http://www.faz.net/-gqz-8i4u2

Russische Gedenkpolitik : Boris-Brücke

Trauernde Ende Februar 2015 an der Stelle, an der Boris Nemzow erschossen wurde Bild: Reuters

Russland tut sich schwer bei der politisch korrekten Benennung seiner Brücken. Jeder Vorschlag trifft sofort auf Opposition. Ein Schriftsteller hat eine salomonische Lösung.

          Kaum etwas macht die Kluft zwischen Regierenden und Regierten in Russland so deutlich wie der aktuelle Streit um die Umbenennung zweier Brücken in Moskau und Petersburg. In Petersburg beschloss die Stadtverwaltung, eine neue Brücke in einem Außenbezirk nach Achmat Kadyrow zu benennen, dem Vater des jetzigen Chefs der Tschetschenischen Republik, Ramsan Kadyrow, der mit Brutalität und viel Geld aus dem russischen Staatshaushalt die rebellische Kaukasus-Region befriedet hat. Mit Kadyrows Namen werde ein Zeichen der Toleranz gesetzt und ein freundliches Signal an die islamische Welt gesandt, die im globalen Ölgeschäft eine Schlüsselrolle spiele, erklärt der Leiter des Petersburger Kulturkomitees, Konstantin Suchenko.

          Vor allem Staatsfunktionäre stimmten für die Namensgebung. Die Petersburger Zivilgesellschaft, Künstler und Intellektuelle sind jedoch entsetzt. Der Filmregisseur Alexander Sokurow erinnert daran, dass es Achmat Kadyrow war, der im ersten Tschetschenien-Krieg Mitte der neunziger Jahre zum Dschihad gegen Russland aufrief und an seine Landsleute appellierte, so viele Russen zu töten wie möglich, bevor er sich auf die Seite Moskaus schlug. Um Kadyrow senior, der 2003 einem Mordanschlag zum Opfer fiel, wird in Tschetschenien ein regelrechter Kult betrieben, vor allem um Kadyrow junior zu legitimieren.

          Ein Vorschlag zur Güte

          Die Gegner des geplanten Brückennamens haben mehrfach dagegen demonstriert, eine Internet-Petition, die ihn verhindern soll, bekam mehr als 74.000 Unterschriften. In Moskau verläuft die Front umgekehrt. Anhänger des ermordeten Oppositionspolitikers Boris Nemzow wollen die zentral gelegene Moskworezki-Brücke, wo ihn im vorigen Jahr die Kugel eines tschetschenischen Killers niederstreckte, umbenennen in Nemzow-Brücke. Doch die Behörden lehnen das ab. Und das „Volksdenkmal“ für Nemzow, das Moskauer Bürger am Ort seines Todes mit Fotos, Blumen und der Schrifttafel „Nemzow-Brücke“ bestücken, wird immer wieder verwüstet.

          Jetzt fand der für seine kluge Ironie geschätzte Schriftsteller Dmitri Bykow eine salomonisch innovative Lösung für beide Konflikte: Brücken und Straßen sollten auf die Vornamen historischer Persönlichkeiten getauft werden, schlägt er vor. Die Petersburger Brücke könne „Achmatow-Brücke“ heißen, so Bykow. Das würde sie durch das russische Possessiv-Suffix „ow“ einerseits zu „Achmats Brücke“ machen. Zugleich könnten Verehrer der Petersburger Dichterin Anna Achmatowa, nach der noch keine Straße benannt wurde, ihren Namen darin erkennen. Und eine Boris-Brücke, die kritische Intellektuelle an Nemzow denken lasse, erscheine Staatstreuen als Hommage an Russlands ersten Präsidenten Boris Jelzin oder gar Zar Boris Godunow. Selbst das Stalin-Fieber könne man so ins Versöhnliche wenden, meint Bykow. Eine Jossif-Straße wirke doch immer auch wie eine Ehrung des Dichters und Dissidenten Jossif Brodsky.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Schulstunde im Pausenhof

          Leseforschung : Schulstunde im Pausenhof

          Die Leseforschung hat herausgefunden, dass Texte auf Papier besser im Gedächtnis haftenbleiben und viele Schüler gern mit Büchern lernen. Die Bildungspolitik scheint das aber wenig zu interessieren.

          Entsteht hier ein neues Englisch?

          Sprachen-Labor Südpazifik : Entsteht hier ein neues Englisch?

          Wie verändert sich das Englische, wenn es als Zweitsprache gebraucht wird? Carolin Biewer ist der Frage im Südpazifik nachgegangen. Im Interview berichtet sie über eine Pionierarbeit und Herzenssache.

          Topmeldungen

          Medizinartikel in der Praxis des Vereins A+G Armut und Gesundheit in Deutschland e.V. in Mainz.

          FAZ Plus Artikel: Krankenversicherung : Durch das Netz gefallen

          Das deutsche Sozialsystem gilt als engmaschig. Und doch gibt es sie, die Nicht-Krankenversicherten in Deutschland. Unter ihnen sind nicht nur Obdachlose und Drogenabhängige – viele kommen aus der Mitte der Gesellschaft.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.