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Russland Miss Verfassung

16.12.2008 ·  Wohlgestalt wie der Buchstabe des Gesetzes und vollkommen wie die Sprache der Verfassungsartikel soll sie sein: Russland wählt erstmals eine Miss Verfassung. Die Siegerin brilliert im Barfuß-Tanz, offenbart aber noch Lücken in der politischen Bildung.

Von Kerstin Holm
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Das ausklingende Präsidentenwahljahr begeht Russland auch mit der Wahl eines symbolischen Namens. Das vom zweiten Fernsehkanal veranstaltete Rennen um den historischen Lieblingshelden der Russen wird per Internet bis Silvester entschieden. Auf der Zielgeraden auf fast gleicher Höhe: mit einer Unterstützung von jeweils rund einer Viertelmillion Stimmen der rechtgläubige Fürst Alexander Newski, Zar Peter der Große und Sowjetdiktator Stalin. Die drei Anwärter verkörpern Russlands Größe, weil sie das rückständige Imperium zum Sieg über modernere westliche Widersacher führten.

Russlands heutiger großer Schachspieler, Premier Putin, hat es geschafft, mit Medwedjew einen Nachfolger auf den Präsidententhron zu bringen, der das de jure nahezu allmächtige Amt versieht, als sei er die englische Königin - und das ohne Änderung der Verfassung, die gerade einen eigenen Feiertag bekam. Präsident Medwedjews erster politischer Willensakt danach verlängerte die Amtszeit künftiger russischer Präsidenten auf monarchische sechs Jahre. Wie um die Jungfräulichkeit des Grundgesetzes wenigstens symbolisch zu beschwören, ließ die Präsidenten-Jugendorganisation der „Unsrigen“ (Naschi) am Feiertag am Kreml eine „Miss Verfassung“ wählen.

Barfuß tanzend zum Titel

Russlands politische Schönheitskönigin müsse wohlgestalt sein wie der Buchstabe des Gesetzes und vollkommen wie die Sprache der Verfassungsartikel, formulierte der Kommissar der Naschisten, Borowikow, das Ziel der Veranstaltung. Um den Titel, der mit einem neuen Mini Cooper dotiert war, bewarben sich drei Grazien aus den eigenen Reihen der „Unsrigen“ plus eine vierte, die man spontan aus der Demonstrantenmenge aufs Podium holte. Die Kandidatinnen sollten auch politische Intelligenz demonstrieren. Auf die Frage, in wie viele Regionen Russland zerfalle, erschallte ein Sprechchor: „68!“, „75!“, „86!“, so dass der Moderator entgegnete, die Aufgabe bestünde nicht darin, eine zweistellige Zahlen zu nennen. Auf die Frage, wie das Volk seine verfassungsmäßige Macht ausübe, antwortete Kandidatin Gulja: „durch Demonstrationen und Streiks“, woraufhin ein Jury-Mitglied lachend vorschlug, das solle man vielleicht dem Generalstaatsanwalt erklären.

Siegerin wurde schließlich Marina Fedotowa aus Rostow, die beim kalten Wetter nicht nur in Bademoden defiliert und gesungen, sondern sogar barfuß getanzt hatte. Als es dunkelte, versammelten sich am Moskauer Gribojedow-Denkmal dreihundert Nationalisten, um das „Fräulein Verfassung“ symbolisch zu Grabe zu tragen, weil die Vorherrschaft des russischen Volkes darin nicht festgeschrieben werde. Der Anführer der „Slawischen Union“, Dmitri Demuschkin, warf seinen Mitdemonstranten Toilettenpapierrollen zu. „Das ist unsere Verfassung“, rief Demuschkin, „ihr wisst, wozu die gut ist!“

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