Home
http://www.faz.net/-gqz-73cql
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Salman Rushdie „Dummheit und Gewalt ist eine schlechte Kombination“

Soll man Karikaturen und Videos zeigen, auch wenn Muslime so wüten? Wo stehen wir im Kampf gegen den Islamismus? Und worum geht es im Grunde? Salman Rushdie im Gespräch.

© AFP Salman Rushdie bei der Vorstellung seines Buchs „Joseph Anton“ am 1. Oktober in Berlin

In „Joseph Anton“ vergleichen Sie das, was mit Ihnen geschah, mit dem Auftauchen der ersten Krähe in Hitchcocks Film „Die Vögel“, als eine Art Prolog zu islamistischer Gewalt. Die Fatwa gegen Sie wurde 1989 ausgesprochen - wie weit im Film sind wir?

Johanna Adorján Folgen:

Wir sind in der Mitte der Angriffe, würde ich sagen. Aber sicher bin ich mir nicht. Manchmal habe ich den Eindruck, dass der Extremismus abflaut, dann gibt es wieder einen Ausbruch, wie neulich. Sicher ist nur, dass 9/11 der Moment war, an dem diese kleine Sache, die meine private Geschichte war, zu unser aller Geschichte geworden ist.

Die neuesten Nachrichten von der wütenden Muslim-Front kamen aus Bangladesch. Irgendjemand hatte wohl auf Facebook etwas gepostet, wodurch Strenggläubige den Koran verletzt sahen. Daraufhin brannten buddhistische Tempel und Häuser.

Ich habe eine heftige Abneigung gegen diese Kultur des Beleidigtseins. Offenbar reicht allein die Behauptung, man sei beleidigt, um sich ins Recht gesetzt zu sehen, herumzulaufen und Randale zu machen. Das ist die Antithese zu einem geistvollen Leben. Das ist Barbarei.

Es ist auch ein bisschen beschränkt. Man kann ja nur beleidigt sein, wenn man beleidigt sein möchte. Ist ja eine freie Wahl. Niemand kann irgendjemanden ohne dessen Einwilligung beleidigen.

Richtig. Und man muss etwas tun, um sein Beleidigtsein zum Ausdruck zu bringen. Beleidigtsein erfordert Arbeit. Aber es ist inzwischen wie ein Reflex, die Leute sagen nur noch stumpf, oh, das beleidigt mich, ohne zu präzisieren, was genau oder warum. Ich gehe davon aus, dass die meisten aufgebrachten Menschen, die gegen dieses Mohammed-Video auf der Straße waren, dieses dumme Video gar nicht gesehen hatten. Es genügt, dass ihnen jemand erzählt, dass es existiert - und sie sind beleidigt. Das ist Dummheit. Dummheit und Gewalt ist eine ganz schlechte Kombination.

Sie sagen, in Teilen der islamischen Welt gebe es so etwas wie eine Wut-Industrie. Wem nützt diese Wut?

Es ist ein politischer Prozess - Leute benutzen religiöse Vorwände, um den Beweis zu führen, dass sie es sind, die die größten Mobs mobilisieren können, und also diejenigen, mit denen am meisten zu rechnen ist. In Ländern dieser Region ist es sehr leicht für Politiker, Menschenmassen auf die Straße zu bringen. Sie müssen nur mit dem Finger schnipsen, und schon versammelt sich eine Menge, sie müssen mit dem Finger nur in eine Richtung zeigen, und die Menge läuft dorthin. Sich dieser Wutkultur zu bemächtigen ist eine Methode, diese Mengen zu mobilisieren. Ohne Frage stellen die Männer an der Macht - es sind ja ausschließlich Männer - Leute an, um nach Scheingründen zu suchen, beleidigt zu sein. Um nach Sachen Ausschau zu halten, die als Vorwand genutzt werden können, die Wut anzuheizen. Es ist eine total selbstgemachte Geschichte.

Also hilft jemand, der ein Video wie „Innocence of Muslims“ ins Netz stellt, in dem der Prophet Mohammed verhöhnt wird, islamistischen Hardlinern.

Ja. Es ist wie eine Kollaboration. Der Mann, der den Film macht, möchte solche Reaktionen. Und die Leute, die mit Wut reagieren, suchen gezielt nach solchen Filmen. So gesehen, tanzen beide denselben Tanz.

Es gab hierzulande eine Diskussion darüber, ob dieses Video in einem Berliner Kino gezeigt werden darf. Die meisten fanden, das könne man nicht machen, weil es die Gefühle religiöser Muslime verletze. Außenminister Westerwelle forderte, mit „rechtsstaatlicher Härte“ gegen die Verbreitung des Videos vorzugehen.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Jonathan Franzen im Gespräch Das ist alles sehr deutsch

Was die Netzgemeinschaft denkt, interessiert ihn nicht. Kurz vor Erscheinen von Unschuld spricht Jonathan Franzen über einen deutschen Überwachungsstaat und seine Verpflichtung gegenüber den Lesern. Mehr Von Felicitas von Lovenberg

30.08.2015, 15:46 Uhr | Feuilleton
Video-Filmkritik Victoria

Sebastian Schippers Victoria ist kein Film wie alle anderen. In einer einzigen langen Einstellung erzählt er ein Außenseiterdrama, das wir schon viele Male gesehen haben. Aber so noch nicht. Mehr

10.06.2015, 15:48 Uhr | Feuilleton
Heute in der F.A.Z. Deutschlands Bild in der Welt verdunkelt sich

Was Sie nicht verpassen sollten: die wichtigsten Themen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von morgen – ab jetzt im E-Paper. Mehr

23.08.2015, 19:34 Uhr | Wirtschaft
Video-Filmkritik Top Five

Womöglich war der Wahre der Falsche, und der Richtige ist nicht mehr lustig. Chris Rock erzählt in seinem Film Top Five von einem Komiker in der Krise - und damit auch von sich selbst. Mehr

15.04.2015, 13:19 Uhr | Feuilleton
Auf Umwegen nach Europa Fliehen - wie funktioniert das?

Die Übernachtungskosten sind gering, die Reisekosten immens, und die schnellsten Routen die riskantesten. Mohammed kannte die Geschichten derer, die es vor ihm versucht hatten. Protokoll einer Flucht aus Syrien. Mehr Von Felix Knoke

26.08.2015, 10:29 Uhr | Feuilleton

Veröffentlicht: 04.10.2012, 17:07 Uhr

Glosse

Kein Strammplatz für Münster

Von Andreas Rossmann

Der Dichter August Stramm ist einer der wichtigsten Söhne der Stadt Münster. Der Existenzialist fiel im Ersten Weltkrieg, dessen Schrecken er eindrücklich beschrieb. Eine Strammstraße gibt es in Münster dennoch nicht. Mehr 1 0