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Salman Rushdie „Dummheit und Gewalt ist eine schlechte Kombination“

Soll man Karikaturen und Videos zeigen, auch wenn Muslime so wüten? Wo stehen wir im Kampf gegen den Islamismus? Und worum geht es im Grunde? Salman Rushdie im Gespräch.

© AFP Vergrößern Salman Rushdie bei der Vorstellung seines Buchs „Joseph Anton“ am 1. Oktober in Berlin

In „Joseph Anton“ vergleichen Sie das, was mit Ihnen geschah, mit dem Auftauchen der ersten Krähe in Hitchcocks Film „Die Vögel“, als eine Art Prolog zu islamistischer Gewalt. Die Fatwa gegen Sie wurde 1989 ausgesprochen - wie weit im Film sind wir?

Wir sind in der Mitte der Angriffe, würde ich sagen. Aber sicher bin ich mir nicht. Manchmal habe ich den Eindruck, dass der Extremismus abflaut, dann gibt es wieder einen Ausbruch, wie neulich. Sicher ist nur, dass 9/11 der Moment war, an dem diese kleine Sache, die meine private Geschichte war, zu unser aller Geschichte geworden ist.

Die neuesten Nachrichten von der wütenden Muslim-Front kamen aus Bangladesch. Irgendjemand hatte wohl auf Facebook etwas gepostet, wodurch Strenggläubige den Koran verletzt sahen. Daraufhin brannten buddhistische Tempel und Häuser.

Ich habe eine heftige Abneigung gegen diese Kultur des Beleidigtseins. Offenbar reicht allein die Behauptung, man sei beleidigt, um sich ins Recht gesetzt zu sehen, herumzulaufen und Randale zu machen. Das ist die Antithese zu einem geistvollen Leben. Das ist Barbarei.

Es ist auch ein bisschen beschränkt. Man kann ja nur beleidigt sein, wenn man beleidigt sein möchte. Ist ja eine freie Wahl. Niemand kann irgendjemanden ohne dessen Einwilligung beleidigen.

Richtig. Und man muss etwas tun, um sein Beleidigtsein zum Ausdruck zu bringen. Beleidigtsein erfordert Arbeit. Aber es ist inzwischen wie ein Reflex, die Leute sagen nur noch stumpf, oh, das beleidigt mich, ohne zu präzisieren, was genau oder warum. Ich gehe davon aus, dass die meisten aufgebrachten Menschen, die gegen dieses Mohammed-Video auf der Straße waren, dieses dumme Video gar nicht gesehen hatten. Es genügt, dass ihnen jemand erzählt, dass es existiert - und sie sind beleidigt. Das ist Dummheit. Dummheit und Gewalt ist eine ganz schlechte Kombination.

Sie sagen, in Teilen der islamischen Welt gebe es so etwas wie eine Wut-Industrie. Wem nützt diese Wut?

Es ist ein politischer Prozess - Leute benutzen religiöse Vorwände, um den Beweis zu führen, dass sie es sind, die die größten Mobs mobilisieren können, und also diejenigen, mit denen am meisten zu rechnen ist. In Ländern dieser Region ist es sehr leicht für Politiker, Menschenmassen auf die Straße zu bringen. Sie müssen nur mit dem Finger schnipsen, und schon versammelt sich eine Menge, sie müssen mit dem Finger nur in eine Richtung zeigen, und die Menge läuft dorthin. Sich dieser Wutkultur zu bemächtigen ist eine Methode, diese Mengen zu mobilisieren. Ohne Frage stellen die Männer an der Macht - es sind ja ausschließlich Männer - Leute an, um nach Scheingründen zu suchen, beleidigt zu sein. Um nach Sachen Ausschau zu halten, die als Vorwand genutzt werden können, die Wut anzuheizen. Es ist eine total selbstgemachte Geschichte.

Also hilft jemand, der ein Video wie „Innocence of Muslims“ ins Netz stellt, in dem der Prophet Mohammed verhöhnt wird, islamistischen Hardlinern.

Ja. Es ist wie eine Kollaboration. Der Mann, der den Film macht, möchte solche Reaktionen. Und die Leute, die mit Wut reagieren, suchen gezielt nach solchen Filmen. So gesehen, tanzen beide denselben Tanz.

Es gab hierzulande eine Diskussion darüber, ob dieses Video in einem Berliner Kino gezeigt werden darf. Die meisten fanden, das könne man nicht machen, weil es die Gefühle religiöser Muslime verletze. Außenminister Westerwelle forderte, mit „rechtsstaatlicher Härte“ gegen die Verbreitung des Videos vorzugehen.

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