14.10.2002 · Anspruchsvolle Programme, aber keine bestsellerverdächtigen Titel: Was die neuen Sachbücher im Herbst bringen.
Von Andreas PlatthausDem Buch liegt ein doppelseitiges Faltblatt mit einem Organigramm bei. Es umfaßt mehrere hundert Einträge, von "Eyes Only" oben links bis "Dada Unart" unten rechts. Und auf der rechten Seite geht es von "Freedom of Speech" bis zu einem freien Kasten, der für "Notes" vorgesehen ist. Dieser freie Kasten ist winzig. Wenn das der ganze Raum ist, auf dem man sich auf diese Graphik seinen Reim machen soll, dann ist nicht mehr viel Platz für Spekulationen.
Das Buch zum Faltblatt besteht dafür nur aus Spekulationen. Es heißt "Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11. 9.", und geschrieben hat es Mathias Bröckers, der vor neun Jahren als Mitverfasser eines Bands zur Nutzpflanze Hanf Furore gemacht hat. Neununddreißig Auflagen hat der Buchversand und -verlag Zweitausendeins davon seitdem verkaufen können. Kein Wunder, daß Bröckers' neues Werk wieder seinen Weg ins Sortiment fand.
Nun kann man Zweitausendeins-Bücher nur bei Zweitausendeins erwerben. Und das ist vielleicht auch besser so. "Die Lunte der Aufklärung ist gezündet" - so schließt Bröckers. Bomben für friedliche Bürger? Gehört ein so hochexplosiver Stoff in die Hände eines Zivilisten? Doch wie wird denn da überhaupt aufgeklärt? Wird, um mit Kant zu reden, der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit gefördert? Man darf es bezweifeln. Bröckers ist der erste Autor, dem es gelingen wird, einen Sachbuch-Bestseller mit einer Methode zusammengestellt zu haben, die denkbar naheliegt, für die sich aber dankenswerterweise die meisten Autoren noch zu fein sind. Die Recherche zu seinem Verschwörungsbuch fand fast ausschließlich im Internet statt, und daß man dort zu diesem Thema mehr Seiten und Belege finden kann, als man jemals würde drucken dürfen, ist bekannt.
So erweist sich Bröckers als gewiefter Kompilator, aber für das Internet gibt es noch keine historiographischen Kriterien, um den Wahrheitsgehalt seiner Informationen zu überprüfen. Lektorate sind im Netz nicht üblich, das Publizieren dort gehorcht den Gesetzen der freien Wildbahn. Michael Giesecke, der in seinem neuen Buch "Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft" (Suhrkamp) den Abschied von der typographischen Abstraktion feiert, vergißt über allem Jubel einfach, daß die Produktion von Büchern auch eine Konkretisierung von Gedanken voraussetzt - und deren Überprüfung nicht nur durch die normalen Leser, sondern schon zuvor durch professionelle Gegenleser. Zudem hat "millionenfaches Anklicken", das im neuen Katalog von Zweitausendeins als Qualitätsmerkmal für Bröckers' zunächst im Internetmagazin "Telepolis" veröffentlichten Texte genannt wird, nicht dieselbe Bedeutung wie eine Millionenauflage - und selbst die ist ja nicht mehr als notwendige Bedingung für millionenfaches Lesen.
Nur massenhafte Lektüre kann dagegen hinreichende Bedingung für die Langzeitwirkung eines Sachbuchs sein. Denken wir an Daniel Goldhagens 1998 erschienenes Buch "Hitlers willige Vollstrecker": Die Aufregung war groß, die Verkaufszahlen waren es auch, gelesen wurde das dicke Buch kaum. Seine Thesen gelten als obsolet, mehr als die Erinnerung an den damaligen Rummel ist nicht geblieben. Nun kommt ein neues Buch des amerikanischen Historikers auf deutsch heraus, wieder bei Siedler, und erneut erörtert es ein Thema, das historisch gut erforscht, aber immer noch für eine Kontroverse gut ist: die Politik von Papst Pius XII. gegenüber dem "Dritten Reich". Gleichzeitig erscheint bei Schöningh die Studie eines anderen, in Europa aber noch weitgehend unbekannten amerikanischen Historikers zum selben Thema: José Sanchez' "Pius XII. und der Holocaust" - besser recherchiert, ruhiger geschrieben. Doch wer wird es lesen, wo Goldhagens "zweites Buch" alle Aufmerksamkeit beanspruchen wird? So werden Themen verdorben, aber was kümmert das Autoren, die als Quereinsteiger kommen und jederzeit auch Aussteiger werden können. Bröckers' und Goldhagens Kriterium bei der Auswahl ihrer aktuellen Stoffe muß man sich wohl so vorstellen: Schau, schau, ich habe einen neuen Sprengstoff entdeckt!
Die Historiographie wird sich diesen Problemen stellen müssen: der zweifelhaften Internetrecherche, deren Erfolge sich mehr dem Zufall als der Methode verdanken, und dem immer noch wachsenden Einfluß des Marketings. Denn es sind Geschichtsbücher, die neben der Flut an Ratgeber- und Erlebnisliteratur für Umsatz im Sachbuchbereich sorgen - und das Sachbuch war lange Zeit der Hoffnungsträger des Handels. Da mögen noch so grandiose philosophische Editionen erscheinen: der zweite Band von Foucaults kleineren Schriften bei Suhrkamp, die Sartre-Biographie von Bernhard-Henri Lévy bei Hanser, die Fortsetzung des fulminanten Sammeln-Buches von Manfred Sommer, die als "Suchen und Finden" bei Suhrkamp herauskommt - es hilft nichts. Allein die Werke von Autoren wie Sebastian Haffner, Victor Klemperer oder eben Goldhagen zeigten in den vergangenen Jahren echtes Bestsellerpotential.
In diesem Herbst ist kein Nachfolger für sie in Sicht. Am ehesten darf wohl der streitlustige Hans Küng mit dem ersten Band seiner bei Piper erscheinenden Memoiren auf breite Beachtung hoffen. Bei den großen Themen des letzten Jahres, der Biotechnik und -ethik, ist Beruhigung eingekehrt, das prominenteste Nachzüglergefecht führt Hubert Markl, ebenfalls bei Piper, zur Frage, was den "schönen neuen Menschen" ausmacht. Und die Historiographie? So wunderbar die Studien von Joseph Ellis über die Gründerpersönlichkeiten der Vereinigten Staaten (C. H. Beck) oder von Peter Merseburger über Willy Brandt (DVA) geraten sind, es fehlt ihnen die Autorenpersönlichkeit, die jeder historische Verkaufserfolg auch braucht. Ellis kam immerhin im vergangenen Jahr in seiner amerikanischen Heimat ins Gerede, als er in eigener Sache alle Regeln der historischen Zunft brach und sich eine heroische Vergangenheit zurechtlog. Und Merseburger ist einer der populärsten deutschen Publizisten. Doch das reicht nicht. Der Bezug zur Geschichte muß unmittelbar sein wie bei Haffner und Klemperer oder polemisch wie bei Goldhagen.
Deshalb haben die neuen Sachbücher zu den Attentaten des 11. September 2001 und zu Einfluß und Geschichte des Islam wenig Chancen. Ihre Zahl ist zwar Legion. Die meisten aber sind Schnellschüsse und von wenig renommierten Verfassern geschrieben - wie kann es auch anders sein bei einem Abstand von einem Jahr zum Ereignis? In den Zügen und Wartezimmern kann man beobachten, wie eifrig derzeit die Neuauflagen von Peter Scholl-Latour gelesen werden, von aktuellen Büchern zum Thema ist dagegen kaum etwas zu sehen. Man muß sich ja schon freuen, wenn der einzige prominente Autor, der sich aus der Deckung gewagt hat, Klaus Theweleit, sein eilig zusammengeschriebenes Buch "Der Knall" (Stroemfeld) zum 11. September zumindest mit Verve verfaßt hat. Stur wie die Panzer bringt er die eigene Theoriebatterie in Stellung. Er nimmt die Sache tierisch ernst.
Das kann man von Bröckers nicht sagen. Der Organigramm-Beipackzettel in seinem Buch ist von Gerhard Seyfried gezeichnet, einem gedächtnisstarken Publikum vielleicht noch als Comiczeichner der West-Berliner Alternativszene aus den siebziger und achtziger Jahren bekannt. Das ist ein Gag, weiter nichts, Zugabe für eine erhoffte ironische Leserschaft, die sich selbst für aufgeklärt und aufklärungsbedürftig zugleich hält. Und die auf Distanz Wert legt zu allem, was den Ruch von Macht und Geld hat. Genua-Leser. Auch bei Bröckers hätte man sich einen Zusatz vorstellen können, wie er notgedrungen im ersten Band der neuen Reihe des Action Media Verlag "Teen Superstars", gewidmet der Schauspielerin Sarah Michelle Gellar, zu finden ist: "Verlag und Autor weisen ausdrücklich darauf hin, daß dieses Buch weder in Zusammenarbeit mit Sarah Michelle Gellar noch ihrem Management entstand." Setzt man George W. Bush und die amerikanische Regierung ein, würde in Bröckers' Augen aus der juristisch gebotenen Klausel gewiß eine Qualitätsbehauptung. In seinem Buch stößt die erwünschte Unmittelbarkeit klientelbedingt an ihre Grenzen, Polemik gibt es dafür satt. Doch Raum für eigene Gedanken? Fehlanzeige.
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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