15.03.2010 · Shakespeare hat schon manches aushalten müssen. Die aktuelle Inszenierung seines berühmtesten Stück am Old Vic Theater in Bristol mit einem greisen Titel-Liebespaar im Altersheim dürfte dann aber doch einen der krasseren Regieeinfälle darstellen.
Von Gina ThomasShakespeare hat schon manches aushalten müssen, aber eine professionelle Aufführung von „Romeo und Julia“ mit einem greisen Titel-Liebespaar im Altersheim dürfte denn doch einen der krasseren Regieeinfälle darstellen. Die sechsundsiebzigjährige Siân Phillips glaubte allenfalls mit der Rolle der Amme rechnen zu können, als sie der neue künstlerischen Leiter des gestandenen Old Vic Theater in Bristol zu sich rief. Statt dessen mimt sie jetzt eine Julia als Privatpatientin in einem Pflegeheim, wo sie dem Charme des sechsundsechzigjährigen Toyboy von einem Romeo erliegt, dessen Kosten der staatliche Gesundheitsdienst trägt. Tödlicher Rausch adoleszenter Liebe muss bittersüßer Melancholie des Alters weichen. In der Geriatrie sind es freilich nicht die Eltern, die sich der Liebe widersetzen, sondern die jüngeren Verwandten, denen der gesellschaftliche Unterschied nicht behagt. Julias Kinder können kaum die Pflegerechnungen zahlen und würden die Mutter am liebsten mit dem wohlhabenden Paris verkuppeln, einem jungen Spund von dreiundachtzig Jahren.Ein sozialwohlfahrtliches Klassendrama für die Ära Brown.
Warum steht immer „Herr“ vor „Frau“?
Das methusalemisch bearbeitete Stück ist umbenannt in „Julia und ihr Romeo“ – übrigens ganz auch im Sinne einer neuen Studie über Geschlechterstereotype, die, das zeigt jetzt eine Untersuchung der Universität Surrey, auf Shakespeares „Romeo und Julia“ zurückgehen. Man hat sich dort mit der Frage befasst, weshalb die Briten Ehepaare mit „Herr und Frau“ anschreiben und auch bei der Erwähnung von Paaren in der Regel den männlichen Partner zuerst nennen. Selbst bei gleichgeschlechtlichen Paaren neige man dazu, den Namen des männlicher wirkenderen Partners vor den weiblicher scheinenden zu stellen.
Das sei, so die Surrey-Akademiker, ein Relikt der „sexistischen Grammatik des sechzehnten Jahrhunderts“, der Shakespeare Vorschub leistete, indem er schon titelmäßig Romeo vor Julia setzte: Darin habe sich „die patriarchale Ordnung gespiegelt“. In der modernen Kultur, die derartige Auffassungen als „veraltet und falsch“ betrachte, nähme der fortbestehende Sexismus eine „subtile und uneingestandene“ Form an. So subtil, dass es der von Kürzungen bedrängten Abteilung für Psychologie der Universität Surrey bedarf, um die Welt darüber aufzuklären.