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Salvador Dalí Deine Uhren im Sand

11.05.2004 ·  Heute wäre der katalanische Exzentriker mit dem Zwirbelbärtchen 100 Jahre alt geworden. Deshalb die Frage: Ist Salvador Dalí noch zeitgemäß?

Von Nils Minkmar und Niklas Maak
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Heute wäre der katalanische Exzentriker 100 Jahre alt geworden. Deshalb die Frage: Ist Salvador Dalí noch zeitgemäß?

PRO: Der Zauber von Ozelot
Eines Tages, es war im übersichtlichen Paris der 1920er Jahre, bat Luis Bunuel seinen Freund Dalí, zwei Karten für ein Konzert kaufen zu gehen: Er gab ihm Geld und zeigte auf den Laden, in dem die Eintrittskarten verkauft wurden, genau gegenüber von dem Cafe, in dem sie gerade saßen. Dalí geriet sichtlich in Panik, machte sich dennoch tapfer auf den Weg und kam Stunden später ohne Geld und ohne Karten zurück. Rätselhafterweise war er auch völlig durchnäßt, obwohl der Himmel ganz blau war. "Ich kann das nicht, ich kann das nicht", soll er gesagt haben.

Viele andere Menschen mit seiner Veranlagung sind Kellner in Ost-Berliner Gastronomiebetrieben geworden, Dalí aber wurde Künstler. Das war wirklich ein Segen, vor allem für Spanien, ein Land, das ohne ihn das gesamte 20. Jahrhundert in völliger Humorfreiheit hätte verbringen müssen. Mit Dalí aber war immer was los: Mal machte sein zahmer Ozelot Zicken, mal ließ er sich im Restaurant ein gedünstetes Telefon servieren oder setzte jemandem einen Hummer auf den Kopf.

Er sorgte aber nicht nur für die tägliche Unterhaltung unserer iberischen Freunde, er inspirierte auch andere Künstler von Harpo Marx über Walt Disney bis Alfred Hitchcock. Und wer nun erwartet hätte, ein komplett alltagsuntauglicher Wahnsinniger mit ozelotkotverstärktem Eckzwirbelbärtchen müsse sein Leben damit verbringen, vor empathisch nickenden Kunstkritikern den Undank der Welt zu beklagen, konnte abermals staunen: Durch gerissene, innovative Busineßstrategien wie dem Verkauf weißer, signierter Blätter an dubiose Zwischenhändler hat sich der Mann dumm und dämlich verdient und ein schönes Leben gemacht. Dank optimierter Kombinationen aus Verhaltenstherapie und Psychopharmaka gibt es heutzutage keine Menschen wie Dali mehr. Darum leben wir in so gesunden Zeiten.

CONTRA: Deine Uhren im Sand
Wenn es jemanden gab, der die Rubrik "Contra Dalí" wirklich gern gefüllt hätte, dann wäre das sicherlich Paul Eluard gewesen, der in dem sehr heißen Sommer 1929 mit seiner Frau Gala ein paar Wochen zu seinem Freund Dalí ans Meer reiste und ohne seine Frau wieder abfuhr, weil Gala sich in das Fischerdorf und den Schnurrbart von Salvador Dalí verliebt hatte und deshalb bis zu ihrem Tod blieb.

Auch andere Leute mochten Dalí nicht, seine Schwester Ana Maria zum Beispiel, jedenfalls vermutete Dalí das, als Ana Maria 1951 ein Buch verfaßte, in dem sie ihren mittlerweile für Wahnsinn und Paranoia sehr berühmten Bruder als ganz im Gegenteil schüchternes, freundliches und gänzlich unwahnsinniges Bürschchen darstellt. "Sie hat meine Legende zerstört", klagte Dalí damals, zu dessen Legende es auch gehört, daß er 1939 die sehr schöne "Declaration of the Independence of the Imagination and the Rights of Man to His own Madness" veröffentlichte, 1955 in einem mit Blumenkohl gefüllten Rolls Royce vor der Sorbonne parkte und einen Vortrag über "phänomenologische Aspekte der paranoisch-kritischen Methode" hielt, elf Jahre später einen Film mit dem ebenfalls sehr schönen Titel "Autoportrait mou avec du lard grille", zu deutsch "weiches Selbstporträt mit gebratenem Speck", drehte, bald darauf aus nicht genau zu klärenden Gründen die Ehrendoktorwürde einer französischen Kürschnerschule erhielt und während all dieser Ereignisse sein mit ausgestopften Tieren vollgepfropftes Haus so lange um Türmchen und Treppchen erweiterte, bis Walt Disney, der ihn 1957 dort besuchte, zugeben mußte, daß Disneyland dagegen nichts sei: Bei alledem fragt man sich dann doch, warum Dali, der immer zur richtigen Zeit das Richtige tat, warum in aller Welt er nur immer diese schrecklichen zerfließenden Uhren malen mußte.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.05.2004, Nr. 19 / Seite 30
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