In immer kürzeren Intervallen wird Russland zu einem anderen Land. Mit dem Urteilsspruch, der die drei Frauen von Pussy Riot zu je zwei Jahren Gefängnishaft bestraft, sei zugleich das endgültige Urteil über das russische Rechtssystem gefällt, erklärt der Blogger und „Echo Moskwy“- Kommentator Anton Orech. Dass Nadjeschda Tolokonnikowa, Marija Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch wegen angeblichen verbrecherischen Schürens religiösen Hasses eine Haftstrafe bekamen, mache es amtlich, so Orech, dass jeder, sollte es den Machthabern so passen, für Straftaten, die er nicht begangen hat, hinter Gittern landen kann.
Tatsächlich hätten die Feministinnen mit ihrem dummen „Punk-Gebet“ sich allenfalls eine Verwaltungsstrafe ertanzt, erklärt auch der Anwalt und Korruptionsbekämpfer Alexej Nawalnyj, dem das Spektakel der Urteilsverkündung gegen die drei vermeintlichen Glaubensschänderinnen wie eine satanistische Séance vorkam: Richterin Marina Syrowa habe, als sie in den Saal kam, laut mit den Hufen geklappert, bezeugt Nawalnyj, und der Staatsankläger, während die Richterin ihr Verdikt verlas, kratzte sich die Hörner. Nawalnyj fand es besonders grotesk, dass die sympathischen Randaliererinnen während des Prozesses Handschellen tragen mussten und ins kugelsichere „Aquarium“ gesperrt wurden, das seinerseits von neun Schwerbewaffneten und zwei Polizeihunden bewacht wurde - während mit dem Kreml vernetzte Milliardendiebe, die er seit Jahren vor Gericht zu bringen versuche, dank höchster Protektion ungestört ihr Luxusleben genießen.
Die Teufel, mit denen, nach Nawalnyjs Diagnose, Putin im Bund stehe, haben zwei Siege errungen: Unschuldige sitzen im Gefängnis, und die Kirche ist schwer beschädigt. Tatsächlich waren viele Gläubige und auch Priester entsetzt, dass es kein Kirchenvertreter wagte, das Gericht zu christlicher Versöhnung aufzurufen. Selbst die Glaubenseiferer, die im Verfahren als durch die „dämonischen Zuckungen“ der Punkerinnen Geschädigte auftraten, sollen von der Härte des Urteils überrascht gewesen sein. Die meisten von ihnen hätten für die Mädchen Arbeitsdienste befürwortet, verriet der Anwalt der Gegenseite, Lew Ljalin. Die Kirche, die, wie Nawalnyj meint, so viel Aggression auf sich gezogen hat wie seit der Revolution von 1917 nicht mehr, versucht jetzt, den Schaden zu begrenzen. Unmittelbar nach dem Urteil wandte sich der oberste Kirchenrat mit der Bitte an den Staat, gegenüber den drei Frauen im Rahmen des Gesetzes größtmögliche Milde walten zu lassen.
Richterin Syrowa begründete ihr Urteil damit, dass Nadjeschda Tolokonnikowa, Marija Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch ihre Aktion in der Christi-Erlöser-Kathedrale minutiös und böswillig geplant hätten. Von ihrem „Verbrechen“, wie Frau Syrowa den Auftritt mehrmals nannte, hätten sie Videos gemacht und an Bloggerfreunde geschickt, die sie, mit anderen Aufzeichnungen vervollständigt, durchs Internet geschickt hätten, um möglichst viele Gläubige zu treffen. Eine politische Dimension wollte die Richterin nicht erkennen, auch nicht in Pussy Riots Anrufung der Gottesmutter, sie solle Putin vertreiben.
Gespenstische Exkurse
Dafür widmete Marina Syrowa angeblichen Persönlichkeitsstörungen, die Gerichtspsychiater bei allen Angeklagten festgestellt haben sollen, in ihrer Urteilsbegründung gespenstische Exkurse, die an die Krankheitsbefunde sowjetischer Psychiater bei Dissidenten denken ließen. Bei der entschlossensten der drei, bei Nadjeschda Tolokonnikowa, soll sich diese Störung in ihrer aktiven Lebensgestaltung äußern sowie in ihrer Bereitschaft, entschieden zu handeln. Was daran gestört ist, wird nicht gesagt.
Die acht Jahre ältere Jekaterina Samuzewitsch, die vom Temperament her größere Distanz zu sich hat, leidet laut Gerichtsprotokoll an Sturheit, einem Hang zu oppositionellem Tun und Rationalismus. Man glaubt, daraus eher die Frustration der Fahnder zu hören, die bei ihren Verhören allen dreien lange Haftstrafen androhten, welchen sie nur durch ein Schuldgeständnis entgehen könnten - womit sie aber keinen Erfolg hatten. Marija Aljochina bekam einmal nur beim Verhör einen Nervenzusammenbruch, nachdem der Fahndungsbeamte ihr gedroht hatte, ihr den kleinen Sohn wegnehmen zu lassen. Möglicherweise steht deshalb jetzt in ihrer Akte, Frau Aljochina leide an übertriebenem Selbstwertgefühl, sie habe einen Hang zum Suizid und zu emotionaler Erpressung.
“Putin hat sich ins Hemd gemacht“
Dass die kaum vierzig Sekunden währende Performance in der Kirche so folgenschwer sein würde, hätte sich keine der drei Verurteilten vorstellen können. Noch während des Prozesses habe sie sich immer wieder sagen müssen, dass sie nicht träume, bekennt Nadjeschda Tolokonnikowa. Jekaterina Samuzewitsch sagt, sie sei fasziniert, wie viel größer die Aussage des „Punk-Gebets“ mit der Zeit geworden wäre als das, was sie selbst ursprünglich hineinlegte. Das feministische Tanzlied an die Gottesmutter war, wie man gerechterweise sagen muss, von Begabung oder Können völlig frei, sein Reiz lag ganz in der stresserzeugten explosiven Energie. Doch der Preis, den drei seiner Interpretinnen dafür zahlten, hat es gleichsam geadelt. Die Haltung, mit der die drei jungen Frauen die Schikanen der Haft und des Gerichtsverfahrens durchstanden, kann man nur bewundern. Das und die Sympathiebekundungen russischer wie internationaler Künstler und Intellektueller haben gewissermaßen einen kostbaren Rahmen geschaffen, durch den das dürftige Bild jetzt besser aussieht.
“Putin hat sich ins Hemd gemacht“, johlte im Winter eine bunt maskierte Pussy-Riot-Schar bei ihrem vielleicht gelungensten Rap auf der alten Hinrichtungsstätte des Roten Platzes im Angesicht des Kremls. Die Massendemonstrationen gegen die Wahlfälschungen hatten Putin tatsächlich Angst gemacht. Doch langsam und planmäßig führte er seinen Gegenangriff, er verschärfte das Demonstrationsrecht, er machte Verleumdung wieder zum Strafrechtsparagraphen, er ließ Sympathisanten der genehmigten Mai-Demonstration verhaften und jetzt, zur Einschüchterung aller, drei Punkerinnen wegen religiöser Unanständigkeiten, die kein Gesetz verbietet, aburteilen.
Damit werde die Gesellschaft weiter entzweit und radikalisiert, mahnt der zum Putin-Kritiker gewordene Exfinanzminister Alexej Kudrin. Die damit verbundene Gewaltbereitschaft sei aber für die öffentliche Moral viel gefährlicher als jede provokative Performance. Kudrin hält den Schaden, den Russlands Ansehen und seine Attraktivität für Investoren genommen hat, für gewaltig.
Nadjeschda Tolokonnikowa hingegen scheint guter Dinge. Die politischen Umwälzungen, die sich anbahnten und die besten Kräfte an sich ziehen würden, machten sie glücklich, versichert sie. Auch im Gefängnis habe sie großartige Leute getroffen, die ihr, wo immer es nötig war, halfen. Die Zelle schreckt Nadjeschda nicht. Und jetzt, nach dem Urteil, Putin um Gnade zu bitten, komme überhaupt nicht in Frage. Er soll lieber an uns, findet sie, ein Gnadengesuch stellen.
Putin stellt sich selbst ein Armutszeugnis aus!
Magnus Kranenberg (magnumthevoice)
- 23.08.2012, 15:23 Uhr
Etwas mehr Tiefgang bitte - Pussy Riot ist nur die Oberfläche.
Frauke Klien (endivie)
- 19.08.2012, 18:17 Uhr
Urteile
Heike Schneider (KassandraWahrheit)
- 19.08.2012, 17:50 Uhr
Putin ist ein Hasenfuß
Carolus Doomdey (Domday)
- 19.08.2012, 17:49 Uhr
Ideologie und Recht
Wilhelm Surmann (AutorDent)
- 19.08.2012, 17:46 Uhr