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Royal Society Vollendeter Rufschaden

Ein Kreationismusstreit in der Royal Society

© Archiv Vergrößern Ein „gentleman scientist” mit Sinn für die natürliche Theologie: Robert Boyle (1627 - 1691)

The Royal Society of London for the Improvement of Natural Knowledge ist die älteste naturwissenschaftliche Akademie der Welt. Sie wurde 1660, nach der Rückkehr Englands zur Monarchie und zum Anglikanismus, unter maßgeblicher Beteiligung von Geistlichen gegründet. Die 1667 gedruckte "History of the Royal Society", wissenschaftspolitisches Manifest und Klassiker der Wissenschaftsgeschichte, verfasste Thomas Sprat, der es zum Dekan von Westminster und Bischof von Rochester brachte. Robert Boyle, der große Experimentator, stiftete testamentarisch einen Vorlesungszyklus zur Widerlegung des Atheismus. Als "Natürliche Theologie" wollte die Naturforschung die Güte und Weisheit, aber auch den Einfallsreichtum des Schöpfers demonstrieren.

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Der empirische Ansatz der "Neuen Wissenschaft" war auf ein Heer von Amateuren angewiesen. Diese "gentlemen of science" waren in der Mehrzahl anglikanische Pfarrer, die studiert hatten, Zeit zur Naturbeobachtung hatten und oft an dafür interessanten Orten ansässig waren. Die Zerstörung der als Heilsökonomie ausbuchstabierten Theodizee durch Darwins Demonstration, wieviel Verschwendung und Gewalt der Mechanismus die Evolution der Arten braucht, hat nichts daran geändert, dass theologisch gebildete Naturwissenschaftler in den Naturgesetzen Evidenzen der vernünftigen Einrichtung der Welt suchen.

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Dawkins' Polemik

Der Atheist Richard Dawkins, Fellow der Royal Society, der in Oxford einen Lehrstuhl für Wissenschaftsvermittlung innehat, weiß das natürlich alles. Er stellte sich also dumm, als er in der Kontroverse um Michael Reiss, der wegen Äußerungen zum Kreationismus in der Schule als Sprecher der Royal Society für Erziehungsfragen zurückgetreten ist, das Bonmot zum Besten gab: "Ein Geistlicher, der bei der führenden Wissenschaftsorganisation des Landes für Erziehung zuständig ist - das ist doch ein Monty-Python-Sketch."

Reiss, Professor für Wissenschaftspädagogik an der University of London mit Doktortitel in Evolutionsbiologie, hatte sich auf dem Wissenschaftsfest der British Association in Liverpool dafür ausgesprochen, dass Biologielehrer sich mit Schülern auseinandersetzen, die aus Glaubensgründen von den Ergebnissen der Naturforschung nichts wissen wollen. Es könne sinnvoll sein, über die Schöpfungslehre zu diskutieren, um im Kontrast deutlich zu machen, welche Art von Wahrheitsansprüchen die Wissenschaft erhebt, widerlegt und nicht widerlegt. In der "Times" wurde verbreitet, die Royal Society fordere, wie es gestern die "Süddeutsche Zeitung" nachschrieb, "parallel zur Evolutionstheorie solle in den Schulen auch der Kreationismus gelehrt werden". Eine Sensationsmeldung, aber eine Falschmeldung.

Böswillige Missverständnisse

Die Affäre wirft ein betrübliches Licht auf die englische Presse, mit der rühmlichen Ausnahme des liberalen "Guardian". Reiss hatte im vergangenen Jahr ein Buch zum Thema herausgebracht, über das ausführlich berichtet worden war, als Beitrag zur Bekämpfung des Kreationismus mit Vorschlägen, wie die Kinder aus fundamentalistischen Elternhäusern vom naturwissenschaftlichen Unterricht überhaupt erreicht werden können. Hatte Reiss seine Auffassung geändert? Das hätten die Journalisten sich fragen müssen, ebenso wie die Kollegen, die den Präsidenten der Royal Society mit Protestbriefen überschütteten. Einigen Kollegen hatte allerdings schon das Buch nicht gepasst, da sie dem Vergleich von mythischer und wissenschaftlicher Kosmologie jeden pädagogischen Wert bestreiten.

Die Royal Society stellte sich zuerst hinter Reiss, ließ dann aber bei der Bekanntgabe seines Rücktritts verlauten, seine Worte hätten zu Missverständnissen eingeladen und dem Ansehen der Gesellschaft wider seinen Willen Schaden zugefügt. Der auf der Internetseite des "Guardian" zugängliche Mitschnitt der Liverpooler Debatte zeigt, dass der bestechend klar argumentierende Reiss Fehlinterpretationen vorbeugend auszuräumen bemüht war. Die Royal Society als auf die Freiheit des Gedankens und des Wortes gegründete Gesellschaft rechnet ihrem Amtsträger fahrlässige und böswillige Missverständnisse zu. Das ist der wahre Schaden an ihrer Reputation.

Quelle: F.A.Z.

 
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