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Roman Polanski zum Achtzigsten Meine Stadt, mein Seelenlabyrinth

Jugendlichkeit ist eine Konstante in seinem Leben. Tröstungen gibt es für ihn nur in der Kunst. Und ein fast vier Jahrzehnte alter Haftbefehl verfolgt ihn immer noch: Der Kinoerzähler Roman Polanski wird achtzig.

© AFP Vergrößern Auch aus der Nähe sieht er nicht wie Achtzig aus: Roman Polanski beim diesjährigen Filmfestival in Cannes

Achtzig. Das muss ein Irrtum sein. Erst vor einem Jahr haben wir Roman Polanski doch in einem Filmporträt seines Produzentenfreundes Andrew Braunsberg gesehen (“Roman Polanski: A Film Memoir“), und er wirkte wie sechzig - tatkräftig, selbstgewiss, kein bisschen greisenhaft.

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Diese Jugendlichkeit ist eine Konstante seines Lebens. Noch als Zwanzigjähriger spielte er Kinderrollen im polnischen Kino und Theater, und mit vierzig, in „Der Mieter“, sah er mindestens zehn Jahre jünger aus. Es ist, als wollte er die Lebenszeit nachholen, die er als Sechs- bis Zwölfjähriger unter der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg verloren hat, zuerst im bombardierten Warschau, dann im Krakauer Getto, wo er als Kind jüdischer Eltern interniert war, dann in wechselnden Verstecken bei Bekannten in der Stadt und auf dem Land.

Der kleine Roman kroch durch Löcher in der Ghettomauer

Sein Vater und seine Schwester überlebten die Verfolgung, seine Mutter wurde in Auschwitz ermordet. In Braunsbergs Film kommen Polanski die Tränen, als er über sie spricht. Nur ein einziges Mal noch hat er sich einen solchen Gefühlsausbruch vor der Kamera erlaubt, im Jahr 1969, als seine schwangere Frau Sharon Tate in Los Angeles von Mitgliedern der Manson-Bande umgebracht worden war.

Über den Anteil des Autobiographischen in Polanskis Filmen ist viel spekuliert worden. Mit „Der Pianist“ (2001) hat er den Mutmaßungen ein Ende gesetzt. In diesem Film stecken Polanskis Erinnerungen an das Getto in künstlerisch verdichteter Form. Da gibt es etwa die Szene, in der ein Kind, dessen Oberkörper aus einer Maueröffnung ragt, brutal zu Tode geprügelt wird, ohne dass man die Mörder auf der anderen Seite der Mauer sieht. Auch der kleine Roman ist durch Löcher in der Ghettomauer gekrochen, aber der Regisseur Polanski macht aus dieser Erfahrung ein unvergessliches Bild.

Bayerischer Filmpreis an Roman Polanski - "Der Pianist" Der Film, mit dem Polanski seine Kindheit ins Kino brachte: Adrien Brody in „Der Pianist“ © picture-alliance / dpa Bilderstrecke 

Genauso typisch für ihn ist, dass er nicht seine eigene Geschichte als Stoff nimmt, sondern die des Warschauer Klaviervirtuosen Wladyslaw Szpilman. Polanski wollte immer ein Erzähler und kein Bekenner sein, er wollte nicht ein Leben, sondern eine Welt auf die Leinwand bringen. Das hat er getan.

Und diese Welt ist ganz selbstverständlich von all dem geprägt, was Roman Polanski erlebt und gesehen hat. Immer wieder geht es in seinen Filmen um das Verhältnis zwischen Macht und Ohnmacht, Täter und Opfer, in seinem Regiedebüt „Das Messer im Wasser“ (1962) ebenso wie in „Wenn Katelbach kommt“, „Macbeth“, „Oliver Twist“ und „Der Ghostwriter“, am sichtbarsten in „Der Tod und das Mädchen“, wo Sigourney Weaver ihrem einstigen Peiniger den Prozess macht.

Die Räume wirken in seinen Filmen wie Zwangsjacken

Es geht um die Gestalt, die das Böse annehmen kann, in „Rosemarys Baby“, „Chinatown“, „Frantic“ und „Die neun Pforten“; und um den alten Kampf zwischen Sexualität und Moral, in „Ekel“, „Tess“, „Bitter Moon“ und in Polanskis jüngstem Film „Venus im Pelz“, der im Mai auf dem Festival in Cannes Premiere hatte. Die Räume, in denen diese Geschichten spielen, ziehen sich oft wie Zwangsjacken um ihre Helden zusammen. In „Oliver Twist“ wirkt die Altstadt Londons, penibel nachgebaut in den Prager Barrandov-Studios, wie ein einziges Seelenlabyrinth.

In „Der Mieter“ schaut der Bankangestellte Trelkovsky in einer Traumszene in den Innenhof seines Hauses und erblickt im Fenster gegenüber sich selbst als lauernden Voyeur. Der Teufel steckt bei Polanski in der Enge, in der die Menschen in ihren Wohnungen und Häusern aufeinanderhocken, während die Landschaft draußen einen Freiheitsrausch gewährt, der selbst dem Waisenkind Oliver und der Mörderin Tess Trost bietet. „Schussfahrt“ sollte ein nie realisiertes Projekt Polanskis über das Skilaufen heißen, neben dem Kino vielleicht seine größte Leidenschaft.

Schönheit als Trost für die Gefolterten

Und es gibt die Tröstungen der Kunst. In „Der Pianist“ hat sich der Held mit letzter Kraft in den Trümmern Warschaus verkrochen, als er in seinem Versteck plötzlich ferne Klaviermusik hört; es ist Beethovens Mondscheinsonate. „Der Tod und das Mädchen“ beginnt und endet mit Schuberts Streichquartett in d-Moll, das Folterer und Gefolterte im selben Konzertsaal anhören. In Warschau und Paris hat Polanski vor gut dreißig Jahren die Rolle Mozarts in seiner eigenen Inszenierung von Peter Shaffers Stück „Amadeus“ gespielt.

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Das war zu jener Zeit, als Polanski, der wegen Geschlechtsverkehr mit einer Minderjährigen in Amerika angeklagt und nach kurzer Haft nach Europa geflohen war, unter verschärfter Beobachtung der Klatschpresse stand. Vor vier Jahren holte ihn diese Vergangenheit wieder ein, als er am Züricher Flughafen in Auslieferungshaft genommen wurde. Von den elektronischen Fußfesseln, die er damals monatelang tragen musste, ist Polanski längst wieder befreit, aber die moralische Fessel dieser Affäre trägt er immer noch, auch an seinem achtzigsten Geburtstag, den er am heutigen Sonntag feiert.

Quelle: F.A.Z.

 
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