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Russland und die Ukraine : Die Mutter aller Kriege ist das Missverständnis

  • -Aktualisiert am

Zieht sich passende Nachfolger heran: Wladimir Putin gemeinsam mit Premierminister Medwedjew am 9. Mai bei einer Militärparade in Moskau Bild: dpa

Hinter dem blutigen Dauerkonflikt zwischen der Ukraine und Russland steckt ein Konflikt der Wertvorstellungen. Die russische Idee vom Dienst am Vaterland ist Europa fremd, und Russen finden westliches Sicherheitsdenken spießig.

          Eigentlich scheint alles klar. Putins Russland kämpft für die Wiederherstellung eines großen Imperiums und die Behauptung seines Großmachtstatus. Seitens der Ukraine ist es eine Flucht nach Westen, der Wunsch nach einem freien und bequemeren Leben. Mit demselben Ziel sind DDR-Bürger in den Westen geflohen, oftmals unter Einsatz ihres Lebens.

          Die Beteiligung des Westens an diesem ostslawischen Konflikt mit Russland nimmt einen zunehmend verwirrenden Charakter an. Während aus der DDR im Grunde die eigenen Leute – Deutsche – in den Westen flohen, ist hier nicht ganz klar, wer flieht und warum. Der Westen hatte bis vor kurzem, bestimmt aber bis zum Euromaidan, ein eher angestrengtes Verhältnis zur Ukraine, trotz der orangenen Revolution, in vieler Hinsicht wegen ihres unrühmlichen Scheiterns. Aber der eiskalte Winter der Konfrontation von Maidan und Staatsmacht und die nervöse, immer mehr antieuropäische Position Moskaus haben den Westen allmählich davon überzeugt, dass die Ukraine gar nicht so archaisch und zurückgeblieben ist, kein hoffnungsloser Fall, und dass es dort lebendige, vernünftige Kräfte gibt.

          Konflikt der Werte

          Als sich aber Russland, das revolutionäre Chaos in Kiew nutzend, ohne alle Skrupel und im Gegenteil vollkommen überzeugt, historisch im Recht zu sein, die Krim einverleibte, geriet der Westen in Aufregung und war ernstlich empört. Teilweise – und das spürte man in Moskau – bekam er Angst vor der eigenen Empörung, denn Russland hatte sich in den letzten zwanzig Jahren für ihn zu einem ernstzunehmendem Partner, wenn nicht gar zu einem Freund entwickelt, jedenfalls war es kein Feind mehr. Dennoch, die Empörung war ein wenig größer als die Angst, es folgten Proteste, Sanktionen und konkrete Unterstützung der Ukraine.

          Der politische Aspekt des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine ist jedoch nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, dass sich ein scharfer Konflikt zusammengebraut hat zwischen den europäischen Werten einerseits, zu denen sich ein bedeutender Teil der ukrainischen Bevölkerung hingezogen fühlt, und andererseits den fundamentalen russischen Werten, die der Westen ablehnt oder nicht wahrhaben will.

          Der Wertekonflikt lässt sich mit zwei Zitaten illustrieren. Es gibt den berühmten Ausspruch von James Joyce: „Man sagt mir, stirb für Irland. Ich aber sage, soll Irland doch für mich sterben!“ Man kann sich kaum vorstellen, dass ein gewöhnlicher Russe so etwas im 21. Jahrhundert über sein Land sagen würde, denn das widerspricht dem russischen Prinzip des Patriotismus und des Dienstes an der Heimat. Das zweite Zitat entstammt der klassischen russischen Komödie Alexander Gribojedows von 1825, „Verstand schafft Leiden“. Darin prahlt die negative Figur Moltschanin mit seinen zwei Talenten: Mäßigung und Vorsicht. Ganz Russland spottet bis heute über diese biedermeierlichen Begriffe, die aber im Westen niemanden abstoßen.

          Der Kreml und sein Hinterland

          Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gab sich der Westen leichtfertig der Illusion hin, Russland sei ein europäisches Land, das sich vom Kommunismus verabschiedet hat und nun, wenn auch nicht ohne Mühe, seinen Platz in der europäischen Zivilisation finden wird. Diese Illusion war für den Westen nützlich, um mit Russland ins Gespräch zu kommen, wohlwollend und zurückhaltend zugleich, belehrend und ein wenig überheblich. Diese Illusion wurde in den ersten Jahren der Jelzin-Regierung von jungen Reformern wie Gaidar und Tschubais genährt. Sie waren es, die Russland auf eine Weise veränderten, dass seine europäische Gesichtszüge hervortraten, während der ganze übrige Körper sorgfältig verhüllt blieb.

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