10.08.2009 · Aufstieg in die Elite für 28 Euro: Im Sommercamp der „Naschisten“ lässt sich die Zukunft Russlands bilden. Der Funktionärsnachwuchs ist politisch national, religiös orthodox und antiliberal - aber will zugleich innovativ sein.
Von Kerstin Holm, MoskauDas Sommer- und Sammellager für staatstreue Jugendliche am Seligersee, das als Schulungsforum des Funktionärsnachwuchses der „Unsrigen“ (Naschi) entstand, hat seine Schleusen merklich geweitet. Die Kommissare der „Unsrigen“, deren Gründer Wassili Jakemenko inzwischen im Ministerium für Sport, Tourismus und Jugend für die Jugendpolitik zuständig ist, stuften die Zeltsiedlung im Wald herauf zum „Allrussischen Innovationsforum“ und empfangen nun während sechs Wochen, statt wie bisher in einer, insgesamt fünfzigtausend junge Leute aus allen Landesteilen.
Das Trainingslager, das erstmals überwiegend aus öffentlichen Haushaltsmitteln finanziert wird, soll Umschlagplatz für Projekte sein, die die Wirtschaft sonst nicht aufgreift. So will man die Folgen der Überregulierung teilweise ausgleichen. Präsident Medwedjew, der sich per Live-Schaltung an einer Versammlung junger Erfinder beteiligte, sorgte persönlich dafür, dass drei Entwürfe - ein Windenergiegenerator, ein Optimierungssystem für Kühlaggregate und ein hydraulischer Teilchentrenner - beim Oneksim-Konzern unter die Haube kamen.
Wo Georgien sich der Europäischen Union anschließt
Zum Programm der Journalistenschicht gehörte ein Informationskriegsspiel mit gegnerischen Mannschaften, die jeweils Russland, Georgien, Amerika und die Europäische Union vertreten mussten, berichtet Teilnehmer Oleg Ptaschkin. Das taten sie durch gedruckte oder Fernsehnachrichten, aber auch durch Desinformationsmanöver. Doch nach drei Spieltagen habe Georgien sich der Europäischen Union angeschlossen, sagt Oleg, und Russland sah sich wegen seiner Aggressivität verurteilt. Alexandra, eine andere Teilnehmerin beim medialen Kampfsport, war vor allem von der Grundregel des Informationswettkampfs beeindruckt, die die schicke blonde Trainerin verkündete: „Wer zuerst ankommt, hat recht.“ Von einer objektiven Darstellung der Ereignisse sei keine Rede gewesen.
Der König dieses Imperiums der frischen Kräfte, Wassili Jakemenko, ist morgens beim Fünf-Kilometer-Dauerlauf in der Spitzengruppe zu sehen. Am Nachmittag patrouilliert er in seinem Reich auf einem elektrisch betriebenen Stehroller. Jeder junge Mensch, in dem eine innovatorische Idee keimt, müsse gefunden werden, egal wo im weiten Russland er lebe, verkündete Jakemenko zu Beginn des Forums beinahe drohend. Zu diesem Zweck gab er die Order aus, jedes Projekt müsse ihm persönlich in einer einminütigen Sonderpräsentation vorgestellt werden. Von dem Heer der Prätendenten wurde freilich nur einem Bruchteil eine solche Privataudienz zuteil. Die meisten, denen eher die heimische Bürokratie als Amerika zu schaffen macht, wie Oleg Ptaschkin weiß, drangen gar nicht erst zum Kopf der Schlange vor.
Auch den Kriegstoten wird dank Gasprom gedacht
Die Teilnehmer, die diesmal einen Eigenbeitrag von 1200 Rubel (umgerechnet achtundzwanzig Euro) leisten mussten, verbringen ihre Schulungswoche, die aus ihnen, so Jakemenko, neue Menschen machen soll, in einem von roten Spruchbändern umflochtenen Föhrenwald. Das Auge trifft abwechselnd auf Parolen von Präsident Medwedjew und Premier Putin. „Lerne oder Auf Wiedersehen!“ verkündet hier D. A. Medwedjew. „Die Entwicklung des Menschen ist unsere absolute nationale Priorität“ heißt es im Namen von W. W. Putin. Dazwischen prangt auf Spannplakaten Patriarch Kyrill, die Rechte segnend erhoben. Wie jedes Jahr lässt Gasprom für die Dauer des Lagers ein ewiges Feuer zum Andenken an die Kriegstoten brennen, vor dem zwei junge Leute, die stündlich abgewechselt werden, Ehrenwache halten.
Die politische Installationskunst vergegenwärtigt mit einem hölzernen Ölbohrturm die Gefahren der Rohstoffwirtschaft, die hier freilich noch alles trägt. Daneben stecken, auf einem symbolischen Friedhof, Grabkreuze russischer Erfindungen - vom Radio über die Glühbirne bis zum Helikopter -, die im Westen verwirklicht wurden. Dort beginnt aber auch die Allee aktueller Ideen, ein Spalier aus tausend Projekttafeln vom Videomitschnitt aus Universitätsvorlesungen bis zur Müllverbrennungsanlage, das sich quer durchs ganze Lager schlängelt.
Hunderte Jugendliche applaudieren
Die Orthodoxie stiftet auch im Jugendlager die Leitkultur. Am Sandstrand steht ein hölzernes Kirchlein, dessen Priesterpaar gerade, huldvoll lächelnd, hinter einer fröhlich fromme Lieder singenden Folkloregruppe einherschreitet. Vor der Kirche ist ein Bücherstand aufgebaut, wo antifaschistisches Schrifttum feilgeboten wird. Wer das Büchlein über den sowjetisch geleiteten Befreiungskampf der Balten gegen die Nationalsozialisten erwirbt, bekommt dazu eine Broschüre mit herablassenden Zitaten diverser Liberaler - von Grigori Jawlinski bis Michail Chodorkowski - über das russische Volk und dessen Machthaber geschenkt. Im Seminarzelt „Puschkin“ erklärt unterdessen ein Kuttenträger in einem Vortrag über Bulgakows Roman „Der Meister und Margarita“, die harte Zeit des Stalinismus sei von jener Macht gesandt worden, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.
Nebenan, im Zelt „Tarkowski“, predigt Anatoli Matweitschew, Präsidentenberater für Innenpolitik, dass es zwar ein Sieg sei, wenn die von George Soros finanzierten Geschichtslehrbücher, in denen so viel Antirussisches zu lesen sei, endlich aus dem Verkehr gezogen werden - aber dieser Sieg sei nur ein vorläufiger, etwa wie der Sieg vor Moskau 1941. Dann zitiert Matweitschew den Schriftsteller Wassili Rosanow, der gesagt haben soll, wenn die Mutter entehrt und alkoholisiert im Graben liege, müsse der Sohn sich fürsorglich ihrer annehmen. Hunderte Jugendliche applaudieren.
Eine SA mit Puderzucker
Draußen an der Innovationsallee sammelt sich eine schulklassengroße Gruppe mit hellblauen Fahnen, die mit den Graffitibuchstaben „stal“ (Stahl) bedruckt sind. Es ist eine Unterabteilung der „Unsrigen“, die mit politischen und informationstechnischen Aktionen das Image Russlands in der Welt aufpolieren will. Auf ein Signal ihres dicklichen Anführers bellen sie: „Eto stal, eto stal!“ (Das ist Stahl), während sie in Viererreihen durchs Zeltdorf marschieren. Der Schriftsteller Wladimir Sorokin nennt die „Naschisten“ eine SA mit Puderzucker.
Wer sich durch das „stal“ an Stalin erinnert fühlt, bekommt vom feisten Kommissar den Bescheid, das sei völlig abwegig. Auf dem Trainingsplatz bilden die „Stählernen“ erst einmal einen Kreis. So spüre man die Schulter des Nebenmannes und sehe der Gruppe in ihre vielen Gesichter, erläutert der Trainer. Dann trennen sich die jungen Leute kichernd in zwei Fronten. Auf ein Zeichen heben sie entweder drohend die Arme empor oder stechen mit unsichtbaren Samuraischwertern zu. Was aussieht wie eine Einstimmung zum Straßenkampf, dient angeblich dem Ermitteln von Führungsfiguren.
Die Vergabe der Dumamandate ist wie die Reise nach Jerusalem
Zur Kaderschulung am Seligersee ist diesmal auch der Nachwuchs der loyalen Oppositionspartei LDPR des ultranationalistischen Vize-Dumasprechers Schirinowski angerückt. Auch die Jung-LDPRler kichern, vor allem als die Journalistin eine ironische Bemerkung über die Oppositionspose der Partei macht, die stets kremlkonform abstimmt. Doch die Vergabe der Dumamandate ist wie die Reise nach Jerusalem, es gibt immer zu wenige Stühle. Weil er es wagte, in der Kleinstadt Kassimow im Landkreis Rjasan gegen einen Kandidaten der Regierungspartei „Einheitliches Russland“ anzutreten, habe seine Gattin ihren Posten als örtliche Bibliotheksleiterin verloren, berichtet ein Aktivist.
Ein wichtiger Teil der politischen Arbeit sei es, die Bevölkerung über ihre Verbraucherrechte aufzuklären, erklärt er, was angesichts schlechter chinesischer Importwaren höchst aktuell sei. Doch vor allem müsse die Partei an den großen Festtagen im Mai und im November auf Demonstrationen Flagge zeigen. „Wir sind Leute der Erde“, wirbt der Anführer der LDPR-Delegation, Andrej Zesarew, und grenzt sich von der Funktionärskaste der „Unsrigen“ ab, die die LDPR-Jugend frech schikaniere, wenn auch nicht mehr so frech wie früher. Und davon würden, so versichert Zesarew, seine Mannen nur stärker.
Tendenziell
Michael Bothe (mmbothe)
- 10.08.2009, 16:01 Uhr