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Saddam Hussein Seht euch das Tier an

21.12.2003 ·  Nach Hitler, Mao, Stalin nun also das Gesicht des verfolgten Tyrannen, der sich verkrochen hatte wie ein verwundetes Tier; nun also dieser lebende Tote aus dem Erdloch. Mußte man das wirklich filmen?

Von Bernard-Henri Lévy
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Die Ergreifung Saddam Husseins wird als ein besonderes Datum in die lange Geschichte gestürzter Diktatoren eingehen. Bisher gab es da das wagnereske Ende von Hitler in seinem Bunker. Es gab das Modell Stalin, furchteinflößend und herrisch, mit einer Parade weißer Kittel, die bis zum Schluß nicht wagten, ihm zu sagen, daß er tot ist. Es gab den Fall Mao, der, ebenfalls herrisch, mit einer unglaublichen Langsamkeit starb, der große Abend des großen Steuermanns, eine rote Sonne, die verblaßt. Und nun also, ganz neu, das Gesicht des verfolgten Tyrannen, der sich verkrochen hatte wie ein verwundetes Tier.

Nun also der Fall eines eisenharten Mannes, der über Jahrzehnte hinweg Millionen Menschen erzittern ließ und den man nun so vorfindet, verstört und verwahrlost, mit verängstigtem Blick, fast erleichtert, seine Flucht endlich enden zu sehen; nun also dieser lebende Tote aus dem Erdloch - nun, zum ersten Mal live gefilmt, einer der berühmten Abfalleimer der Geschichte, in denen man so gerne alle gescheiterten Tyrannen enden sehen würde.

Die erste Reaktion ist daher die Freude, die reine Freude, nicht nur angesichts des Sturzes, sondern auch angesichts der symbolischen und moralischen Vernichtung dieses infamen Mannes, der den Tod von Hunderten von Schiiten und noch mehr Kurden zu verantworten hat. Er hätte schließlich auch als ein neuer Che Guevara oder Robin Hood enden können; er hätte zum Bannerträger einer neuen „arabischen Rache“ werden und als Märtyrer sterben können - aber nein: Das Abenteuer ist vorbei, wahrhaftig und jämmerlich beendet - und darüber kann man sich nur freuen. Unmittelbar danach stellt sich jedoch Beunruhigung ein.

Guerillakrieg auch ohne Kommandanten

Man sagte ja: Er, Saddam, ziehe wie eine große bösartige Spinne die Fäden hinter den Attentaten, aus seinen Bunkern, seinen Geheimpalästen, seinen unterirdischen Verstecken heraus. Nun weiß man jedoch, daß es nicht so war. Man weiß, daß dieser zum Obdachlosen verkommene Despot weder Handy noch Radio noch sonst irgendein Kommunikationsmittel besaß, sondern von allem abgeschnitten war. Nun muß also gefolgert werden, daß der Guerrillakrieg im Irak auch ohne wirklichen Chef oder Kommandanten aufs schönste weitergehen kann.

Dann kommen die größeren Fragen, die nach dem Wesen von Macht, nach der Quelle ihres bösartigen Glanzes: Das soll es gewesen sein? Diese tragische Figur, dieses fügsame und ängstliche Wesen, das brav vor dem amerikanischen Zahnarzt den Mund öffnet, schließt, die rechte Wange zeigt, etwas sagt, das wir nicht hören können, vielleicht nur: „Ja, da - dort habe ich Schmerzen, ich bin Saddam Hussein, und ich habe grauenhafte Zahnschmerzen.“ Dieser arme Teufel soll uns also soviel Angst gemacht haben? Vor ihm sollen nicht nur die Iraker, sondern die gesamte internationale Gemeinschaft Respekt gehabt haben?

Von La Boétie weiß man, daß Tyrannen nur wegen unserer Schwächen stark sind. Man weiß, daß sie nur durch den Charme, den wir in ihnen erkennen, reich sind. Aber in solchem Ausmaß! Dieses arme Wesen! Dieser kleine Mann! Dieser nackte König, versteckt und mit seiner Beute zusammengerollt! Da ist man nicht mehr bei La Boétie. Noch weniger bei Shakespeare. Sondern bei Balzac. Und nun regt sich Unbehagen, ja, trotz allem, ein wirkliches Unbehagen angesichts dieses Bildes mit dem guten amerikanischen Doktor, der mit Latexhandschuhen die gezähmte Bestie abhorcht, befühlt, abtastet, ihr den Bart und die Haare entlaust, sie in ihrer Nacktheit den Blicken der Bewohner des globalen Dorfes preisgibt.

Mußte man das wirklich filmen?

Seht euch das Tier an, scheint das Bild zu sagen! Seht euch das gedemütigte Raubtier an, der abscheuliche Herrscher der Unterwelt ist endlich gezähmt! Seht den alten Löwen, der sich seit Monaten in seinem scheußlichen winzigen Käfig dreht und dessen jämmerlicher Körper von nun an uns gehört! Und in diesem Bild, in dieser modernen Version des gesenkten Siegerdaumens der römischen Arena, liegt etwas Störendes und Obszönes, das unsere Freude verdirbt: Mußte man das wirklich filmen? Es zeigen? Mußte man, um zu beweisen, daß man Saddam gefangen hat, auf diese Weise die nackte Intimität des verstörten Gesichtes bloßstellen und vergewaltigen?

Damit wir uns richtig verstehen - ich weiß, daß Saddam in diesem Moment behandelt worden ist, wie man unter seiner Herrschaft niemals einen seiner Gefangenen behandelt hat. Und ich weiß vor allem, daß dieser Mann ein Monster war, das sich selbst durch seine Taten aus der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen hat. Aber alle Gefangenen der Welt, auch wenn sie Kriegsverbrecher sind, haben ein Recht auf letzte und intime Bereiche. Vor allem gehört es zu den Ehrensachen der Demokratien, sich, wenn ein Feind ihrer Gnade ausgeliefert ist, eben nicht so zu verhalten, wie sich dieser Feind verhalten hätte; vor allem gibt es Orte (wie den Gerichtssaal, das Gefängnis, das Krankenhaus - alles, was auf gewisse Weise Saddam Husseins Terrain war), an denen man die Menschen in Frieden läßt und wo man sie unter keinen Umständen filmt.

Das Paradoxe an dieser Situation ist, daß sie diesem unmenschlichen Mann ein wenig seiner verleugneten Menschlichkeit zurückgibt; der perverse Effekt dieser „Live“-Untersuchung ist, sich gegen sich selbst zu wenden und, wenn die erste Verblüffung verblaßt ist, so etwas wie ein letztes Mitleid zu provozieren. Und deshalb haben die Amerikaner, indem sie entschieden, die Bilder auszustrahlen und uns alle zu Komplizen und Voyeuren dieser Geste zu machen, einen doppelten moralischen Fehler begangen - und womöglich - und das wäre fast noch schlimmer - einen politischen Fehler.

Aus dem Französischen von Andrea Ritter

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21. Dezember 2003
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