So große Gefühle galten der Eröffnung eines Vier-Sterne-Hotels, also keines Hauses von spektakulärem Luxus, in einer mittleren deutschen Stadt noch nie. Warum architektonische Gestalt, Finanzierung, Produktansiedlung und glückliche Vollendung des Hotel de Saxe in Dresden von so ungewöhnlich viel Diskussionen, Rechtfertigungsreden, Stolz und Hoffnung begleitet wurden, liegt an seiner hochemotionalen Lage am Neumarkt direkt im Angesicht der wiedergewonnenen Frauenkirche.
Vertreter aus Bundestag, Landtag und Stadt beehrten seine kürzliche Eröffnung, und dabei wurden nicht nur die bei einer solchen Gelegenheit üblichen Sonntagsreden gehalten. Wieviel Auseinandersetzung es nach dem Wiederaufbau der Frauenkirche um Rekonstruktion und Gestalt des sie umgebenden Neumarkts gegeben haben muß, war allein schon aus den Andeutungen von Dresdens Baubürgermeister Herbert Feßenmayr zu erahnen.
Clara Schumann spielt Klavier
Darf man eine historische Fassade neu errichten, samt moderner Fußgängerzone und unterirdischer Garage, hieß die Frage, um die am heftigsten gestritten wurde. Dresden entschied sich für ein "historisches Layout" des Platzes mit teils nachempfundenen historischen, teils neuen Gebäuden in altem Raster. Das Hotel wirkte dabei als Initialzündung für die weitere Bebauung des Platzes: Der Neumarkt sollte als harmonisches Ensemble des achtzehnten Jahrhunderts erstehen. Denn mit dem Hotel de Saxe ist nicht ein im Dresdner Bombenhagel zerstörtes Vorkriegshotel wieder aufgebaut, sondern ein zwar berühmtes Haus, in dem Clara Schumann das Klavierkonzert ihres Mannes Robert uraufführte, das aber bereits 1888 abgerissen worden war und 117 Jahre lang nicht existierte.
Der nostalgische Blick wünschte sich das barocke Elbflorenz Canalettos zurück und übersprang in diesem Wunsch ohne viel Theater das ungeliebte Wilhelminische Zeitalter mitsamt seinem häßlichen Postgebäude, das sich bis 1945 an dieser Stelle befand. Soweit die Idee. Dann aber verordneten Dresdens Denkmalpfleger dem Neubau des Hotel de Saxe seine historisch korrekte Empire-Fassade anstelle der gewünschten barocken Hülle, was dem ganzen Fall zumal dann etwas Kurioses verleiht, wenn man sich das Innere des Hotels betrachtet. Das nämlich hat weder mit Platz noch Fassade etwas zu tun und präsentiert sich vom Raumschnitt bis zur Farbe in der üblichen, vorsichtig modernen Stadthotel-Innenarchitektur.
Keine Kunden für Luxushotels
Das aber ist nur der architektonische Aspekt. Denn gleichzeitig müssen sich der Investor sowie der Pächter und Betreiber, die traditionsreiche deutsche Hotelgesellschaft Steigenberger, bei aller Vergangenheitsliebe den Vorgaben des deutschen Hotelmarkts stellen, der prachtvolle Bauweise außen und innen nicht mit entsprechenden Zimmerpreisen belohnt. Diesem Thema widmete Karl Anton Schattmaier, Vorstandssprecher von Steigenberger, wesentliche Teile seiner Eröffnungsrede. Selbst an dieser einzigartigen Lage sei es zuerst nicht möglich gewesen, einen Investor zu finden. Steigenberger zog daraus die Konsequenz, keine Abenteuer einzugehen und kein Fünf-Sterne-Hotel zu errichten, das Zimmerpreise erforderlich macht, "für die es keine Kunden gibt". Wo sollen die herkommen, wenn Touristen an Schnäppchen gewöhnt sind und Dienstreisende nicht mehr als neunzig Euro in Deutschland ausgeben dürfen? Alle Studien ergaben, daß selbst direkt gegenüber der Frauenkirche nur ein Vier-Sterne-Hotel rentabel arbeiten könne.
Schattmaier nannte dazu abschreckende Beispiele aus Berlin, wo manches Spitzenhotel für seine eine Million Euro teuren Zimmer auch keine höhere Rate erzielen könne als das Hotel de Saxe, das mit einem Baupreis von 36 Millionen Euro pro Zimmer nur 188000 Euro ausgegeben habe. Durchschnittlich 125 bis 130 Euro je Zimmer netto will Steigenberger hier erzielen, siebzig Prozent Belegung sind für das nächste Jahr geplant. Im Moment ist das Hotel an jedem Tag sogar zu achtzig Prozent belegt. Hundertvier Mitarbeiter, hauptsächlich aus der Region und meist jung, hat das Haus.
Die deutsche Befindlichkeit
Hoteldirektor Hans Kauschke, der vorher das Berliner Steigenberger-Hotel führte, sieht eine gute Zukunft für sein Haus. Dresden werde internationaler, von den acht Millionen Besuchern kommen fünfzehn Prozent aus dem Ausland, vor allem aus Japan, aus Amerika, aus Großbritannien und Norditalien. Vierzig Prozent der Besucher sind Geschäftsleute, das ist ein höherer Prozentsatz als in Berlin. Die Wochenenden sind oft ausgebucht. Weitere Sehenswürdigkeiten wie das im September wiedereröffnende Grüne Gewölbe werden fertig, die umliegenden Weinanbaugebiete weiter entwickelt.
Mit dem Hotel de Saxe ist ein machbarer Traum verwirklicht worden. Es sei eines der wenigen Hotels in den neuen Bundesländern, bei dem Betreiber, Investoren und Banken und auch der Gast zufrieden sein könnten, sagte Schattmaier. Nur so würden Investoren wieder an die Hotellerie glauben. Tatsächlich findet der Gast im Hotel de Saxe überall solide Qualität, richtige Kleiderbügel, Bodylotion aus England, ein täglich frisch bezogenes Bett, das Zimmerfrühstück wird auf einem schön gedeckten Tisch hereingerollt. Etwas mutlos ist nur die Innenarchitektur, die vor der traditionellen Klassik ebenso zurückschreckt wie vor der klassischen Moderne des Bauhauses - und im "Ausgleich" Sicherheit sucht. Auch damit repräsentiert das Hotel de Saxe die deutsche Befindlichkeit der Nachwendezeit.