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Veröffentlicht: 03.03.2012, 18:00 Uhr

Russland hinter Gittern Knastland

Wer in Russland der Macht im Wege steht oder besitzt, was sie gebrauchen kann, dem wird der Prozess gemacht. Einmal gefangen, kommt er fast nicht mehr frei. Fallstudien aus einem kafkaesken Strafsystem.

von
© ullstein bild Der Paragraph 159 des russischen Strafgesetzbuches kann aus redlichen Geschäftsleuten sehr schnell fleißige Mitarbeiter der Gefängnisnäherei machen

Jeden Mittwochabend trifft sich in Moskau eine Selbsthilfeorganisation aus Angehörigen von Unrechtsjustizopfern. Sie nennt sich „Rus sidjaschtschaja“, „Einsitzendes Russland“ und versammelt sich im Studio des Internet-Fernsehkanals SOTW, für den die Journalistin Olga Romanowa arbeitet, die die Gruppe vor einem halben Jahr gegründet hat. Olga Romanowa war es gelungen, ihren Mann Alexej Koslow, der wegen fingierter Betrugsvorwürfe eingesperrt worden war - wie tausende andere unbescholtene Geschäftsleute -, freizubekommen. Nachdem sie in einem Trommelfeuer von Artikeln in der „Nowaja gaseta“ publik gemacht hatte, welche Papiere in seinem Fall wie und von wem manipuliert worden waren, hob das Oberste Gericht letzten Sommer das Urteil auf.

Kerstin Holm Folgen:

Inzwischen führt Olga Romanowa als starke Frau der russischen Opposition eine stetig wachsende Bewegung an, die neben dem lebhaft sich entwickelnden Internet-Portal, von dem Auftritte von Aktivisten und Experten live übertragen werden, ein Empfangsbüro im Stadtzentrum besitzt. Ein ständiger Gast ist ihr Mann, Alexej Koslow, ein bulliger Mensch mit hellem Kinderblick. 2008 wurde er wegen angeblicher betrügerischer Machenschaften nach den Gummiparagraphen des russischen Strafgesetzbuches für die „Reichen“, 159, Absatz vier, und wegen Geldwäsche nach Artikel 174 eingesperrt, verurteilt und ins Straflager geschickt. Kläger war der Ex-Senator Wladimir Sluzker, Koslows früherer Kompagnon, der dessen Firmenanteile als seine eigenen beanspruchte. Dokumente, die Koslows Besitzrechte eindeutig nachwiesen, wurden vom Gericht einfach ignoriert. Die Schutzhülle aus Teilnahmslosigkeit, die er sich während seiner drei Gefängnisjahren zugelegt hatte, sei erst zwei Monate nach seiner Freilassung von ihm abgefallen, sagt er. In den ersten Wochen sei ihm völlig egal gewesen, was er aß und trank oder anzog. Inzwischen hat er wieder in seinem früheren Beruf als Investitionsmanager Fuß gefasst.

Hintergangen von der Teilhaberin

In der „Zone“ lebe man mit Leuten, denen man sonst gar nicht begegnen würde - Mördern, Räubern, Vergewaltigern -, auf engstem Raum zusammen, sagt der einstige Millionär; Wünsche schalten sich da ab. Vor dem Gefängnis sei das Geldverdienen wie Sport für ihn gewesen, heute seien ihm die Menschen wichtiger. Sein Bekanntenkreis ist ein völlig anderer geworden. Heute meiden ihn eng dem Staat verbundene Oligarchen, jedoch auch im Grunde freundlich gesonnene Beamte, die aber die Glasnost-Politik von Olga Romanowa für kontraproduktiv halten. Dafür gewann er Business-Kapitäne, die ihrerseits bestellte Strafprozesse zurückschlagen mussten, als neue Freunde, außerdem auch einige Systempolitiker mit Prinzipien. Als Leidtragendem der vaterländischen Unrechtsjustiz seien ihm viel Sympathie und Hilfeleistungen entgegengebracht worden, sagt Koslow, weshalb er jetzt anderen Opfern der russischen Justiz helfen wolle. Zugleich muss das Ehepaar jetzt die Neuverhandlung der Strafsache Koslow als Chance nutzen, um zu beweisen, dass die Anschuldigungen gegen ihn haltlos sind. Wladimir Sluzker ist außer Landes geflohen. Gleichwohl verteidigen Staatsanwälte und Richter ihre Legende wie die Löwen, um nicht selbst auf der Anklagebank zu landen.

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