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Salomon Korn zum Siebzigsten : Der Intellektuelle in der Politik

  • -Aktualisiert am

Er leitet Frankfurts Jüdische Gemeinde und hat ihr ein Haus gebaut: Salomon Korn Bild: Eilmes, Wolfgang

Eigentlich wollte Salomon Korn nie öffentlich werden - und wurde in der Folge des Frankfurter Fassbinder-Skandals dann zu einer zentralen jüdischen Stimme im aktuellen Diskurs. Heute feiert er seinen siebzigsten Geburtstag.

          Mitte der achtziger Jahre gehörte er zu den jungen Leuten um Ignatz Bubis, dem damaligen Vorsitzenden der Frankfurter Jüdischen Gemeinde. Er beteiligte sich Ende Oktober 1985 am Protest gegen die Aufführung des Theaterstücks von Rainer Werner Fassbinder „Der Müll, die Stadt und der Tod“ in den Kammerspielen der Mainmetropole. Darin spricht ein „Ewiggestriger“ den Satz: „Schuld hat der Jud, weil er uns schuldig macht, denn er ist da.“

          Es war diese eine Invektive, die den Protest der Frankfurter Jüdischen Gemeinde auslöste, eine Aktion, welche schließlich die Aufführung des Stückes verhinderte. Große Teile der deutschen Öffentlichkeit erlebten etwas bis dahin Undenkbares: Zum ersten Mal traten in einem Konflikt Juden kollektiv auf und erstritten sich einen legitimen Platz in ebendieser Öffentlichkeit. Es war dieser Emanzipationsakt, der Salomon Korn prägte. Dabei hatte er gar nicht vor, jemals öffentlich wirksam zu werden.

          Er wollte ganz im privaten Berufsleben aufgehen

          Der im Getto Lublin Geborene und nach dem Krieg mit seinen Eltern in das Lager für jüdische „displaced persons“ in Frankfurt-Zeilsheim Verschlagene hatte Architektur und Soziologie studiert, die Ausschreibung für den Neubau des Frankfurter Jüdischen Gemeindezentrums gewonnen und wollte schon darum ganz im privaten Berufsleben aufgehen.

          Ob er überhaupt in Deutschland bleiben wollte? Das Leben in der alten Bundesrepublik, auch in einer liberalen Stadt wie Frankfurt, beruhte für ihn auf viel zu „fragiler Grundlage“ - so der Titel eines seiner Bücher.

          Im Amt: Salomon Korn, 2009 in der Westendsynagoge bei seiner Rede zur Pogromnacht des Jahres 1938
          Im Amt: Salomon Korn, 2009 in der Westendsynagoge bei seiner Rede zur Pogromnacht des Jahres 1938 : Bild: Eilmes, Wolfgang

          Doch es gehört zur Dialektik seiner Existenz in Deutschland, dass Korn sich durch den Fassbinder-Skandal nicht zum Verlassen der Bundesrepublik provozieren ließ, sondern gerade durch den Erfolg des von ihm mitinitiierten Protests in die öffentlichen Debatten in Deutschland hineingezogen wurde, ja seit damals sich eindrucksvoll als stets klar räsonierende Stimme der organisierten Judenheit in Deutschland profilierte und eine beträchtliche publizistische Tätigkeit entfaltete.

          Beharrlich und besonnen

          Die Auseinandersetzungen um den Frankfurter Börne-Platz, um die Zwangsarbeiter-Entschädigung, um Martin Walsers Friedenspreis-Rede, um den Bau des Berliner Holocaust-Mahnmals - kurz, alle die deutsch-jüdischen Konflikte des vergangenen Vierteljahrhunderts und mehr, diese für das deutsche Selbstverständnis heikelsten Debatten, zeigten Korn stets als einen, dessen Bildung, Klugheit und sprachliche Prägnanz die deutschen Disputanten der Gegenseite beeindruckte.

          Seine Waffe ist der Degen, nicht das krumme Schwert. Er verfügt nicht über die heftige Leidenschaft und das umwerfende Temperament von Ignatz Bubis oder Marcel Reich-Ranicki, die ihn beide stark beeinflusst haben, dafür aber beherrscht er die Tugend der Besonnenheit und Beharrlichkeit.

          Kein Wunder, dass ihn nach dem Tod von Bubis im Jahr 1999 so viele Deutsche gern als Nachfolger begrüßt hätten, ja ihn auch heute als Idealbesetzung für das Amt des Präsidenten des Zentralrats der Juden sehen. Er selbst hält von dieser Projektion - Salomon Korn als herausragende Instanz in allen moralischen Fragen, die Deutschland betreffen - nichts.

          Das Gemeindezentrum, ein gebautes Symbol

          Die ihm unterstellte Intellektualität sieht er eher als Hindernis für so ein zentrales Amt an. Ihn, den bewussten Familienmenschen, schrecken auch die Sicherheitsvorkehrungen ab, die solch ein Amt leider immer noch mit sich bringt. Dennoch: Seit 1999 ist er Vorsitzender der Frankfurter Jüdischen Gemeinde und seit 2003 Vizepräsident im Zentralrat der Juden. Sein Einsatz für die Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg zum Beispiel zeigt, wie sich in ihm praktische und theoretische Kompetenz ausgleichen.

          Seine vielen Ehrenämter und Aufsichtsratmitgliedschaften können hier gar nicht aufgezählt werden. Neben dieser umfangreichen öffentlichen Arbeit leitet er erfolgreich die von seinem verstorbenen Vater gegründete Immobilienfirma und führt ein intensives Familienleben zwischen Frankfurt und Israel. „Sein Laster ist das viele Reisen“, meinte einmal Reich-Ranicki, „stattdessen könnte er so viel mit mir über Literatur und Lyrik reden. Von Hugo von Hofmannsthal versteht er wirklich etwas.“

          Um Salomon Korn zu rühmen, braucht man all sein öffentliches Wirken gar nicht immer hervorheben, es genügt, seinen Bau des Jüdischen Gemeindezentrums im Jahr 1986 zu erwähnen. Da ist ihm eine besondere Architektur gelungen - lange vor Daniel Libeskinds Jüdischem Museum in Berlin -, ein Symbol, das ausdrückt, dass die Beziehung zwischen Deutschen und Juden noch lange nicht zur Normalität gefunden hat.

          Es ist die Erfahrung seiner Generation, der Zweiten Generation nach den Überlebenden des Holocausts. Am 4. Juni feiert er seinen siebzigsten Geburtstag. Man wünscht sich Salomon Korn im Kreis seiner Familie, seiner liebenswerten Frau Maruscha, den Kindern und Enkeln, wie sie ihn in guter jüdischer Tradition feiern. Maseltow!

          Quelle: F.A.Z.

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