Home
http://www.faz.net/-gqz-75hql
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Sag’s mit Schlössern Wir sind keine Affäre

 ·  Das neueste Liebesritual: Vorhängeschlösser, die zu Abertausenden an Flussbrücken angebracht werden. Was wollen uns und sich die Paare damit sagen? Eine soziologische Deutung.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (9)
© Kai Nedden Vierzigtausendmal „Wir sind uns einig“: die Hohenzollernbrücke in Köln

Liebesschwüre begegnen in der Öffentlichkeit in verschiedenen Formen. Etwa in Form von Botschaften, die an Bushaltestellen gemalt oder in Baumrinden geschnitzt sind, oder im Rahmen der kirchlichen Eheschließung. Seit kurzem ist unser kulturelles Repertoire um eine Form reicher. Inzwischen finden sich in jeder größeren Stadt überwiegend an Brücken angebrachte Vorhängeschlösser, die kundtun, dass sich zwei Menschen lieben. Manchmal bringen die beiden, von denen wir bestenfalls die Vornamen erfahren, auch die Absicht zum Ausdruck, diese Liebe werde ewig dauern.

Der neue Brauch ist anscheinend in ganz Europa verbreitet. In Deutschland hat es vor allem die Hohenzollernbrücke in Köln zu einiger Berühmtheit gebracht. Mittlerweile hängen dort so viele Schlösser, dass die Stadt um eine Attraktion reicher ist, die eigens von Touristen besucht und fotografiert wird. Bemerkenswert ist die unglaubliche Vermehrung der Schlösser. Wenn es stimmt, dass die ersten Schlösser dort 2008 angebracht worden sind, dann brauchte es nur fünf Jahre, um sie auf eine Zahl von mehr als 40.000 anwachsen zu lassen.

Die schiere Masse der Schlösser hat mittlerweile schon die Begehrlichkeiten des illegalen Altmetallhandels geweckt. Wie in dieser Zeitung zu lesen war, wurden in Köln zwei Diebe mit der Begründung verurteilt, dass die Schlösser keinesfalls herrenlos seien, da die verliebten Paare diese dort nur deponiert hätten.Das stimmt nicht so ganz, wie die folgenden Überlegungen zeigen werden.

Ausgehend von der Brückenmitte

Was hat es mit den „Liebesschlössern“ auf sich? Lassen sich aus diesem Phänomen Schlüsse über die heutigen Paarbeziehungen ziehen? Die Kölner Hohenzollernbrücke scheint besonders geeignet, diesen Fragen nachzugehen. Die Eisenbahnbrücke führt in Kölns Altstadt direkt neben dem Dom und der Philharmonie über den Rhein. In ihrer Mitte verlaufen Eisenbahngleise, die beiden Seiten werden von Fußgängerbereichen flankiert. Zur Abgrenzung von Gleisen und Fußwegen sind über die gesamte Länge Gitterwände aus Metall montiert. An diesen Drahtgittern - insbesondere auf der Südseite - sind die Vorhängeschlösser befestigt. Die Nordseite wird erst bestückt, seit im Süden Platzmangel herrscht.

Die Besiedlung der Brücke erfolgte offenbar von der Flussmitte aus. Auch jetzt noch ist die Dichte der Schlösser hier am größten. Eine weitere Konzentration gibt es an der linksrheinischen Seite, also zur Altstadt und dem Dom hin, während die Anzahl zum rechtsrheinischen Ufer hin abnimmt. Das wird praktische Gründe haben, da von der Altstadt aus mehr Menschen auf die Bücke gehen als vom gegenüberliegenden Ufer.

Zur Bindung braucht es mehr

So weit die äußeren Bedingungen. Im Zentrum der Praxis steht das Vorhängeschloss selbst. Um es zu deuten, könnte man, ausgehend vom Liebesschwur, meinen, hier sei ein neues Symbol der Verbundenheit des Paares kreiert worden, vergleichbar den bekannten Liebes-Graffiti oder den Verlobungs- und Eheringen. Damit würde man aber das Neue daran nicht erfassen. Tatsächlich gibt es einen Bedeutungsüberschuss, der in der Intention des Liebesschwurs nicht aufgeht. Er erschließt sich, wenn man sich die übliche Verwendung eines Vorhängeschlosses vergegenwärtigt.

Seine Funktion ist recht spezifisch. Man kann damit einen Kellerverschlag verschließen oder ein Weidegatter oder einen Spind. Man kann damit ein Fahrrad anketten, einen Kinderwagen oder Stühle auf der Wirtshausterrasse. Mit diesen Beispielen ist die Bandbreite der Verwendungen auch schon umrissen. Man sieht, dass die Aufgabe des Schlosses nicht darin besteht, zwei Objekte miteinander zu verbinden. Dazu ist etwas anderes nötig, eine Kette, ein Riegel oder Ähnliches.

Schlosssymbolik im Internet

Die primäre Bedeutung des Vorhängeschlosses besteht also nicht im Verbinden, sondern im Fixieren, genauer gesagt: im Ausschließen. Unbefugten Personen soll der Zugang zu dem durch das Schloss gesicherten Objekt verwehrt werden. Das wird am Beispiel des Weidegatters deutlich. Wenn es mit Strick oder Draht verschlossen ist, soll das Vieh nicht hinaus, ist es dagegen mit Kette und Schloss versehen, sollen unberechtigte Menschen nicht hinein.

Geht es nicht um Räume, dann sind es mobile Dinge, die gesichert werden. Das Fahrrad, der Kinderwagen, die Stühle auf der Wirtshausterrasse, aber auch der Demonstrant auf dem Bahngleis - das alles sind Objekte, die man im Prinzip mitnehmen und sich aneignen könnte. Dagegen sichert das Vorhängeschloss. In dieser Funktion hat es auch schon einen symbolischen Ausdruck gefunden und steht als Piktogramm im Internet für Sicherheit (oder Unsicherheit) der Kommunikation.

Occupy Your City

Wer ein mobiles Objekt befestigt, sichert nicht nur seinen Besitz, sondern verbindet ihn auch fest mit einem anderen Objekt, etwa einem Fahrradständer, einem Zaun, einem Straßenschild et cetera. Die Verbindung ist nur vom Besitzer des Schlosses lösbar. Was das bedeutet, wird im Konfliktfall deutlich, wenn also an einem Gartenzaun steht „Fahrräder abstellen verboten“. Es wird ein Raum besetzt. Genau das tun die Liebesschlösser auch. Man hat es hier also mit einer „Occupy-Bewegung“ anderer Art zu tun. Und das wird durchaus auch so wahrgenommen. So untersagen manche Kommunen das Anbringen von Schlössern und lassen sie beseitigen. Anders als beispielsweise auf dem Eisernen Steg in Frankfurt am Main ist der Eingriff in den öffentlichen Raum in Köln wenig aggressiv. Man könnte sogar von einer ästhetischen Aufwertung der industriell geprägten Absperrgitter sprechen.

Das Eigentümliche dieser Praxis besteht nun darin, dass auf den ersten Blick außer dem Schloss selbst gar nichts gegen Dritte gesichert wird. Nur in Ausnahmefällen sind Herzen oder ähnliche Dinge mit dem Schloss fixiert. Aber es sind eben auch nicht bloß handelsübliche Schlösser, sondern sie sind auf eine bestimmte Weise gestaltet. Dabei gibt es ein distinktives Merkmal, das allen gemeinsam ist. Sie sind mit Namen oder Initialen versehen. In der einfachsten Form steht auf den Schlössern etwas wie „A + B“ oder „Anton + Brigitte“. Die Aufschrift ist mit Lack oder Filzmarker aufgetragen, viele Schlösser sind mittlerweile auch mit einer professionellen Gravur oder Aufschrift versehen. Es ist also durchaus etwas befestigt, nur kein physisches, sondern ein symbolisches Objekt: Das Paar selbst wurde an der Brücke angeschlossen.

Die Paarbildung als Passage

Was erlaubt, davon zu sprechen, dass es Paare sind, die hier befestigt wurden? Zunächst einmal muss man sehen, dass die graphische Gestaltung einen rudimentären Sprechakt zum Ausdruck bringt. Dabei ist das Additionszeichen deutlicher als ein „und“. Denn „Anton + Brigitte“ macht aus den beiden Personen Elemente einer Summe. Auch das ebenfalls viel verwendete Zeichen „&“ verweist auf eine enge Zusammengehörigkeit. Die Beziehung wird mit dem „Kaufmanns-Und“ zu einer Partnerschaft, Anton und Brigitte zu einem „Team“. Zusätzlich sind oft graphische Zeichen der Verbundenheit aufgetragen, seien es Herzen oder verschlungene Ringe.

Die Schlösser verweisen damit auf ein Problem, vor dem jedes Paar steht. Die Bildung einer Paarbeziehung hat gleichzeitig eine innere und eine äußere Seite. In den vergangenen Jahrzehnten rückte die innere Seite mehr und mehr in den Vordergrund. Inzwischen ist die Paarbildung nicht mehr eine Zäsur, in der Heirat, Haushalts- und Familiengründung beinahe zusammenfallen, sondern eine Passage, die sich vom ersten Kennenlernen über die erste Liebesnacht, eine Zeit gemeinsam verbrachter Freizeit, die Haushaltsgründung bis zur Familiengründung mehrere Jahre erstrecken kann.

Dabei steht die Beziehung immer unter den Vorzeichen ihrer Bewährung, der Prozess kann abgebrochen werden. Ihr Bestand ist vor allem eine interne Angelegenheit des Paares geworden. Bei dem Bemühen, ihn zu sichern, spielen Selbstvergewisserungen hinsichtlich des Status der Beziehung eine große Rolle.

Ein Symbol gegenüber Dritten

Das Vorhängeschloss drückt eine solche Statusmarkierung für das Paar aus. Der Brauch lässt sich als eine neue Form im Umgang mit dem Problem der „Selbst-Institutionalisierung“ der Beziehung verstehen. Damit ist gemeint, dass der Status einer Verbindung (“Wir sind ein Paar“ und nicht beispielsweise eine „Affäre“) immer zwischen den Beteiligten verankert werden muss. Dies reicht vom wechselseitigen Liebesgeständnis über die jährliche Erinnerung an den Beginn der Beziehung bis zur Etablierung einer biographischen Erzählung „wie wir uns kennengelernt haben“. Die Praxis der Vorhängeschlösser erweitert nun dieses kulturelle Repertoire.

Dabei muss der Status immer auch gegenüber Dritten kundgetan werden. Um als Paar zu sprechen, benötigt man ein Gegenüber: Freunde, Verwandte, die Gemeinde, die Öffentlichkeit. Der Sprechakt ist dann eine Handlung, in der sich das Paar als Paar nach außen konstituiert.

Im Schutz der Halböffentlichkeit

Deshalb sind öffentliche Kundgaben gleichzeitig auch so wichtig für den inneren Prozess der Paarbildung. Um diese Verbindung von innerer und äußerer Statusmarkierung geht es bei den Schlössern auch. In diesem Zusammenhang lässt sich das Datum, das auf vielen Schlössern angegeben ist, als Gründungsdatum der Beziehung verstehen - ob nun einhergehend mit der Anbringung des Schlosses oder nicht.

Es ist also für den Brauch der Liebesschlösser essentiell, dass sie an öffentlichen, stark frequentierten Orten angebracht sind. Dabei ist gleichzeitig festzuhalten, dass die gesuchte Öffentlichkeit nicht wirklich in die Kommunikation einbezogen ist. Wie Paare früherer Zeiten, die als Unverheiratete sich nicht öffentlich zu ihrer Liebe bekennen konnten und deshalb nur ihre Initialen in Baumrinden ritzten, stellen auch die heutigen Paare nur eine Art Halböffentlichkeit her, indem sie uns bestenfalls ihre Vornamen mitteilen. Der Sprechakt ist damit ebenso Teil der Binnenkommunikation des Paares, ist Ausdruck ihrer Liebe. Sie sprechen nach außen als Paar, doch gleichzeitig auch zu sich selbst

Das hilft auch, das Phänomen der massenhaften Anbringung zu verstehen. Bei der Besiedelung der Brücke wurden nicht etwa freie Plätze gesucht, sondern im Gegenteil waren Ansammlungen fremder Schlösser attraktiv für die Anbringung des eigenen. Noch jetzt ballen sich vor allem in der Mitte der Brücke die Schlösser derart, dass viele von der Fußgängerseite gar nicht mehr zu erkennen sind. Darin kommt sehr wirkungsvoll - mit Tausenden von bunt in der Sonne glitzernden Schlössern - eine Vergemeinschaftung der Liebenden zum Ausdruck.

Vom Schlüssel getrennt

Nach Niklas Luhmann ist für das Konzept romantischer oder passionierter Liebe kennzeichnend, dass man auch das Lieben liebt. Man liebt nicht einfach nur eine besondere Person, sondern kultiviert das Lieben selbst und zieht daraus einen eigenen emotionalen Gewinn. Was das heißt, wird hier greifbar. Die romantische Idee der Verschmelzung wird kollektiv realisiert. Die Paare gehen ein in die Masse der Liebenden.

Doch zurück zu den einzelnen Schlössern. Zur äußeren wie inneren Institutionalisierung des Paarstatus gehört, dass die Botschaft nicht flüchtig, sondern dauerhaft fixiert ist. Das galt schon für die traditionelle Praxis des Liebes-Graffito. Dass sich Anton und Brigitte liebten, wurde weder auf ein Blatt Papier noch in den Sand geschrieben, sondern als Gravur in Stein gebracht oder in die Rinde eines Baumes geschnitzt. Das Paar hatte sich so „verewigt“.

Das Vorhängeschloss entspricht jedoch nur bedingt dieser Idee. Zu seiner Funktion gehört, dass die Dauer abhängig ist von der Schlüsselgewalt des Besitzers. Diese Flexibilität muss getilgt werden. Und das geht nur, indem man die Schlüssel beseitigt. So erklärt sich auch die besondere Präferenz für die Brückenmitte. Die Stelle, die am weitesten vom Ufer entfernt ist, scheint am besten geeignet, die Endgültigkeit der Handlung zu unterstreichen.

Bis der Bolzenschneider kommt

Das Schloss repräsentiert damit, anders als der Ehering, der symbolisch für das Glied einer Kette steht, weniger die stetige Verbundenheit des Paares, sondern vielmehr die Stiftung der Verbindung qua Entscheidung. Dieses Moment haftet dem neuen Symbol noch an. Wenn ich verschließen kann, kann ich auch aufschließen. Wenn ich die Entscheidung zur Verbindung feiere, dann ist auch die Alternative ihrer Auflösung immer gegenwärtig. Um auf die ursprüngliche Bedeutung des Schlosses zurückzukommen: Mit der Beseitigung der Schlüssel machen sich ihre Besitzer selbst symbolisch zu den unbefugten Dritten, gegen die ihr Besitz - die Beziehung - gesichert werden muss. Die Verbindung selbst erscheint damit als prekär, weil jederzeit lösbar.

Aber nicht nur ihr Bestand, auch die Stiftung der Beziehung selbst wird als unwahrscheinlich inszeniert. Dazu muss man berücksichtigen, dass die Bedeutung von Brücke und Fluss nicht in der Unterstützung der Schlüsselbeseitigung aufgeht. Der Fluss kann vielmehr als Symbol des Lebenslaufs gelten wie auch als Zeichen der Trennung. Und die Brücke wiederum steht für die Verbindung des Getrennten. Wenn die Schlösser bevorzugt an ihrer Mitte angebracht werden, dann nicht nur deshalb, weil sie die maximale Entfernung zum Ufer darstellt. Sie ist auch Ergebnis einer maximalen Annäherung von beiden Seiten.

Die symbolische Praxis der Vorhängeschlösser lässt sich damit als Reaktion auf die Fragilität moderner Paarbeziehungen verstehen. Sie sind in ihrem Bestand weitgehend auf sich selbst angewiesen. Und man weiß um die hohen Trennungs- und Scheidungsraten. Dies scheint vor allem die Paare zu beunruhigen, die ihre Beziehung an romantischen Orten fixieren. Die Attraktivität des neuen Brauchs besteht darin, dass er so vieles zu verbinden scheint: die Intimkommunikation des Paares, die Erlangung von Statusgewissheit, die Vergemeinschaftung der Liebenden.

Das Problem ist jedoch, dass das Ritual selbst die Beziehung als etwas Unwahrscheinliches und Hochriskantes dramatisiert und nicht als etwas, das wie selbstverständlich gegeben ist. Das Vorhängeschloss ist Mittel gegen eine Gefahr, die es gleichzeitig heraufbeschwört. Wenn in unserem Bekenntnis zur Beziehung noch gegenwärtig ist, dass wir selbst das größte Risiko ihrer Auflösung darstellen, dann ist der Gedanke an den Bolzenschneider nicht weit.

Kai-Olaf Maiwald lehrt Soziologie an der Universität Osnabrück und ist Mitglied des Frankfurter Instituts für Sozialforschung.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Geklonter Murks

Von Joachim Müller-Jung

Die Studie des Gen-Forschers Shoukhrat Mitalipov zeugt von erheblichen Schlampereien. Aufgedeckt wurden sie auf einer Gutachterseite im Internet. Hatte Luzifer seine Hände im Spiel? Mehr 2