14.04.2008 · „Ich komme mit dem Geld aus, das ich meinem Mann aus der Tasche ziehe“: In Russland ist eine Debatte über die Ehefrauen reicher Männer entbrannt, die der Unselbständigkeit, Dummheit, ja der Prostitution bezichtigt werden.
Von Kerstin HolmDer Beruf der Nur-Ehefrau erfordert in Russland hohe Qualifikation, wird dafür gut bezahlt, verlangt aber auch Risikobereitschaft. Das verriet soeben Karrieregattin Hella in einer Frauendebattierrunde der Zeitung „Gazeta“, wo ein Beitrag mit dem Titel „Ich komme mit dem Geld aus, das ich meinem Mann aus der Tasche ziehe“ Hella und ihre Kolleginnen der Unselbständigkeit, Dummheit, ja der Prostitution bezichtigte und ihnen den Untergang in einer neuen Säuberungsaktion gegen die Privilegierten voraussagte.
Ihrer Anklägerin von der Partei der für sich selbst sorgenden Büroangestellten entgegnet Hella, die Hochschulabsolventin, tatsächlich habe sie Pflichten gegenüber ihrem zahlenden Ehemann. Doch sie könne ausschlafen, vergeude ihre Zeit nicht in öffentlichen Verkehrsmitteln, müsse keine Saftpressenverkaufspläne entwerfen, sich an keinen Chef anbiedern. Vielleicht sei es „blöd“, dass sie nicht auf Betriebsversammlungen mit englischen Phrasen glänze, räumt Hella voll Sarkasmus ein. Dafür brauche sie sich nicht zu profilieren und habe Zeit für ihr Kind und ihre Freunde.
Alle prostituieren sich
Für ihre Dienste verlange sie einen nicht geringen Preis, bekennt Hella, stolz, dass ihre Geschirrspülmaschine von einer Hausangestellten bedient wird. Mit einem Armen würde sich die gutaussehende Anfangvierzigerin nicht verbinden, einen Mann aushalten schon gar nicht. Doch ein Büroangestellter verkauft seine Arbeit auch für Geld, findet Hella. Viele Machthaber seien käuflich, ebenso wie jene Wähler, die ihre Stimme einem Kandidaten geben, weil der verspricht, ihre Lohnrückstände zu begleichen. Keine Hure würde sich auf so unsolide Geschäfte einlassen. Doch da alles etwas kostet, philosophiert Hella, kann man auch überall Prostitution entdecken.
Als Kennerin des gesellschaftlichen Roulettespiels teilt Hella die Ahnungen ihrer Debattengegnerin, die Verfolgungs- und Expropriationswellen auf Russlands Besitzende zurollen sieht. Darunter würden aber vor allem einfache Leute leiden, pariert sie und erinnert an die stalinistischen Säuberungen, die sich propagandistisch auch auf Sozialneid stützten. Das Putin-Regime verkauft sie heute als Repression, die vor allem die Elite traf. Tatsächlich litt aber vor allem das Volk. Ja, ich habe Angst, sagt Hella. Doch solange für einen maßvollen Tribut der Kiewer Flughafen erreichbar bleibt, schläft sie noch relativ ruhig. Sollte dieser Ausweg eines Tages versperrt sein, empfiehlt die russische Alphafrau die Azoren. Das Klima sei dort besser als in Moskau - auch für kleine Angestellte.