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Sag’s mit Schlössern Wir sind keine Affäre

 ·  Das neueste Liebesritual: Vorhängeschlösser, die zu Abertausenden an Flussbrücken angebracht werden. Was wollen uns und sich die Paare damit sagen? Eine soziologische Deutung.

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© Kai Nedden Vergrößern Vierzigtausendmal „Wir sind uns einig“: die Hohenzollernbrücke in Köln

Liebesschwüre begegnen in der Öffentlichkeit in verschiedenen Formen. Etwa in Form von Botschaften, die an Bushaltestellen gemalt oder in Baumrinden geschnitzt sind, oder im Rahmen der kirchlichen Eheschließung. Seit kurzem ist unser kulturelles Repertoire um eine Form reicher. Inzwischen finden sich in jeder größeren Stadt überwiegend an Brücken angebrachte Vorhängeschlösser, die kundtun, dass sich zwei Menschen lieben. Manchmal bringen die beiden, von denen wir bestenfalls die Vornamen erfahren, auch die Absicht zum Ausdruck, diese Liebe werde ewig dauern.

Der neue Brauch ist anscheinend in ganz Europa verbreitet. In Deutschland hat es vor allem die Hohenzollernbrücke in Köln zu einiger Berühmtheit gebracht. Mittlerweile hängen dort so viele Schlösser, dass die Stadt um eine Attraktion reicher ist, die eigens von Touristen besucht und fotografiert wird. Bemerkenswert ist die unglaubliche Vermehrung der Schlösser. Wenn es stimmt, dass die ersten Schlösser dort 2008 angebracht worden sind, dann brauchte es nur fünf Jahre, um sie auf eine Zahl von mehr als 40.000 anwachsen zu lassen.

Die schiere Masse der Schlösser hat mittlerweile schon die Begehrlichkeiten des illegalen Altmetallhandels geweckt. Wie in dieser Zeitung zu lesen war, wurden in Köln zwei Diebe mit der Begründung verurteilt, dass die Schlösser keinesfalls herrenlos seien, da die verliebten Paare diese dort nur deponiert hätten.Das stimmt nicht so ganz, wie die folgenden Überlegungen zeigen werden.

Ausgehend von der Brückenmitte

Was hat es mit den „Liebesschlössern“ auf sich? Lassen sich aus diesem Phänomen Schlüsse über die heutigen Paarbeziehungen ziehen? Die Kölner Hohenzollernbrücke scheint besonders geeignet, diesen Fragen nachzugehen. Die Eisenbahnbrücke führt in Kölns Altstadt direkt neben dem Dom und der Philharmonie über den Rhein. In ihrer Mitte verlaufen Eisenbahngleise, die beiden Seiten werden von Fußgängerbereichen flankiert. Zur Abgrenzung von Gleisen und Fußwegen sind über die gesamte Länge Gitterwände aus Metall montiert. An diesen Drahtgittern - insbesondere auf der Südseite - sind die Vorhängeschlösser befestigt. Die Nordseite wird erst bestückt, seit im Süden Platzmangel herrscht.

Die Besiedlung der Brücke erfolgte offenbar von der Flussmitte aus. Auch jetzt noch ist die Dichte der Schlösser hier am größten. Eine weitere Konzentration gibt es an der linksrheinischen Seite, also zur Altstadt und dem Dom hin, während die Anzahl zum rechtsrheinischen Ufer hin abnimmt. Das wird praktische Gründe haben, da von der Altstadt aus mehr Menschen auf die Bücke gehen als vom gegenüberliegenden Ufer.

Zur Bindung braucht es mehr

So weit die äußeren Bedingungen. Im Zentrum der Praxis steht das Vorhängeschloss selbst. Um es zu deuten, könnte man, ausgehend vom Liebesschwur, meinen, hier sei ein neues Symbol der Verbundenheit des Paares kreiert worden, vergleichbar den bekannten Liebes-Graffiti oder den Verlobungs- und Eheringen. Damit würde man aber das Neue daran nicht erfassen. Tatsächlich gibt es einen Bedeutungsüberschuss, der in der Intention des Liebesschwurs nicht aufgeht. Er erschließt sich, wenn man sich die übliche Verwendung eines Vorhängeschlosses vergegenwärtigt.

Seine Funktion ist recht spezifisch. Man kann damit einen Kellerverschlag verschließen oder ein Weidegatter oder einen Spind. Man kann damit ein Fahrrad anketten, einen Kinderwagen oder Stühle auf der Wirtshausterrasse. Mit diesen Beispielen ist die Bandbreite der Verwendungen auch schon umrissen. Man sieht, dass die Aufgabe des Schlosses nicht darin besteht, zwei Objekte miteinander zu verbinden. Dazu ist etwas anderes nötig, eine Kette, ein Riegel oder Ähnliches.

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Kai-Olaf Maiwald lehrt Soziologie an der Universität Osnabrück und ist Mitglied des Frankfurter Instituts für Sozialforschung.

Quelle: F.A.Z.
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