http://www.faz.net/-gqz-93p75

Russland inszeniert Geschichte : Propaganda für die Interessen des Staates

Porträts von Stalin und Putin in der Ausstellung „Moja istoria“ - „Meine Geschichte“ Bild: Picture-Alliance

Der Zar war gerecht, und an der Revolution hatten Bankiers, Reformer und die Presse Schuld. Das lehrt der vom Patriarchen gesegnete Geschichtspark in Moskau und sechzehn weiteren Städten.

          Im Informationszeitalter investieren immer mehr Regierungen Geld und Können in den globalen Informationskrieg und weniger in die Wissensausstattung ihrer Bürger. Das ist besonders offensichtlich in Russland, wo Bildungseinrichtungen eingespart, während mit großem Aufwand Netztrolle und Hasspropaganda produziert, aber auch ambitionierte, interaktive Erlebnisräume geschaffen werden, um der nachwachsenden Generation ein attraktives Bild ihrer Historie zu vermitteln. Speziell an Schülergruppen und Familien richtet sich der immersiv-multimediale Geschichtspark „Meine Geschichte“ (Moja istoria), den das Kulturministerium und das Patriarchat der Russisch Orthodoxen Kirche mit finanzieller Unterstützung durch Gasprom zunächst in Moskau und obendrein in sechzehn weiteren wichtigen Städten eingerichtet haben.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          In der Hauptstadt ist „Meine Geschichte“ in einem Pavillon auf dem Ausstellungsgelände WDNCh untergebracht, wo einem auf viertausend Quadratmetern Russlands Vergangenheit von den heidnischen Anfängen bis zur Gegenwart in starken Bildern und griffigen Erzählungen nahegebracht wird. Die Schau ist gut besucht. Kinder begeistern sich für die 3D-Effekte in der Abteilung Raumfahrt. Junge Leute fläzen sich in einem von Ikonenprojektionen illuminierten Kuppelraum. Ältere studieren die Lightbox von Zar Iwan dem Schrecklichen, die sie belehrt, Iwans Terrorregime der Opritschnina sei im europäischen Vergleich keineswegs horrend gewesen. Außerdem sei nicht wahr, dass der gefürchtete Zar seinen Sohn umgebracht habe. Diese Version hat auch unlängst Präsident Putin für richtig erklärt.

          Viele Intellektuelle und zumal Historiker sind entsetzt über den populären Geschichtspark, in den Millionen investiert werden. Auch Sergej Schurawljow, der stellvertretende Direktor des Instituts für Geschichte der Akademie der Wissenschaften, hat keine Illusionen darüber, dass „Meine Geschichte“ die Jugend nicht aufklären, sondern Propaganda für die Interessen des Staates machen soll.

          Schurawljow, den wir in seinem leicht angestaubten Institutsgebäude treffen, erinnert daran, dass der Kulturminister Wladimir Medinski sich offen gegen die Geschichte als wissenschaftliche Disziplin ausgesprochen hat. Medinski hält eine „objektive“ Erforschung der Vergangenheit für wertlos, er betrachtet diese vielmehr als Reservoir für Mythen, wobei die richtigen Mythen Staat und Nation stärken. Schurawljow weiß aber auch, dass Medinski und auf Seiten der Kirche insbesondere Bischof Tichon, der als Putins Beichtvater gilt, das Geschichtsparkprojekt in jedem Fall weiter vorantreiben werden. Um den Schaden für die geschichtliche Wahrheit zu begrenzen, hat er sich daher als beratender Experte daran beteiligt.

          Weitere Themen

          Assad und Putin beraten über politische Lösung Video-Seite öffnen

          Syrien-Krieg : Assad und Putin beraten über politische Lösung

          Russlands Präsident Wladimir Putin hat sich bei einem Treffen in Sotschi mit seinem syrischen Amtskollegen Baschar al-Assad für eine politische Lösung des Syrien-Konflikts ausgesprochen. Der gemeinsame Kampf gegen Terrorismus auf syrischem Boden nähere sich allmählich dem Ende, sagte Putin.

          Der verschlungene Weg zu Neuwahlen Video-Seite öffnen

          Wie geht es jetzt weiter? : Der verschlungene Weg zu Neuwahlen

          Steinmeier kündigt Gespräche mit allen Parteien an und fordert mehr Verantwortung. Doch Neuwahlen sind nicht mehr auszuschließen. Reinhard Müller, F.A.Z.-Ressortleiter für Staat und Recht, erklärt, welche Voraussetzungen dafür erfüllt sein müssen.

          Topmeldungen

          F.A.Z. exklusiv : Lindner: Wir fühlten uns gedemütigt

          Im Interview mit der F.A.Z. spricht der FDP-Vorsitzende über die Gründe für den Ausstieg aus den Jamaika-Sondierungen. Vor allem einer Partei wirft Christian Lindner fehlende Kompromissbereitschaft vor.
          Keine Zeit für Grokodilstränen: Sigmar Gabriel und Martin Schulz am Dienstag im Bundestag

          SPD nach Jamaika-Aus : Einmal Opposition und zurück

          Nach dem Paukenschlag wird in der SPD noch einmal neu nachgedacht. Es gelte, Neuwahlen zu vermeiden – heißt es hinter vorgehaltener Hand. Behutsam müsse man die Partei auf eine Regierungsbeteiligung vorbereiten. Nur wie?
          Heute ein seltenes Phänomen: Steiger in Deutschland.

          Letztes Bergwerk im Ruhrgebiet : Schicht im Schacht

          Auf Prosper-Haniel, der letzten Zeche im Ruhrgebiet, bereiten sich die Arbeiter auf die Schließung vor. Von 2700 Mitarbeitern werden viele in den Vorruhestand gehen, andere sich neue Jobs suchen. Die Pumpen unter Tage aber müssen weiterlaufen – für immer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.