22.12.2008 · Streit über die Lehren der Wirtschaftskrise: Der Schriftsteller Prilepin ist überzeugt, Russland bedürfe dringend einer Revolution. Wie das aussehen könnte, schildert der Publizist Gontmacher in seinem „Krisenszenario für 2009“.
Von Kerstin Holm, MoskauDie Wirtschaftskrise mag, wie der russische Premier Putin meint, von Finanzjongleuren Amerikas verschuldet sein, doch es ist sein Land, das sich dadurch am Rand einer Revolution wähnt. Ein publizistischer Angriff des Multimillionärs Pjotr Aven auf den nationalbolschewistischen Schriftsteller Sachar Prilepin hat im Internet einen regelrechten Klassenkampf ausgelöst.
Prilepin hatte in seinem Roman „Sanka“ die Geschichte eines jungen Provinzlers erzählt, der sich einer radikalen Kampftruppe anschließt, weil er keine andere Möglichkeit sieht, das ihm brutal alle Lebenschancen versagende System zu ändern. Aven, Präsident der Alpha-Bank, die soeben großzügig aus dem staatlichen Reservefonds unterstützt wurde, beantwortete das Buch in der Hochglanzzeitschrift „Russki pioner“ mit einem Pamphlet, das Leute wie Prilepins Helden, mit dem viele Russen sympathisieren, als selbstgerechte pubertäre Typen abkanzelt, die durch Gewalt ihre eigene Durchschnittlichkeit weglügen wollen.
Russland bedarf einer Revolution
Er sei in einer ähnlichen, von der Chemieindustrie verseuchten Kleinstadt aufgewachsen wie Prilepin, verrät Aven, der über seinen Aufstieg in den finanziellen Hochadel nur knapp anmerkt, er arbeite hart und kämpfe ständig - aber nur mit sich, nicht mit den Verhältnissen. Was Prilepin anprangert, Beamtenwillkür, die Unmöglichkeit, ehrlich zu bescheidenstem Wohlstand zu kommen, bringt der Bankier auf die Formel, die Welt sei eben nicht vollkommen. Sie wird etwas besser, so Aven, wenn jemand einen Baum pflanzt, ein Haus baut, seine Socken wäscht, nicht jedoch, wenn er, wie Prilepins Helden, trinkt, sich bemitleidet und randaliert.
Kommentatoren brandmarken das Manifest des Oligarchen als Katechismus der herrschenden Elite. Viele betonen, es sei nicht der Brocken Volksvermögen, den Aven an sich riss, was sie erzürne, sondern seine krisenfeste Arroganz. Figuren wie Aven, die Anfang der neunziger Jahre in Kremlkabinetten scharwenzelt und Beamte bestochen hätten und sich später als durch ihre Effektivität legitimierte Alphatiere vorkamen, glauben selbst jetzt, da der Staat ihnen die Aktien abkaufen muss, sie seien etwas Besseres, wettert Blogger blue-olusha. Prilepin versichert, er halte Avens Gebote ein, arbeite hart, habe hunderttausend Bücher verkauft, drei Kinder großgezogen, Steuern gezahlt. Dennoch mussten er und seine Familie in einer winzigen Zweizimmerwohnung hausen und monatelang von gefrorenem Kohl leben, schreibt er in der Zeitschrift „Ogonjok“. Der schmale, blasse Schriftsteller ist überzeugt, Russland bedürfe dringend einer Revolution.
Krisenszenario für 2009
Das Szenario dafür erschien schon in der Zeitung „Wedomosti“ unter dem Titel „Nowotscherkassk 2009“. Der Publizist Jewgeni Gontmacher schilderte darin, wie in einer von einem Großbetrieb dominierten Kleinstadt arbeitslose Rebellen die politische Administration vertreiben. Der Titel seines Textes spielt an auf die Arbeiteraufstände im südrussischen Nowotscherkassk im Frühjahr 1962. Bei gleichbleibenden Löhnen waren damals die Produktionsnormen und die Preise für Fleisch und Butter erhöht worden. Die dortigen Unruhen wurden blutig niedergeschlagen. In Gontmachers Krisenszenario für 2009 versuchen die Politiker der in Armut versinkenden Stadt ihre Probleme zu vertuschen und warten auf Weisung von Moskau, bis es zu spät ist.
Ein hoher Regierungsbeamter habe ihn angerufen, sagte Gontmacher, um ihm für den Artikel zu danken, den man beim Krisenmanagement berücksichtigen werde. Tatsächlich gab Premier Putin bald darauf bekannt, die Erhöhung der Strom- und Gastarife, die im kommenden Jahr um neunzehn beziehungsweise fünfundzwanzig Prozent steigen sollen, werde in kleinen Quartalsschritten stattfinden. Zugleich soll eine Erhöhung der Importzölle für Gebrauchtwagen, gegen die in Russisch-Fernost heftige Proteste toben, die marode heimische Automobilindustrie reanimieren. In den Autowerken von Uljanowsk und Togliatti demonstrierten sogleich Tausende Arbeiter für die neuen Zölle.
Putin bleibt hart
In Wladiwostok, wo neunzig Prozent der Autolenker japanische Gebrauchtwagen fahren, droht unterdessen einer ganzen Händlerbranche der Bankrott. Es half nichts, dass Putin anreiste und versprach, russische Neuwagen würden aus dem europäischen Landesteil gratis an den Pazifik geliefert. Aber auch andere Autobesitzer, die gebrauchte Westwagen fahren, wollen sich nicht wieder ans Steuer eines Lada setzen. Die russischen Autofahrer, die als einzige Gruppe landesweite Solidarität mobilisieren können, demonstrierten am Wochenende in vierzig russischen Städten gegen die neuen Zölle.
Doch Putin bleibt hart. Heute dürfe nicht noch das Geld für die Autoanschaffung ins Ausland gehen. Am Sonntag lösten in Wladiwostok Verkehrspolizisten und OMON-Sondertruppen die Autofahrerdemonstration auf und nahmen ihre Aktivisten fest. Putins Vize Igor Setschin tat die mobilisierten Vertreter der Zivilgesellschaft, die das planwirtschaftliche Entwicklungsprojekt nicht mittragen wollen, im drohenden Ton als „Taugenichtse“ ab.
Russland?
Kay Schmelzer (weitererfazleser)
- 22.12.2008, 12:05 Uhr
Russlands Problem
Gabor von Zoltan (Putinras)
- 22.12.2008, 12:07 Uhr
... müsste eigentlich Staatswillkür heissen
Stanislaus Swerd (Olympionike)
- 22.12.2008, 12:42 Uhr
Rußland
Markus Teuber (arathorn)
- 22.12.2008, 14:04 Uhr
So nahe ist die Revolution!
Herold Binsack (Devin08)
- 22.12.2008, 16:22 Uhr