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Kritik an „Charlie Hebdo“ : Rushdie redet

„Heute würde man mich nicht mehr verteidigen.“: Schriftsteller Salman Rushdie Bild: AFP

Gegen Salman Rushdie wurde 1989 wegen seiner „Satanischen Verse“ eine Fatwa ausgerufen. Jahrelang musste sich der Schriftsteller verstecken. Damals wurde sein Buch von vielen verteidigt. Heute würde er keine Unterstützung mehr erwarten.

          Am 5.Mai präsidierte Salman Rushdie in New York das Galadinner des PEN-Clubs, in dessen Verlauf die toten und die überlebenden Mitarbeiter von „Charlie Hebdo“ mit einem Preis für Mut und Meinungsfreiheit geehrt wurden. Gérard Biard und Jean-Baptiste Thoret nahmen ihn in Empfang. Doch zweihundert Mitglieder boykottierten die Veranstaltung und warfen „Charlie Hebdo“ in einer Petition Islamfeindlichkeit und fehlende Toleranz vor. Schon damals äußerte sich Salman Rushdie „total schockiert“ und erinnerte an sein eigenes Schicksal: Nach dem Erscheinen seiner „Satanischen Verse“ sprach der von Ajatollah Chomeini beherrschte Iran 1989 eine Fatwa gegen ihn aus.

          Weltweit kam es zu Demonstrationen gegen das Buch, jahrelang musste Rushdie sich verstecken und unter Polizeischutz leben. Auf seine Initiative hin wurde bei der Preisverleihung als Antwort auf den Boykott ein Text verlesen, den der aus dem Kongo stammende französischsprachige Schriftsteller Alain Mabanckou für das Magazin „L’Express“ geschrieben hatte. Ihm hat Rushdie jetzt ein Interview gewährt: „Warum ich rede“.

          Die düsterste Periode in seinem ganzen Leben

          Am Boykott der Solidarität mit der Satirezeitschrift nach dem Attentat hatten sich Schriftsteller wie Michael Ondaatje, Peter Carey, Junot Diaz, Michael Cunningham beteiligt. Geschrieben wurde der Aufruf von Teju Cole. Einige von ihnen bezeichnet Rushdie als seine Freunde. Aus ihrem Verhalten folgert er: „Heute würde man mich nicht mehr verteidigen.“ Die tödlichen Schüsse seien unter Berufung auf dasselbe Motiv abgegeben worden, das Chomeini zu seiner Fatwa bewogen hatten: Blasphemie. Aus der Affäre um die „Satanischen Verse“ seien die falschen Schlüsse gezogen worden, sagt Rushdie: „Statt den Angriffen auf die Meinungsfreiheit entgegenzutreten, hielt man es für angebracht, den Zorn durch Kompromisse und Rückzüge zu beschwichtigen. Mein eigenes Schicksal wurde nicht als exemplarisch verstanden, sondern verniedlicht.“

          Die falschen Vorwürfe des Rassismus an die Adresse von „Charlie Hebdo“ führt er auf das „klassische schlechte Gewissen der weißen Linken“ zurück. Für Rushdie ist klar: „Nur der Kampf gegen den Extremismus und Fanatismus ist fähig, den Islam zu verteidigen.“ Angesichts der Rückkehr Irans auf die Weltbühne und der Verbrechen des „Islamischen Staats“ kommt Rushdies Interview eine ganz besondere Bedeutung zu. Der Schriftsteller bezeichnet die Gegenwart als düsterste Periode in seinem ganzen Leben. Eine leise Genugtuung formuliert er gleichwohl: Die Fatwa hat sein Buch nicht umbringen können. Mehr als 25 Jahre nach dem Erscheinen könne man sich endlich mit dem Inhalt der „Satanischen Verse“ befassen, „die an allen Universitäten auf dem Lehrplan stehen“.

          „Charlie Hebdo“ bekommt eine neue Rechtsform

          Die Idee stammt noch von Charb, dem Chefredakteur, der bei dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ ums Leben kam: Steuerzahler dürfen bis zu zweitausend Euro in eine Presseunternehmen investieren und das Geld von der Steuer abziehen. Parallel dazu entstand die Rechtsform des „solidarischen und sozialen Unternehmens“. Sie setzt voraus, dass mindestens siebzig Prozent der Gewinne in den eigenen Betrieb investiert werden. Als erster Verlag hat sich „Charlie Hebdo“ für dieses Modell entschieden, gefeiert wurde die Umstrukturierung mit einem Empfang durch die Kommunikationsministerin Fleur Pellerin.

          Damit sind die Weichen für die langfristige Absicherung der Zeitschrift gestellt. Seit dem Attentat verfügt sie über mehr als 200 000 Abonnenten. Die an den Kiosken verkaufte Auflage beträgt gegenwärtig hunderttausend Exemplare - vor dem 7. Januar lag sie bei 20 000. Mit der Reform wird der Prozess für die innere Befriedung eingeleitet. „Charlie Hebdo“ gehört gegenwärtig dem Herausgeber Riss (siebzig Prozent) und dem Finanzdirektor Eric Portheault. Sie haben Charbs Eltern dessen Anteile (vierzig Prozent) abgekauft, über den Preis wurde nichts bekannt.

          Die großen Herausforderungen bleiben: Neue Zeichner müssen gefunden werden, die Zeitschrift wird nach wie vor unter Polizeischutz hergestellt. Im Oktober erfolgt der Umzug aus dem Redaktionsgebäude von „Libération“ in eine Art Bunker, den die Stadt Paris zur Verfügung stellt. Die Mitarbeiter freuen sich über die neue Rechtsform, auch wenn sie ursprünglich eine Genossenschaft forderten. Riss indes will nicht mehr als sechs oder sieben Aktionäre und darüber im Herbst, nach der Lancierung des neuen Konzepts, verhandeln. Doch der Streit um die vielen Millionen ist beendet: Die Gewinne des Jahres 2015 werden zu hundert Prozent in das Unternehmen gesteckt. Und über die Verteilung der vier Millionen Euro Spendengelder soll eine von „Charlie Hebdo“ unabhängige Kommission entscheiden.

          Jürg Altwegg

           

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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          Quelle: F.A.Z.

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