07.11.2002 · Mit Rudolf Augstein hat der deutsche Journalismus in den Zeiten seiner größten Krise auch noch seinen Schutzpatron verloren.
Von Jörg ThomannEs ist eine schwarze Zeit für die Medien. Kaum eine alte Gewissheit, von der man sich nicht hätte verabschieden müssen: Journalisten stellen voll Schrecken fest, dass sie nicht als Wächter über der Gesellschaft thronen, sondern austauschbar, ja verzichtbar sind, weil in ökonomischen Krisenzeiten die journalistische Qualität vielerorts als Luxus gilt; namhafte Zeitungen wie die „Süddeutsche“ oder die „Frankfurter Rundschau“ kämpfen um ihre Unabhängigkeit oder gar um ihre Existenz.
Und mitten hinein in diese Untergangsszenarien platzt nun auch noch eine Nachricht, die auf schmerzliche Weise den Zeitenwandel zu bestätigen scheint: Rudolf Augstein ist tot. Zwei Tage nach seinem 79. Geburtstag ist der „Spiegel“-Gründer und Herausgeber am Donnerstagmorgen an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben.
Drei Patriarchen
Mit Augstein geht der letzte aus der Riege deutscher Pressezaren, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg daran machten, mehr oder weniger im Alleingang eine neue, demokratische Medienkultur aufzubauen, ohne die - soviel scheint sicher - die Bundesrepublik Deutschland sich nicht zu jenem trotz aller Krisenstimmung blühenden Land hätte entwickeln können, das sie schon nach überraschend kurzer Zeit wieder war. Augstein, Springer, Nannen: Drei Patriarchentypen mit Gründermentalität, die unsere Medienlandschaft auch nach ihrem Tode prägen. Unter diesen dreien war Rudolf Augstein derjenige, der am meisten respektiert wurde.
Obwohl er nicht weniger Feinde hatte als die beiden anderen. Seine Kämpfe focht er offen aus, mit einer Standhaftigkeit, an der dieses Land sich aufrichten und wachsen konnte. Es war noch eine ganz andere Republik, in der Augstein 1962 ins Gefängnis ging und sich und seinen „Spiegel“ gegen den Vorwurf des Landesverrats verteidigen musste, weil in einem Artikel erschreckende Interna der Bundeswehr offengelegt wurden.
Ein Triumph der Presse
Dass am Ende Augstein das Gefängnis verlassen konnte und sein Lieblingsgegner, der Verteidigungsminister Franz Josef Strauß, sein Amt verlor, war ein historischer Sieg für die freie Presse, von dem sie bis heute zehrt. Seit Augsteins Triumph über Strauß ist es hierzulande nicht der Journalist, sondern der Politiker, der im permanenten Unrechtsverdacht steht; dass dies selbst dann der Fall ist, wenn er sich gar nichts zuschulden kommen ließ, ist eine Nebenwirkung, die das emanzipierte Land ertragen kann.
Es ist unmöglich, all jene Enthüllungsgeschichten aufzuzählen, mit denen der „Spiegel“ und sein Herausgeber und Chefredakteur die Bundesrepublik Deutschland vor Schlimmerem bewahrt haben. Rudolf Augstein war trotz aller Erfolge als Unternehmer - seine „Spiegel“-Gruppe ist heute ein kleiner Konzern mit nicht nur publizistischer, sondern auch wirtschaftlicher Macht - vor allem ein Journalist. Seine Mission war journalistisch, aber auch - in den frühen Jahren der Bundesrepublik konnte dies gar nicht anders sein - eine politische. Anders als seinen Antipoden Axel Springer aber bewahrte Augstein sein angeborener Zynismus vor übertriebenem missionarischen Eifer und der Gefahr, ins Lächerliche abzurutschen.
Visionär und Realist
Rudolf Augstein war Visionär und zugleich Realist. Die Realpolitik aber war, wie sich in seiner kurzen Karriere als FDP-Parlamentarier erwies, nicht sein Feld. In seinen späten Kommentaren betätigte sich Augstein, der sich aus dem „Spiegel“-Tagesgeschäft längst verabschiedet hatte, als wütender Donnergott, der besonders den deutschen Außenpolitikern, die doch in einer ganz anderen Liga spielten als er, die Leviten las.
Dass ausgerechnet Augstein, der unerbittliche Aufklärer, sich in seinen letzten Jahren gegen Vorwürfe verteidigen musste, dass auch im „Spiegel“ - wie überall - in den Anfangsjahren ehemalige Nazis unterkamen, war eine bizarre Note in einem großen deutschen Journalistenleben. Augstein selbst machte seine eigene Leistung wie alles das, was anderen groß und ehrfürchtig schien, stets kleiner. Um die Demokratie habe er „gewisse Verdienste“, sagte er, und der „Spiegel“ sei doch ein „sehr seriöses, ordentliches Blatt“ geworden.
Wie ordentlich es beim „Spiegel“ nun weitergeht, lässt sich schwer abschätzen. Das Magazin ist professionell genug gemacht und geführt und wird seine Linie nicht verlieren, zumal da Augstein aufgrund seiner labilen Gesundheit sich häufiger zurückzog. Das geistige Vakuum aber zu füllen, das sein Tod hinterlässt, ist eine Aufgabe, die kaum zu bewältigen scheint. Der deutsche Journalismus hat in einer Zeit, in der er ihn am nötigsten gebrauchen könnte, seinen Schutzpatron verloren.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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