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Raketenfehlstart in Russland : Himmelfahrt

Trotz Weihung kam es zum Fehlstart: Eine russische Sojus-Rakete auf der Startrampe des Weltraumbahnhofs Wostotschnyj. Bild: dpa

Vor dem Fehlstart der Sojus-Rakete kann auch kirchlicher Segen nicht schützen, findet Erzpriester Wsewolod Tschaplin. Rockmusiker Sergej Schnurow sieht die Schuld bei der „Ungeistigkeit“ der russischen Landsleute.

          Es kracht nicht nur in Nordkorea. Nach dem missglückten Abschuss einer mit neunzehn Satelliten bestückten Sojus-Rakete vom Weltraumbahnhof Wostotschnyj muss sich die russisch-orthodoxe Kirche, die eine immer bestimmendere Rolle im Staat beansprucht, Fragen zu ihrer Mitverantwortung gefallen lassen. Da der neue Wettersatellit „Meteor-M“ vor dem Start von einem Priester gesegnet wurde – wie auch im vorigen Jahr eine andere, ebenfalls verlorengegangene Sojus-Rakete –, könnten einem doch Zweifel kommen, ob die mit solchen Weihen betrauten Geistlichen für dieses Amt ausreichend qualifiziert seien, notierte der für seine sarkastischen Spitzen geschätzte Moskauer Diakon Andrej Kurajew in seinem Live-Journal.

          Kurajew erinnerte insbesondere daran, dass der Erzbischof Sawwa, der dem Wettersatelliten den kirchlichen Segen spendete, bei der Zeremonie im Werk für Weltraumtechnik im Gegensatz zu allen anderen Anwesenden nicht die dort übliche Schutzkleidung anlegte. Priester, die eine geistliche Dienstleistung erbrächten, deren Qualität dann enttäusche, stünden vielleicht doch nicht in so vertrauter Nähe zum Höchsten wie vielfach angenommen, stichelte Kurajew.

          Die Geistlichkeit hält freilich dagegen. Der Erzpriester Wsewolod Tschaplin, der zwar noch keine Rakete, aber schon viele Autos gesegnet hat, erklärt, es sei unchristlicher Magieglaube, von einer Segenszeremonie zu erwarten, sie könne technische Fehler oder menschliches Fehlverhalten im Umgang mit einer Rakete, einem Auto oder einer Waffe neutralisieren. Vater Swjatoslaw aus Blagoweschtschensk erinnert daran, dass der geistliche Segen keinesfalls Treibstoffmangel, fehlerhafte Teile oder überhaupt physikalische Gesetze außer Kraft setze.

          Der Petersburger Rockmusiker Sergej Schnurow findet solche Rückversicherungen einfach nur kleingläubig. Der bekennende Trunkenbold widmete dem missglückten Satellitenstart ein Gedicht, in dem er der „Ungeistigkeit“ seiner Landsleute die Schuld am Versagen der Technik gab. Weil wir Gott zu wenig loben und nicht fasten, sondern schlemmen, fliegen orthodoxe Raketen nicht nach oben, sind für Außerirdische wir Memmen, reimt Schnurow etwas krumm. Regeln von Masse, Geschwindigkeit oder Energie gälten nicht für ein Gottesvolk, predigt Schnurow, denn Wunderglaube mache Wunder wahr. Der Rockstar erinnert auch daran, dass das berühmte Zitat des ersten Kosmonauten Juri Gagarin, er sei in den Weltraum geflogen, habe Gott aber nicht gesehen, als Fälschung des damaligen Parteichefs Nikita Chruschtschow enttarnt wurde. In Wirklichkeit sei der große Gagarin nämlich nicht bloß getauft gewesen, versichert Schnurow seinen russischen Brüdern, sondern er sei auch allein durch die Kraft seines Glaubens und Gebets leibhaftig in den Himmel gefahren.

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