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Saatchi-Galerie Und der Haifisch, der hat Pläne

16.04.2003 ·  Getrocknete Ratten und eine Schußwunde inmitten eduardianischen Pomps: Die Eröffnung der neuen Saatchi-Galerie am südlichen Themseufer sorgt für Aufsehen.

Von Gina Thomas
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Dieser Tage beschwerte sich ein Leser des "Guardian", daß die Zeitung seit Anfang April zehn Berichte über die neue Saatchi Gallery gebracht habe, obwohl das Museum noch gar nicht geöffnet sei. "Wieviel mehr müssen wir noch wissen über den Sammlerinstinkt Charles Saatchis?" fragte der Verfasser ungehalten.

Selten ist im voraus so viel über ein Londoner Kulturereignis geschrieben worden wie jetzt über den Umzug von Saatchis jungen britischen Wilden aus dem alten Fabrikgebäude im Norden Londons in den eduardianischen Pomp des ehemaligen Quartiers der Großlondoner Stadtverwaltung am südlichen Themseufer, direkt gegenüber dem Parlament: Endlose Porträts des Sammlers, der sich durch seine nach Greta-Garbo-Manier stilisierte Zurückgezogenheit interessant macht, gewollt provozierende Kommentare von zeitgenössischen Künstlern, Erläuterungen einzelner Werke, Analysen über die Entwicklung der Sammlung, deren Einfluß und Bedeutung sowie zahlreiche Schnipsel in den Klatschspalten, vom Fernsehen nicht zu reden. Wen wundert's. Schließlich ist die Werbung Charles Saatchis Metier.

Auf der Woge des Zeitgeistes

So wie er Mitte der achtziger Jahre, als jeder Yuppie von seiner eigenen Loft träumte, das Potential der ehemaligen Farbfabrik in St. John's Wood erkannte, in der er seine amerikanischen Minimalisten installierte, um sie einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, so schwimmt Saatchi auch jetzt auf den Wogen des Zeitgeistes, den er mitgeprägt hat. Die Andres und Twomblys sind längst verkauft, auch die Kiefers, Schnabels, Rauschenbergs und Warhols hat Saatchi abgeworfen.

Seine mit der Besessenheit des Glücksspielers und dem manipulativen Geschick des Machtmenschen verfolgte Leidenschaft gilt seit den späten achtziger Jahren den aufsässigen jungen Briten. Ihnen gab er nicht nur eine Plattform. Durch Großeinkäufe lenkte er mitunter auch deren Karriere.

"Sensation"

Mittlerweile gehören die Hirsts und Emins, die Chapmans und Whitereads, die damals Furore machten, fast schon zum Establishment. Und die weißgetünchten industriellen Interieurs, vor denen sich die Avantgarde in Szene setzen kann, sind nun derart gang und gäbe, daß sie fast schon klischeehaft wirken. Bei Charles Saatchi kehrte die Langeweile ein.

Die Ausstellung seiner jungen Briten in der Royal Academy, die ihrem Titel "Sensation" gerecht wurde, zumindest was die Resonanz betrifft, hat gezeigt, daß diese Kunst auch in dem traditionellen Rahmen einer Kunstakademie des achtzehnten Jahrhunderts einen theatralischen Auftritt haben kann. Zudem öffnete der Zulauf, den die Ausstellung dort hatte, Perspektiven, die in der abseits gelegenen Galerie in Nord-London nicht auszuschöpfen waren.

Saatchi: Spannung zwischen Alt und Neu

Vor diesem Hintergrund ist der Schritt in die schweren, holzgetäfelten Büro- und Sitzungsräume von County Hall nachvollziehbar. Das neue Museum lebt denn auch von der Spannung zwischen Alt und Neu, zwischen dem großbürgerlich-bürokratischen Anspruch der noch vom Geist des viktorianischen Empire geprägten Ausstattung und dem kessen Ikonoklasmus des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts. So ist schon der Rahmen eine Art Happening.

Und der kuriose Umstand, daß Saatchi nun zusammen mit dem Aquarium, einer Dalí-Dauerschau, McDonald's, zwei Hotels, Appartements, den VIP-Suiten des Riesenrades und anderen Inbegriffen der Konsumindustrie just in den Räumen Einzug hält, die seine berühmteste Kundin Margaret Thatcher durch die Abschaffung des von ihr wegen seiner linken Politik verhaßten Großlondoner Stadrates leergefegt hat, gibt dem Ganzen eine zusätzliche Pointe.

Das Entree ist nicht gerade einladend: Links der Tür hat sich ein schwitziger amerikanischer Tourist mit seinem Gepäck auf dem Boden geparkt. Gegenüber von Duane Hansons lebensechtem Stereotyp aus Fiberglas steht zur Begrüßung David Falconers Kunstharzabguß Hunderter gefriergetockneter Ratten, zusammengepreßt in einen "Ungeziefer Todesstern".

"Religiöse Schönheit und animalische Sexualität"

Auf dem marmornen Treppenaufgang sitzt der poppige, bunt bepunktete Mini Damien Hirsts, als wolle er die Besucher überfahren. Oben sieht man als erstes die von Matt Collishaw auf Leuchtkästen montierte Nahaufnahme einer Schußwunde, die beim ersten Blick wie eine Vagina aussieht. Im Begleittext ist von der "religiösen Schönheit und animalischen Sexualität" die Rede, die von "etwas derart Abscheulichem" ausgehe.

Von da führt der Weg nicht etwa durch großzügige Raumfluchten wie seinerzeit in der Royal Academy, sondern entlang dunklen, kafkaesken Fluren, von denen lauter kleine und weniger kleine, mit Eiche getäfelte Bürozimmer abgehen, in denen die Uhren stehengeblieben sind. Man geht wie in Blaubarts Schloß von einem Raum zum nächsten und weiß nicht, was einen erwartet.

Hier Damien Hirsts Medizinschrank, da sein in Formaldehyd eingelegtes Schaf, hier ein Gemälde von Paula Rego, da zwei Werke von Patrick Caulfield, die hängen wie in einer Kapelle. Richard Wilsons "20 : 50" nimmt einen Raum in Anspruch, wo sich das barocke eduardianische Dekor mit desorientierendem Effekt in der Ölwanne spiegelt. Im sogenannten Kesselraum stellt Saatchi in einer alle sechs Wochen wechselnden Besetzung seine jüngsten Entdeckungen aus.

Freiheiten eines Privatsammlers

Die mit Fotos von Tracey Emin, Sarah Lucas, dem Japaner Hiroshi Sugimoto und Cragie Horsfield behängten Flure führen schließlich in den aufwendigen Kuppelraum. In dem ehemaligen Sitzungssaal der Kommunalversammlung wartet Saatchi mit den Ikonen der Sammlung auf: Tracey Emins ungemachtes Bett, Ron Muecks geschrumpfte Leiche seines Vaters, Jenny Savilles fleischige Körperlandschaften, Damien Hirsts gigantisches aufgeblasenes anatomisches Spielzeug und Chris Ofilis mit ausgeschnittenen Pornobildern und Elefantenmist beklebte Madonna, an der Rudolf Giuliano seinerzeit so viel Anstoß nahm, daß er "Sensation" in New York stoppen wollte. Erst allmählich wird einem bei der Fülle der Werke von Damien Hirst bewußt, daß hier zur Eröffnung der Saatchi Gallery die Retrospektive stattfindet, die die Tate nicht veranstalten konnte, weil Saatchi, dem die wichtigsten Stücke gehören, die Leihgaben verweigerte.

In der Presse ist viel aus der vermeintlichen Feindschaft zwischen Saatchi und dem Tate-Direktor Sir Nicholas Serota gemacht worden. Aber hier wird wieder einmal auf eklatante Weise klar, daß sich Saatchi Freiheiten herausnehmen kann, die einer staatlich subventionierten Institution nicht geboten sind. Wenn ein Künstler dem Privatsammler nicht mehr gefällt, wenn eine spontane Akquisition sich in den Augen des Sammlers als Fehler erweist, steht dem Verkauf nichts im Wege.

Stolzer Eintrittspreis von 8,50 Pfund

Saatchi soll die Räume in County Hall für fünfzig Jahre gepachtet haben. Er hofft, ungeachtet des stolzen Eintrittspreises von 8,50 Pfund, von den benachbarten Touristenattraktionen profitieren zu können, um 750 000 Besucher statt der bisherigen 150 000 im Jahr für seine Installationen zu gewinnen.

Man fragt sich allerdings, wie diese vom Knalleffekt lebende Zusammenstellung die Zeit überdauern wird, auch wenn die Objekte ständig wechseln sollen. Doch in gewisser Hinsicht ist die Aufmerksamkeit, auf die Saatchi jetzt mit seinem Wagnis stößt, nicht ungerechtfertigt. Denn in der Mischung des energischen, marktwirtschaftlichen Ethos der Thatcher-Jahre mit New Labours modischem Cool Britannia ist man hier am Nabel des Zeitgeistes.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.04.2003, Nr. 91 / Seite 35
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Jahrgang 1957, Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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