erneuert werden. Stöckelschuhe sinken ein. Das kostet Millionen! Wenn man nicht weiß, dass der Belag golden sein soll, sieht er ohnehin braun aus.

Seltsam nur, dass Jessen 2004 in seinem Bericht vom Rossini-Festival in der Geburtsstadt des Komponisten die „Zwanglosigkeit in der Garderobe“ gerühmt hat, die Pesaro „Salzburg voraus“ habe. In Frankreich, schrieb Stendhal vor der Übersiedlung des Meisters nach Paris, müsste Rossini ein Gesellschaftsmensch werden. In Italien dürfe er ein Musiker bleiben. Man erlaube ihm, auch vor der größten Fürstin der Welt in der Kleidung zu erscheinen, die er am Morgen angelegt habe: schwarze Weste, blauer Frack und Krawatte.

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