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Russischer Journalist Borodin : Ein wirklich mysteriöser Todesfall

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Der russische Journalist Maxim Borodin recherchierte über russische Söldner. Am 12. April stürzte er aus dem fünften Stock. Bild: newdaynews.ru/HANDOUT/EPA-EFE/RE

Wieder stirbt in Russland ein Journalist unter ungeklärten Umständen. Die Behörden reden von Selbstmord oder Unfall – doch sie lügen so oft, dass man selbst den plausibelsten Auskünften nicht trauen kann.

          Der investigative Journalist Maxim Borodin fiel am 12. April vom Balkon seiner Wohnung in Jekaterinburg. Zwei Tage später starb er im Krankenhaus. Viele Kollegen fanden die Umstände seines Sturzes verdächtig. Die Behörden dagegen halten Borodins Tod für unbedenklich, nicht einmal die Nachbarn wurden befragt. Die offizielle Version lautet Selbstmord oder Unfall, einiges spricht in der Tat dafür. Borodins Freunde erzählen, der 32-Jährige sei ein Trinker gewesen und mit seiner Arbeit in der provinziellen Nachrichtenagentur Nowij Djen (Neuer Tag) unzufrieden. Zudem sei der Balkon seiner Wohnung im fünften Stock eines Plattenbaus aus den fünfziger Jahren völlig marode und für Unfälle geradezu prädestiniert. Dennoch fällt es schwer, an die offizielle Version zu glauben.

          Am 7. Februar sollen in der Nähe der ostsyrischen Stadt Deir al-Sor zwischen 100 und 300 russische Kämpfer getötet worden sein, vermutlich Angehörige der sogenannten „Sicherheitsfirma Wagner“. Eine Kompanie dieses „Militärunternehmens“ soll versucht haben, eine Öl- und Gasförderstätte in der Nähe des Stützpunkts der von den Amerikanern unterstützten Syrischen Demokratischen Kräfte zu erobern, und soll dabei vollständig zerstört worden sein. Diese Episode war wohl die erste direkte Konfrontation amerikanischer und russischer Truppen; denn „Wagners Militärunternehmen“, das schon bei den Kämpfen im Osten der Ukraine aufgefallen ist, ist in Wirklichkeit keine echte Privatarmee, sondern vielmehr ein Ableger der russischen Streitkräfte für völkerrechtswidrige Operationen. Russlands Regierung bestreitet stets, mit dieser Truppe etwas zu tun zu haben. In diesem Fall waren die Dementi angesichts der katastrophalen Niederlage besonders heftig. Maxim Borodin berichtete über Beerdigungen gefallener Kämpfer und fand unter anderem heraus, dass einige der Söldner aus seiner Region früher Soldaten des militärischen Nachrichtendiensts GRU waren, andere waren Mitglieder von Kosakenmilizen und für den Einsatz in der Ukraine rekrutiert.

          Ein Freund Borodins berichtet, dieser habe ihn kurz vor seinem Tod angerufen und gebeten, einen Rechtsanwalt zu finden, es seien maskierte bewaffnete Menschen in Tarnuniformen im Treppenhaus und auf dem Balkon, es sehe nach einer bevorstehenden Razzia aus. Kurz darauf gab der Journalist eine Entwarnung: Es sei wohl eine Übung gewesen.

          Russische Behörden lügen oft

          Fälle wie dieser bringen Journalisten und Fachleute, die sich mit Russland befassen, in die sehr unangenehme Lage, Vermutungen anstellen zu müssen ohne jede Hoffnung, dass es jemals eine glaubhafte Bestätigung dafür geben wird. Jeder, der Nachrichten aus Russland verfolgt, ob beruflich oder privat, steht vor der Wahl, entweder Fakten zu ignorieren oder wild zu spekulieren. Nur eine sehr dünne Grenze trennt berechtigte Zweifel von Verschwörungstheorien. Man kann sich lediglich einer Sache sicher sein: Russische Behörden lügen so oft, dass man selbst den plausibelsten Auskünften nicht vertrauen kann.

          Es gibt mehrere Zusammenhänge, in die sich Borodins Tod einreihen lässt. Zum Beispiel ist im März 2007 ein anderer Journalist unter ähnlichen Umständen in Moskau ums Leben gekommen. Der damals 51-jährige Oberst a.D. Iwan Safronow war als Militärreporter und Analytiker für die Mediengruppe Kommersant tätig. Unmittelbar vor seinem Tod recherchierte er über vermutliche geheime Waffenlieferungen an Syrien und Iran. Kurz nach seiner Rückkehr von der Waffenmesse IDEX in Abu Dhabi, wo er laut Redaktion Beweise für seine Vermutungen erhalten haben soll, fiel er aus dem Fenster im fünften Stock des Treppenhauses in seinem Wohnhaus, einem Plattenbau aus den Fünfzigern. Kein Mensch weiß, was Safronow, der im dritten Stock wohnte, dort oben gemacht hat. Das offizielle Ermittlungsergebnis lautet Selbstmord, die Familie hält es für absolut ausgeschlossen.

          Man kann auch an eine zeitlich nähere Geschichte denken. Der Abgeordnete des Regionalparlaments von Pskow, Lew Schlossberg, berichtete 2014 über die geheimen Beerdigungen mehrerer in der Ukraine gefallener Fallschirmjäger, deren Einheit in Pskow stationiert ist, und wurde daraufhin lebensgefährlich zusammengeschlagen.

          Mysteriöse Todesfälle reichen mehrere Jahre zurück

          Es gibt auffällig viele Fälle, wenn Menschen, die mit russischen Staatsgeheimnissen oder Machenschaften der Amtsträger in Berührung gekommen sind, Whistleblower, Regimegegner, Menschenrechtler, kritische und investigative Journalisten unter mehr oder weniger verdächtigen Umständen sterben oder Opfer physischer Gewalt werden, in Russland wie im Ausland. Was diese Fälle eint, ist die Tatsache, dass nur die wenigsten davon überzeugend aufgeklärt werden. So starben in den letzten Jahren ganz überraschend mehrere Sportfunktionäre, die möglicherweise in den Dopingschwindel involviert waren, sowie eine Reihe von hochrangigen Diplomaten und Militärs.

          Mysteriöse Todesfälle reichen mehrere Jahre zurück. Im März 2000 kam beim Absturz eines Privatjets der prominente Journalist und Verleger Artjom Borowik um, der damals einigen Berichten zufolge Informationen über die Vergangenheit Wladimir Putins sammelte, welcher kurz vor seiner ersten Wahl zum Präsidenten stand. Als Unglücksursache wurden menschliches Versagen und Wartungsmängel genannt. Bei diesem Fall stehen Zweifel an den offiziellen Untersuchungsergebnissen einer Verschwörungstheorie schon gefährlich nahe. Sie stehen aber auch einer weiteren Theorie nahe, wonach der Geheimdienst FSB hinter den Sprengstoffanschlägen auf Wohnhäuser in drei russischen Städten im September 1999 steckte, bei denen 307 Menschen starben. Diese Anschläge wurden benutzt (das ist mehr als eine Vermutung), um den zweiten Tschetschenienkrieg zu rechtfertigen sowie Putins Einfluss und Popularität zu festigen, was ihn letztendlich zum Nachfolger Boris Jelzins gemacht hat. Diese These vertrat in seinen Büchern der ehemalige FSB-Offizier Alexander Litwinenko.

          Ein Zufall rettete auch Sergej Skripal das Leben

          Das alles wären bloß verrückte Geschichten, die man nur mit Aluhut auf dem Kopf lesen kann, wäre Alexander Litwinenko nicht 2006 in London mit Polonium-210 vergiftet worden, einem seltenen radioaktiven Stoff, der nur zufällig entdeckt werden konnte. Nämlich weil einer der Ärzte, die Litwinenko behandelten, mit der Strahlenkrankheit vertraut war. Theresa May, damals Innenministerin, wollte so viel wie möglich aus Rücksicht auf bilaterale Beziehungen unter Verschluss halten, Litwinenkos Witwe hat gerichtlich eine öffentliche Anhörung durchgesetzt. Ohne die Schlussakte dieser Anhörung wäre auch Polonium-210 nichts weiter als eine verrückte Theorie. Ein ähnlicher Zufall rettete 2018 dem Ex-GRU-Oberst Sergej Skripal nach dem Anschlag mit dem russischen Nervengift „Nowitschok“ das Leben: Bei Salisbury befindet sich die militärische Forschungseinrichtung Porton Down, deswegen gibt es im örtlichen Krankenhaus Ärzte, die ein Training in Behandlung von Vergiftungen mit chemischen Kampfstoffen absolvierten. Sonst gäbe es einen weiteren Todesfall unter seltsamen Umständen.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Das Online-Medium „Buzzfeed“ zählte allein in Großbritannien vierzehn davon, und man kann diese Liste natürlich auch in anderen Ländern fortsetzen. Der spätere ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko hat 2004, mitten im Wahlkampf, eine Dioxinvergiftung nur knapp überlebt. In Deutschland gelten vielen die plötzlichen Tode des früheren Russland-Koordinators der Bundesregierung, Andreas Schockenhoff, im Jahr 2014 und des früheren Vorsitzenden der Jungen Union, Philipp Mißfelder, im Jahr 2015 als verdächtig. Der eine, der völlig überraschend mit 57 starb, soll nach Insiderinformationen ein Dossier über Korruptionsverbindungen einiger Unionsabgeordneter zu Russland und anderen Nachfolgestaaten der UdSSR zusammengetragen haben; der Name des anderen, der nur 35 Jahre alt wurde, soll in diesem Dossier genannt worden sein. Das sind selbstverständlich nur Spekulationen. Das Dossier ist niemals aufgetaucht. Amtlichen Angaben zufolge starben beide eines natürlichen Todes.

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