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Russland inszeniert Geschichte : Propaganda für die Interessen des Staates

Porträts von Stalin und Putin in der Ausstellung „Moja istoria“ - „Meine Geschichte“ Bild: Picture-Alliance

Der Zar war gerecht, und an der Revolution hatten Bankiers, Reformer und die Presse Schuld. Das lehrt der vom Patriarchen gesegnete Geschichtspark in Moskau und sechzehn weiteren Städten.

          Im Informationszeitalter investieren immer mehr Regierungen Geld und Können in den globalen Informationskrieg und weniger in die Wissensausstattung ihrer Bürger. Das ist besonders offensichtlich in Russland, wo Bildungseinrichtungen eingespart, während mit großem Aufwand Netztrolle und Hasspropaganda produziert, aber auch ambitionierte, interaktive Erlebnisräume geschaffen werden, um der nachwachsenden Generation ein attraktives Bild ihrer Historie zu vermitteln. Speziell an Schülergruppen und Familien richtet sich der immersiv-multimediale Geschichtspark „Meine Geschichte“ (Moja istoria), den das Kulturministerium und das Patriarchat der Russisch Orthodoxen Kirche mit finanzieller Unterstützung durch Gasprom zunächst in Moskau und obendrein in sechzehn weiteren wichtigen Städten eingerichtet haben.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          In der Hauptstadt ist „Meine Geschichte“ in einem Pavillon auf dem Ausstellungsgelände WDNCh untergebracht, wo einem auf viertausend Quadratmetern Russlands Vergangenheit von den heidnischen Anfängen bis zur Gegenwart in starken Bildern und griffigen Erzählungen nahegebracht wird. Die Schau ist gut besucht. Kinder begeistern sich für die 3D-Effekte in der Abteilung Raumfahrt. Junge Leute fläzen sich in einem von Ikonenprojektionen illuminierten Kuppelraum. Ältere studieren die Lightbox von Zar Iwan dem Schrecklichen, die sie belehrt, Iwans Terrorregime der Opritschnina sei im europäischen Vergleich keineswegs horrend gewesen. Außerdem sei nicht wahr, dass der gefürchtete Zar seinen Sohn umgebracht habe. Diese Version hat auch unlängst Präsident Putin für richtig erklärt.

          Viele Intellektuelle und zumal Historiker sind entsetzt über den populären Geschichtspark, in den Millionen investiert werden. Auch Sergej Schurawljow, der stellvertretende Direktor des Instituts für Geschichte der Akademie der Wissenschaften, hat keine Illusionen darüber, dass „Meine Geschichte“ die Jugend nicht aufklären, sondern Propaganda für die Interessen des Staates machen soll.

          Schurawljow, den wir in seinem leicht angestaubten Institutsgebäude treffen, erinnert daran, dass der Kulturminister Wladimir Medinski sich offen gegen die Geschichte als wissenschaftliche Disziplin ausgesprochen hat. Medinski hält eine „objektive“ Erforschung der Vergangenheit für wertlos, er betrachtet diese vielmehr als Reservoir für Mythen, wobei die richtigen Mythen Staat und Nation stärken. Schurawljow weiß aber auch, dass Medinski und auf Seiten der Kirche insbesondere Bischof Tichon, der als Putins Beichtvater gilt, das Geschichtsparkprojekt in jedem Fall weiter vorantreiben werden. Um den Schaden für die geschichtliche Wahrheit zu begrenzen, hat er sich daher als beratender Experte daran beteiligt.

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