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Russland Küsse zwischen Unbekannten

09.11.2009 ·  Von der Euphorie ist in Russland bei vielen nur Ernüchterung geblieben. Der Riss zwischen Deutschen und Russen gilt als tief, beide Völker könnten einander nicht verstehen: Einschätzungen von Jerofejew, Sorokin und anderen.

Von Kerstin Holm, Moskau
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Als die Berliner Mauer fiel, war auch ich euphorisch, bekennt die Historikerin Natalja Narotschnizkaja, die seit Anfang vergangenen Jahres das russische Institut für Demokratie und Zusammenarbeit in Paris leitet. „Wir waren euphorisch bis zur Trunkenheit. Wir sahen in der Mauer ja eine bloß ideologische Grenze“, sagt die europäisch gebildete russische Patriotin. „Wir hatten vergessen, dass sie eine politische Kontrolllinie war, eine Folge der Konferenzen von Jalta und Potsdam. Leider verhielt Gorbatschow sich damals völlig verantwortungslos“, urteilt Frau Narotschnizkaja. „Während Kohl für alles offen war, versäumte der sowjetische Generalsekretär, die Nato zur Nichtexpansion gen Osten zu verpflichten. Im Grunde änderte sich das politische Denken nicht“, so Natalja Narotschnizkaja. Statt zu verschwinden, sei die Berliner Mauer nur weitergewandert bis zur Grenze des Moskowitischen Reiches im siebzehnten Jahrhundert.

Der Schriftsteller Viktor Jerofejew hingegen ist bis heute stolz auf Gorbatschow. Der Sowjetherrscher hätte den Prozess der Grenzöffnung ja stoppen können, sagt Jerofejew. Doch er tat es nicht. „Er ließ die Wiedervereinigung zu in einer Situation, da Frankreich und Großbritannien noch große Bedenken hatten. Also gebührt ihm ein Hauptverdienst der Einigung Europas“, findet Jerofejew.

Die Wand war weg

1989 begann eine neue Zeitrechnung. Die revolutionäre Tat Peters des Großen war, ein Fenster nach Europa aufzustoßen. Jetzt war die ganze Wand weg. Russland und Europa umarmten einander. Doch diese Umarmung war grotesk. Sie war, findet Jerofejew, wie der Kuss von Honecker und Breschnew auf dem Bild des russischen Pop-Künstlers Dmitri Wrubel. „Zwei Leute küssten sich, die einander nicht kannten. Und sie versuchten dann auch nicht wirklich, einander kennenzulernen. Stattdessen maßen sie einander an den jeweils eigenen Maßstäben und waren natürlich enttäuscht. Die Europäer wollten glauben, dass Russland zwar groß und dreckig war, aber doch ein Zimmer im gemeinsamen Haus.“ Dabei, so Jerofejew, sei es ein separates Gebäude.

Der Schriftsteller Wladimir Sorokin trauert heute manchmal dem alten West-Berlin nach, jener Insel der freien Welt mitten im sowjetischen Territorium. Die breiten, menschenleeren Straßenzüge, wo kulturell so viel passierte, waren faszinierend, erinnert sich Sorokin. Man habe die Ost-West-Spannung physisch fühlen können. Die Bewohner des sowjetisierten Deutschland hätten ihm aber nur leid getan, sagt der Russe. Als der steinerne Belagerungsring endlich riss, war er wirklich glücklich. Doch Sorokin spürte damals auch, dass der Riss weitergehen würde und nun auch die Tage des Sowjetsystems gezählt waren. „Die Sowjetunion war ja kein osteuropäisches Land, das sich ein Regime mit menschlichem Gesicht hätte zulegen können“, meint er, „sondern ein prinzipiell nicht modernisierbares Reich.“

Überrascht vom Tempo

Nelly Motroschilowa, die große Dame der deutschen Philosophie an der russischen Akademie der Wissenschaften, die seit den achtziger Jahren oft nach Westdeutschland kam, wurde vom Tempo des Wiedervereinigungsprozesses überrascht, gibt sie zu. Frau Motroschilowa, die zusammen mit der Marburger Universität die zweisprachige Kantausgabe herausbrachte, gehört zu den russischen Gelehrten der älteren Generation, die germanophil wurden, obwohl ihre Familien im Zweiten Weltkrieg einen hohen Blutzoll zahlten. Seit der Wende arbeitet Nelly Motroschilowa gern in der Husserl-Stadt Halle, der sie, wie auch anderen ostdeutschen Städten, eine Renaissance wünscht.

Zu den ernüchterten Euphorikern gehört auch der Komponist Wladimir Tarnopolski, für den Deutschland, sagt er, das wichtigste Land sei, wie für alle Musiker. Als die Mauer fiel, schienen sich alle Probleme an einem Tag zu lösen, erinnert er sich. Inzwischen hat Tarnopolski, wie Natalja Narotschnizkaja, den Eindruck, die Mauer sei nur niedriger geworden und habe sich nach Osten verschoben.

Der vielbeschworenen europäischen Offenheit werde durch die immer höheren Visa-Hürden geradezu hohngesprochen. Vor dem Mauerfall habe er für einen Deutschlandbesuch die Erlaubnis des KGB benötigt, heute müsse er sein Jahreseinkommen nachweisen, Kontoauszüge vorlegen, einen deutschen Bürgen finden, der für ihn hafte, falls er etwas anstelle. Tarnopolski hat für das internationale Projekt „Into“ des Frankfurter Ensembles Modern ein Stück geschrieben, zu dessen Aufführung während der Tage der auswärtigen Kulturpolitik er im Frühjahr 2009 nicht kommen konnte, weil ein anderes europäisches Land, wo er kurz vorher zu tun hatte, ihn mit einem im Voraus erteilten deutschen Visum nicht eingelassen hätte. „Die deutschen Musikfestivals, Museen und damit die europäische Kultur werden für uns immer schwerer erreichbar“, sagt der Musiker, dessen Werke in der Heimat oft als „deutsch“ wahrgenommen werden. Am grassierenden russischen Nationalismus hätten natürlich die Nationalisten selbst Schuld. Doch Europa und Amerika, so Tarnopolski, hätten das Ihre dazu beigetragen.

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Jahrgang 1958, Feuilletonkorrespondentin in Moskau.

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