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Russland Eiserne Ration

01.07.2009 ·  Das postimperiale Geschichtsverständnis von Balten, Ukrainern und Polen wirkt auf Russlands Erinnerungskultur, die aufs „großartige Denkmal des großen Sieges“ baut, wie Steinfraß. Doch die Russen schlagen zurück.

Von Kerstin Holm, Moskau
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Die russische Historiographie ist so zerrissen wie die Gesellschaft. Es gibt Militärgeschichte, Geheimdienstgeschichte, es gibt die Geschichte bedeutender Persönlichkeiten und die der Terroropfer. Die fehlende Nationalgeschichte wird kulturell ersetzt durch literarische Erzählungen wie die von Alexander Solschenizyn, Warlam Schalamow, Leonid Grossman, die das Unrechtsregime als universales menschlich-moralisches Problem vergegenwärtigen. Sozial wird sie ersetzt durch den Kult des Sieges über die Hydra des Hitlerfaschismus, den Schulbücher, Fernsehfilme, Volksfeste lebendig halten und der in Museen, durch Ordensbänder, die man an Tankstellen verteilt, und ein dichtes Netz von Denkmälern gepflegt wird. Seine Bedeutung für die Identität und den Konsens der Russen ist nur mit der deutschen Holocaustgedächtniskultur zu vergleichen.

Doch das postimperiale Geschichtsverständnis der Balten, der Ukrainer und Polen wirkt auf das „großartige Denkmal des großen Sieges“, wie Katastrophenminister Sergej Schoigu die Gedenkkultur treffend bezeichnete, wie Steinfraß, der es Betonschicht um Betonschicht abzutragen droht. Dass viele osteuropäische Länder sich an die vorrückende Rote Armee nicht als Befreier, sondern als Okkupanten erinnern, lässt rückblickend auch die Öffnungspolitik der Glasnost als Schuss in den eigenen Fuß erscheinen. Gorbatschow und Jelzin hatten ja zugegeben, dass der Molotow-Ribbentrop-Pakt das Baltikum der Sowjetunion zuschlug und dass das Massaker von Katyn vom NKWD veranstaltet wurde, und entsprechende Dokumente zugänglich gemacht.

„Geschichtsfälschungen“ abwehren

Heute sind die wichtigsten Katyn-Akten hinter Schloss und Riegel, ebenso wie die von Stalins Politbüro über die Teilung Polens oder die Annexion der baltischen Länder. Doch da der siebzigste Jahrestag des Molotow-Ribbentrop-Paktes im Anmarsch ist, schlug Minister Schoigu vor, ein neues Gesetz zu verabschieden, das die Leugnung des sowjetischen Sieges im Zweiten Weltkrieg unter Strafe stellen würde. Die Idee war offensichtlich vom alten Kriegsgegner Deutschland inspiriert, wo die Leugnung des Holocausts verboten ist. Doch der postheroische Präsident Medwedjew berief ersatzweise eine Expertenkommission, die, unter dem Vorsitz seines Stabschefs Sergej Naryschkin, „Geschichtsfälschungen zu Lasten der Interessen Russlands“ abwehren soll.

Bürgerrechtler schlagen Alarm. Die Vorsitzende der Helsinki-Gruppe, Ljudmila Alexejewa, der Menschenrechtskämpfer Lew Ponomarjow und weitere Aktivisten bezeichnen den Wächterrat über das kanonische Geschichtsbild, in dem Geheimdienstler, Militärs, Funktionäre und nur drei Historiker sitzen, als totalitär. Naryschkin leitet zugleich die Kommission zum Schutz von Staatsgeheimnissen, die darüber entscheidet, welche historischen Dokumente für die Wissenschaft zugänglich gemacht werden. Das noch von Medwedjews Vorgänger Putin gegründete Gremium soll im Prinzip Akten, die die Sowjetunion geheim hielt, Schritt für Schritt freigeben.

Ein neues Feindbild

Tatsächlich tut sie das Gegenteil. 2005 erklärte die Kommission von den zur Freigabe vorgesehenen Dokumenten des Archivs für sozialpolitische Geschichte dreizehn Prozent für geheim. Im darauffolgenden Jahr waren es vierzig Prozent. Und 2007 beschloss die Kommission, sechzig Prozent müssten geheim bleiben. Es ging um Akten aus der Stalinzeit, die also älter waren als vierundfünfzig Jahre. Dabei beträgt die gesetzliche Geheimhaltungsfrist dreißig Jahre, für nachrichtendienstliches und nukleartechnisches Material maximal fünfzig. Etliche russische Staatsgeheimnisse sind außerdem aufgrund früherer Publikationen und weil die Balten und Ukrainer ihr KGB-Aktenerbe freigaben im internationalen und Internet-Umlauf.

Seine Antigeschichtsfälschungskommission werde weder Geschichtsbücher umschreiben noch Forscher gängeln, versicherte Sergej Naryschkin mit Kreidestimme. Doch für die Menschenherde, auf die keine lichte Zukunft mehr wartet, gehört eine erbauliche Geschichte zur eisernen Ration. Schon machen die Hirten ihre Einsätze. Der Militärhistoriker Sergej Kowaljow gab Polen die Schuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, weil es die „berechtigte“ Forderung des Dritten Reichs, sich Danzig einzuverleiben und eine Sonderstraße nach Ostpreußen durch polnisches Gebiet zu legen, ablehnte. Kowaljows Aufsatz, den das Verteidigungsministerium auf seiner Internetseite aushängte, schenkt Patrioten ein neues Feindbild.

Patriarch Kyrill erklärte unterdessen, der Krieg sei die Strafe Gottes dafür gewesen, dass Russland sich von der orthodoxen Kirche losgesagt hatte. Das mysteriöse Autorenkollektiv vom „Institut für strategische Sicherheit“, dessen Politutopien mit dem Titel „Projekt Russland“ die Bestsellerlisten eroberten, malt sogar aus, wie das alte Christentum Russland zu künftigen Siegen führen kann. Der dritte Band, der soeben in Millionenauflage erschien, prophezeit, dass die Heimat, wenn sie sich nur von einer Konsum- zur totalitären Priestergesellschaft wandelt, in der Sintflut der Weltwirtschaftskrise jene Arche sein kann, die als einzige nicht untergeht.

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