14.10.2004 · Einst war das Opelwerk in Rüsselsheim ein Aktionszentrum der Sponti-Szene. Heute findet sich hier keiner, der zum Widerstand aufrufen würde: Die ganze Stadt hat die Schultern eingeknickt.
Von Eberhard RathgebErst mochte keiner mehr mit Schwung und Begeisterung Opel fahren. Nun sind alle Augen auf Opel gerichtet. Der große Mann vor dem Besuchereingang zur Fabrik, der so dasteht, als rolle er die Welt der vier Räder auf den Schultern, Adam Opel als Denkmal, wird nicht mehr helfen können. Die Amerikaner haben sich auf das Opelwerk gesetzt. Und nun platzt der Sitz. Doch in der Stadt, die so viele trostlose Längen und Ecken hat, wie sehr viele deutsche Städte ihre endlosen Trostlosigkeitsmeilen haben, die sich in die Wohngebiete hineinziehen, herrscht Ruhe, als sei nichts Besonderes vorgefallen.
Und doch: Einige Schüler haben in den Vormittagsstunden für ihre Väter und deren Arbeitsplätze demonstriert. Die Mütter haben für ihre Ehemänner und den Monatslohn noch nicht demonstriert. Das kommt vielleicht noch. Auf den nahezu leeren Straßen - es ist Mittagszeit, die Leute brauchen ihr warmes Essen - werden von Kollegen des gesprochenen Wortes Passanten angesprochen. Was sie denn davon halten, von den drohenden Kündigungen? Heute sammelt man Stimmen aus dem Volk, statt das Volk zu organisieren. Die Angesprochenen sind meistens alte Frauen - wer hat schon Zeit, mittags durch die Straßen zu laufen -, die ganz sicher nicht Lenins Schrift über den Imperialismus gelesen haben. Was sollen sie also schon Großes dazu sagen - wie es nun weitergehen soll. Schlimm sei es, Kopfschütteln, Hände hängenlassen, weitergehen.
Die ganze Leere des Landes
Eine Katastrophe ist das. Zwölftausend Mitarbeiter will General Motors in Europa entlassen, sagt im Rathaus der Oberbürgermeister von Rüsselsheim. Das Werk in Rüsselheim soll aber aller Wahrscheinlichkeit nach nicht geschlossen werden. Als wir beim Opelwerk ankommen - wir sind mit den öffentlichen Verkehrmitteln gefahren, mit denen auch die Arbeiter zu ihrer Schicht fahren -, da gähnt uns auf dem Bahnsteig die ganze Leere des Landes an.
Solche Bahnhöfe findet man heute nur in Filmen aus dem Wilden Westen oder eben an Bahngleisen durch das stille Deutschland. Es führt von der Bahnsteigkante auch kein Weg mehr heraus aus der Geschichte und zurück - wir müssen weiter und landen vor den Werktoren. Da kommen wir ohne Karte durch. Und dort steht keiner, der zum Widerstand aufrufen würde.
Fischer vor dem Opeltor
Ja, früher, sagen wir mit den Arrivierten der Politik. Früher war das Opelwerk in Rüsselsheim ein Aktionszentrum der Frankfurter Sponti-Szene. Es gibt sogar ein Foto, auf dem unser Außenminister Joschka Fischer in legerer Jeansjacke vor dem Opeltor steht und für eine gerechtere Welt agitiert. Auch vor dem Rathaus in der doch auf weite Strecken unwirtlichen Nachkriegsstadt Rüsselsheim hat sich kein einziger Mensch aufgestellt und schwenkt die Fahne des Kampfes gegen die Weltwirtschaftszwangslagen.
Der Oberbürgermeister sagt, daß er sich mit der Frau Oberbürgermeisterin von Bochum in den nächsten Tagen einmal zusammensetzen möchte, um zu besprechen, wie es nun weitergehen kann. Auch im Bochumer Opel-Werk sollen einige tausend Stellen wegfallen. Im Rüsselsheimer Opelwerk sind nicht nur Stellen in der Produktion betroffen, sondern auch in der Entwicklung und im, wie man so sagt und wie das nun auch der Oberbürgermeister so sagt, Service-Bereich. Wo der neue Vectra dann gebaut wird, das wissen die Sterne im Himmel über General Motors. Sonst keiner. Der Oberbürgermeister hat auch Forderungen. Er fordert eine Aussage von General Motors über die, wie man so sagt und wie auch der Oberbürgermeister so sagt, langfristigen Perspektiven. Für die Zukunft eben.
Es gibt keine Walsers mehr
Als wir mit dem öffentlichen Verkehrsmittel ankamen und uns die Bahnhofsleere direkt an der Opelfabrik steppenkalt über die Schulter hauchte, da dachten wir an Martin Walser in seinen frühen Jahren und seinen schriftstellerischen Einsatz in der Arbeitswelt. So einer wie Martin Walser taucht da heute auch nicht mehr auf. Zwischen 13 und 14 Uhr ist hier Schichtwechsel, und dann wird der Bahnhof sich füllen.
Im Opel-Stammsitz Rüsselsheim arbeiten fast zwanzigtausend Menschen, aber wir sehen nur fünf. Die Revolution hat noch nicht stattgefunden, die Sponti-Szene hat offenbar schlecht agitiert, die Schriftsteller haben das Bewußtsein des in seiner Freizeit lesenden Arbeiters nicht erwischt. Jetzt kommt der Salat, und das heißt eben in den nächsten Jahren: Arbeitslosigkeit, soziale Deklassierung und Ein-Euro-Jobs zum Dazuverdienen.
Die Kirche ist geschlossen
In den Rüsselsheimer Fußgängerzonen haben die Kaffee-Firmen ihre Stände aufgeschlagen. Ein gelbes und rotes Plakat signalisiert die Solidarität von Rüsselsheim und Trollhättan, dem schwedischen Werk. Der Oberbürgermeister hat auch nicht die ganze Zeit der Welt und muß weiter. Aktionspakete werden nun geschürt, da auch die Sparpakete geschnürt worden sind. Die Kirche gegenüber dem Rathaus ist geschlossen, wahrscheinlich schnürt der Pfarrer gerade ein Betreuungspaket.
Wenn jetzt eine Opelwerkskapelle um die Ecke biegen würde und blasen würde, was das Zeugs hielte. Doch die ganze Stadt hat die Schultern eingeknickt. Ein Abstecher beim Opel-live-Besucherzentrum wäre heute der glatte Hohn. Auf einem der Gleise vor dem Bahnhof Opelwerkstatt steht ein Zug. Auf dem Zug stehen lauter Opels, vor allem im Zahnarztersatz-Silber, und sagen nichts.