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Russland Die Brände und die Frage nach der Schuld

Die Bewohner, der vom Feuer zerstörten Städten fühlen sich vom Katastrophenministerium im Stich gelassen. Erst nach einer Woche habe die Behörde reagiert. Doch wer trägt eigentlich die Verantwortung für die Brandkatastrophe?

© dpa Vergrößern Die Brände bei Moskau sind ohne Dauerregen nicht zu löschen

Russland brennt. Am schlimmsten betroffen sind bisher die Landkreise Woronesch, Rjasan, Nischni Nowgorod, Lipezk und die Umgebung von Moskau. In der Hauptstadt dringt das erbarmungslose Sonnenlicht durch einen Dunstschleier. Rund um die Uhr riecht es nach Lagerfeuer. In der Hauptstadt soll die Smogbelastung über dem Zehnfachen der Norm liegen, weshalb insbesondere Kindern und alten Leuten empfohlen wird, möglichst nicht auf die Straße zu gehen.

Kerstin Holm Folgen:    

Der russische Ministerpräsident Putin suchte am Wochenende das abgebrannte Dorf Werchnjaja Wereja im Raum Nischni Nowgorod auf, wo die Einwohner sich bei ihm darüber beschwerten, dass das Katastrophenministerium sie praktisch im Stich gelassen habe. Erst nach einer Woche habe die Behörde auf ihre Notrufe reagiert und eine Feuerwehreinheit geschickt. Da ordnete Putin an, Verwaltungsbeamte und Gouverneure hätten Wochenenden und Feiertage durchzuarbeiten. „Feuer und Wind nehmen sich keinen Tag frei, also können wir uns das auch nicht leisten“, sagte er und versprach den durch die Brände obdachlos Gewordenen jeweils drei Millionen Rubel, umgerechnet 77.000 Euro als Entschädigung. Präsident Medwedjew hat die Armee zur Verstärkung der zivilen Feuerwehr abkommandiert.

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Das Staatsfernsehen beschweigt das Feuer

Die Brände bei Moskau, aber auch an einigen anderen Orten wie Woronesch sind ohne Dauerregen freilich nicht zu löschen, weil sich hier, wie es praktisch jeden Sommer geschieht, Torfboden entzündet hat, der auch, wenn das oberirdische Feuer erstickt sein sollte, unterirdisch weiterglüht. Es sind noch zur Sowjetzeit künstlich trockengelegte Sümpfe, die man zur Energiegewinnung nutzen wollte und es dann doch nicht tat. Man müsste entweder wieder anfangen, Torf zu stechen, oder die Sümpfe rekultivieren, erklärt der Generaldirektor der Firma Inteko-Agro, Viktor Baturin, der der Zentralregierung eine verfehlte Landwirtschaftspolitik vorhält. Auch der Vorsitzende der liberalen Jabloko-Partei, Sergej Mitrochin, der gerade auf dem Weg nach Chimki verhaftet wurde, gibt der Regierung die Hauptschuld an dem Desaster, weil Putin sich um ökologische Vorsorge nicht schere und das Umweltministerium aufgelöst hat.

feuer2 © AP Vergrößern Ausgebrannte Autos und Häuser in Shuberskoe, 500 Kilometer südlich von Moskau

Wie dramatisch die Lage ist, erkennt man daran, dass das Staatsfernsehen das Feuer beschweigt. Am Montag widmeten sich die Nachrichtensendungen lieber dem „Tag des Fallschirmjägers“, der Veteranen dieser Waffengattung im angeheiterten Zustand an öffentlichen Plätzen zusammenführt. Kein Wort davon, dass etwa die Stadt Rjasan, wo die Fallschirmjäger ausgebildet werden, diese Feier erstmals gestrichen und fünfhundert Zöglinge der berühmten Armeeschule an die Brandbekämpfungsfront geschickt hat. Präsident Medwedjew ließ verlauten, Feuersbrünste wie die jetzige ereigneten sich alle dreißig bis vierzig Jahre. Im abgebrannten Dorf Rosinka im Borowsk-Wald bei Woronesch ist man anderer Meinung. Die 81 Jahre alte Tatjana Selipukina, die vierzig Jahre Forstarbeiterin war und viele Waldbrände erlebt hat, erinnert sich an nichts Vergleichbares. Das Feuer habe sich mit rasender Geschwindigkeit über die Baumwipfel ausgebreitet, Funkenballen seien wie Kugelblitze über Straßen und Lichtungen gerollt. Von dem Haus, das Frau Selipukina mit ihrer Familie bewohnte, blieb nur Asche. Wo ihr Hof war, steht seit Tagen, wie ein Denkmal aus Pompeji, ein verkohltes Huhn, das innerhalb von Sekunden bei lebendigem Leib verbrannte.

Unterdessen scheint die Feuersbrunst bei einigen Russen auch eine tiefsitzende Lust an der Katastrophe zu entzünden, ein Charakterzug, der dem Anarchisten Michail Bakunin eigen war und den er an seinen Landsleuten schätzte. Der Vorsitzende der Duma von Woronesch, Wladimir Kljutschnikow, dessen Haus in Rosinka ebenfalls abbrannte, sah, während er bei Rettungsarbeiten half, wie fünfzig Meter weiter Nachbarn ungerührt ihre Schaschliks grillten. Schon sind Plünderer unterwegs. Wo das Dorf Werchnjaja Wereja stand, das Putin besuchte, wurden am Wochenende zwei angetrunkene Männer festgenommen, die Einkaufstaschen mit Kleidung und Gegenständen aus Buntmetall dabeihatten. In dem in der Nähe gelegenen Dorf Motmos konnte die Miliz gerade noch verhindern, dass ein ebenfalls beschwipster Einwohner das Haus seiner Lebensgefährtin anzündete – offenbar um sich die von Putin versprochenen Kompensationszahlungen zu verdienen.

Der Erzbischof von Nischni Nowgorod, Georgi, führt die Feuerkatastrophe auf das sündige Leben in seiner Diözese zurück, insbesondere darauf, dass seit der Krise die Abtreibungszahlen stark gestiegen seien. In dem Georgi unterstehenden Wyksy hat die örtliche Kirchengemeinde in einem Prozessionszug Gott um Regen angefleht. Doch der Himmel scheint unversöhnlich. Meteorologen versprechen weitere Temperaturrekorde.

Quelle: F.A.Z.

 
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