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Russische Alkoholsorgen Wodka-Kur für Fortgeschrittene

20.01.2010 ·  Ein Land auf Entzug: Nach den hochprozentigen Exzessen während der Neujahrsferien verordnet sich Russland nun eine Kampagne gegen den Alkohol. Man solle nie aus Unglück oder aus Langeweile trinken, lautet einer der vielen Ratschläge.

Von Kerstin Holm, Moskau
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Die Nachricht kam aus jenem Zauberreich, wo in der ersten Januarhälfte ein Großteil der russischen Bevölkerung Abenteuerurlaub macht. In einer Vorstadtsiedlung westlich von Moskau hatten der siebenundzwanzigjährige Alexej und sein zwei Jahre jüngerer Freund Oleg, nachdem sie sich mit einer ordentlichen Menge an Hochprozentigem in Stimmung brachten, beschlossen, Vampir zu spielen. In derselben Winternacht wurde in der nahen Klinik ein junger Mann mit abgebissener Nasenspitze eingeliefert. Der stark blutende Patient versuchte die Ärzte, die ihm die Nase wieder annähten, davon zu überzeugen, er sei Graf Dracula. Doch als er am anderen Morgen wieder zu sich kam, wusste er nicht mehr, was passiert war.

Alexej, der den Rest seines Lebens mit einer vernarbten Nase herumlaufen muss, hat Glück gehabt. Er gehört nicht zu jenen rund dreihunderttausend Alkoholtoten, die der Januar wegen der verordneten Neujahrsferien voraussichtlich wieder einmal kosten wird. Wer konnte, entfloh der nationalen Anästhesie, während der Betriebe, Bildungsinstitute, Bibliotheken geschlossen bleiben, Zeitungen nicht erscheinen und das Fernsehen seinen Amüsiermarathon mit Werbespots für Lebermedikamente unterbricht, durch eine Auslandsreise. Doch die meisten müssen sich während fast zwei Wochen, da im froststarren Garten nichts zu tun und nach den Neujahrsgeschenken vom Haushaltsgeld kaum etwas übrig ist, daheim beschäftigen.

Trinken ist eine Berufung

Die vor vier Jahren institutionalisierten Ferien rücken die Regierungspolitik, die der Trunksucht und der hohen Männersterblichkeit angeblich Einhalt zu gebieten sucht, in ein schummriges Licht. In der Verschnaufpause zwischen den Jahren, in der man auf die orthodoxe Weihnacht, dann auf das „alte Neujahr“ nach dem julianischen Kalender anstößt, schaltete der wirtschaftliche Puls auch zurück. Doch jetzt fehlt das beschäftigungstherapeutische Zeitskelett ganz, was nach Meinung vieler die arme Bevölkerungsmehrheit noch häufiger zur Flasche greifen lässt. Der Gouverneur des Landkreises Kirow, Nikita Belych, will die Ferientage zusammenstreichen, um die mangelhafte Arbeitsproduktivität wenigstens durch mehr Arbeitsstunden auszugleichen. Nur die Reisekader von der Kremlpartei „Einheitliches Russland“ behaupten, immer mehr Russen begrüßten die lange Strecke freier Tage, an denen sie endlich mit Freunden und Verwandten zusammen sein könnten.

Der Historiker Potap Koschanowski, der sich zum „Trinken für die Idee“ bekennt, widerspricht. Dass ihm während der Ferien auf Moskaus Straßen kaum ein nüchterner Passant begegnet, gefällt Koschanowski gar nicht, weshalb er die Staatsferien lieber auf den Mai verlegt sähe, wo sie der Subsistenzwirtschaft zugutekämen. Beim Alkoholkonsum gelte die eiserne Regel, dass man nie aus Unglück oder Langeweile trinken dürfe, sagt der Wissenschaftler. Denn das mache nur abhängig. Alkoholismus sei eine Krankheit, lehrt Koschanowski, das Trinken hingegen eine Berufung. Wobei der Russe von leichten Getränken eher wenig hält. Wein und Bier könne man gut allein genießen, findet er. Außerdem merkten Biertrinker oft nicht, wie viel sie verzehrten. In Koschanowskis Augen ist das ein Grund für den besorgniserregenden Bier-Alkoholismus unter Jugendlichen.

Strafen für illegales Schnapsbrennen

Zum sinnvollen Trinken, verrät der Gelehrte, gehört die freundschaftliche Runde, zum andern aber unbedingt das Wodkaglas, das auf einen Zug geleert werden muss. Nur so stiftet der klarste aller Schnäpse die durch schrittweise Seelenentblätterung verbindende, beflügelnde Erfahrung und damit jenes für die russische Gesellschaft höchste Vergnügen des „Obschtschenie“, das nur unvollkommen als Kontakt oder Mitmenschlichkeit übersetzbar ist. Am Wodka schätzt Koschanowski die mobilisierende, Kollektive schmiedende Wirkung. Die Freunde weicher Drogen ließen sich von ihnen in andere Welten entrücken, hat der Denker beobachtet. Ein interessanter Austausch mit solchen Leuten sei kaum möglich.

Freilich erreichen nur ausgewählte Landsleute Koschanowskis Trinkniveau. In der Provinz versuchen lokale Gesetzgeber, den Schaden föderaler Regelungen vorsichtig einzugrenzen. In Woronesch dürfen seit Jahresbeginn zwischen elf Uhr abends und sieben Uhr früh keine harten Getränke mehr verkauft werden. Im Landkreis wurden außerdem die Geldstrafen fürs illegale Schnapsbrennen heraufgesetzt. Die lokale Obrigkeit hat verlauten lassen: Erstens müsse weniger getrunken werden, denn die Woronescher begingen unter Alkoholeinfluss zu viele Straftaten. Zweitens entsprächen die neuen Beschränkungen den Wünschen vieler Werktätiger, insbesondere des schönen Geschlechts.

Zwischen Exzess und Abstinenz

In Sasykino im Rjasaner Kreis begann immerhin der Administrationschef das neue Jahr trocken. Der bei seiner Gemeinde beliebte Alexander Iwanowitsch hatte nämlich bei einer Altjahrsabschiedsfeier übertrieben, verraten seine Freunde, so dass er im Krankenhaus an den Tropf musste. Die bei der Dorfelite geschätzten Infusionen reinigen den Organismus von dem grässlichen Gift, erklärt die medizinisch bewanderte Alla mit einer entschiedenen Handbewegung. Ihr Mann trinkt (um seinen Blutdruck zu normalisieren). Freilich rotierten beim Dorfvorsteher Bankettexzesse, Tropf und Abstinenz zuverlässig im Zweimonatsrhythmus, fügt weise lächelnd der Gatte hinzu.

Im Nachbardorf Schilowo begrüßt der Elektriker Michail, der sich um zwei Uhr mittags kaum auf den Beinen halten kann, seinen Cousin Valeri, der in Moskau als Wachmann arbeitet, mit einem Zehnliterglas selbstgebrauten Johannisbeerweins, das er mit ihm zum Frühstück leeren will. Am Abend treffen sie sich bei Valeris Mutter, die aus einer mit Kaffeebohnen gespickten und mit Wodka übergossenen Apfelsine einen köstlichen Likör gezaubert hat. Michail ist aufgebracht, weil er sein Zehnliterglas nicht finden kann. Seine Gattin Anna, die den Johannisbeerwein bei einer Nachbarin untergestellt hat, ermuntert ihn, von dem mit einer Pilzkultur versetzten Spiritus zu kosten - „damit du freundlicher dreinschaust“.

Die Männer von Schilowo glauben, an ihrer Trunksucht sei nicht zuletzt die Frauenemanzipation schuld. Wenn die Frau wirtschaftlich unabhängig ist, fühlt sich der Mann herabgesetzt, sagt Allas Angetrauter unter allgemeinem Beifall. Der männliche Charakter sei insgesamt fragiler, bestätigt seine Gattin. Valeri vermutet, mit Hilfe geistiger Getränke könne man Heldentaten wenigstens virtuell vollbringen. Da Wodka Aggressionen freisetzt und den Sinn für Gefahr trübt, wurde er unter repressiven Regimes zum Volksgetränk, das den traditionellen Honigwein verdrängte. Die Kneipen, wo die Terrorgarden Iwans des Schrecklichen sich erholten, servierten nur Schnaps. Und Sowjetsoldaten kippten vor jedem Einsatz ihre hundert Gramm „Zielwasser“.

Premier Putin hat einen Plan

Doch im neuen Jahr versucht die russische Regierung wieder einmal, die alkoholischen Fluchtwege aus der Wirklichkeit zu verstopfen. Premier Putin zeichnete ein zwölf Seiten langes Dokument ab, worin eine aufwendige Aufklärungs- und Propagandakampagne angekündigt wird, die der Bevölkerung die schädliche Wirkung des Alkoholmissbrauchs klarmachen und ihr eine gesunde Lebensweise anerziehen soll. In einem zweiten Schritt will man die illegalen Schnapsproduzenten vom Markt drängen. Die Beamten erwägen sogar ein staatliches Alkoholmonopol. Beobachter zweifeln freilich, ob der politische Wille ausreicht, um den Widerstand der weitverzweigten Lobby zu brechen. Schätzungsweise fünfhundert Firmen stellen Ethanol her. Rund die Hälfte davon landet in illegalem Billigwodka, der als schlimmster Volksvergifter gilt. Von der Miliz wird ein notorisch schlechter Klarer vertrieben, den man nach dem russischen Wort für „Bulle“ (Ment) „Mentowka“ nennt. Der Selbstgebrannte, der immer anders ausfällt und vorzüglich sein kann, beschert armen Dörflern einen bescheidenen Nebenverdienst. Städter beziehen für ihre Cocktails gern medizinischen Spiritus von Pharmafirmen.

Putins Programm sieht auch eine verbesserte medizinische Betreuung von Alkoholikern vor. Zunächst aber wurde nur der offizielle Mindestpreis für einen halben Liter Wodka auf 89 Rubel oder zwei Euro heraufgesetzt. Das könnte den Durst der Mittelklasse leicht mindern, erwartet der Chefanalytiker des russischen Alkoholmarktes, Vadim Drobis. Doch die Unterschicht, die infolge der Wirtschaftskrise noch anschwellen dürfte, wie Drobis befürchtet, werde allenfalls auf Ersatzdrogen umsteigen. Es bleibt die Frage, was die Russen, nachdem sie, wie Belych vorschlägt, extra lange gearbeitet, und wie Putin möchte, sportlich trainiert haben, mit sich anfangen werden. Mit Freunden nüchtern zusammenzusitzen, kann Valeri sich nicht vorstellen. Dann könne man nur darüber reden, wie furchtbar alles sei, sagt er. In einer aggressiven Umwelt seien gelegentliche Alkoholräusche Balsam für Herz und Nerven. Er jedenfalls wäre, versichert der Russe, ohne Wodka längst nicht mehr am Leben.

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