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Rolf Hochhuth wird achtzig Zorro, der Rächer der Recherchierten

Die Wirkung dieses Dramatikers ist beispiellos. Und Rolf Hochhuth braucht dazu auch gar keine Dramen. Dokumente, Thesen und seitenlange Regieanweisungen tun es auch.

© dapd Vergrößern Der Coup-Dramatiker schlechthin: Rolf Hochhuth

Er ist in der deutschen Theaterlandschaft eine der seltsamsten, aber auch rührendsten Figuren. Wenn er sich auf dem Fahrrad, in Anzug, verwegen umgehängtem Mantel und der immergleichen immergrünen Krawatte dem Berliner Ensemble nähert, könnte er jedes Mal laut rufen: "Das gehört alles mir!" Tatsächlich besitzt eine Stiftung, die Rolf Hochhuth eigens zu diesem Zweck gegründet hat, die Eigentumsrechte an der Immobilie des Theaters - ohne dass er im Theater selber etwas zu sagen hätte. Für einen Dramatiker eigentlich eine kuriose Situation. Aber es war einer der größten Theater-Coups der neunziger Jahre, den Rolf Hochhuth da landete: die Erben der einstmals jüdischen Besitzerfamilie des Theaters am Schiffbauerdamm für sich zu gewinnen. So dass das Haus, nicht aber dessen Betrieb ihm gehört, den er aber zu dulden bereit ist, wenn sie dort jedes Jahr zum Gedenken an die aus Berlin, der Hauptstadt der Vernichtung, in den Tod transportierten Juden ein paarmal seinen "Stellvertreter" spielen.

Dabei hatte Rolf Hochhuth in seinem langen Autorenleben eigentlich lauter Coups gelandet. Er ist der Coup-Dramatiker schlechthin. Wobei seine Coups nie mit den dann ausgeführten Dramen, immer aber mit deren Themen zu tun hatten. Das ist seine Crux wie sein Wesen als Dramatiker. Keiner hat gewaltigere, brisantere Stoffe - keiner aber macht daraus derartige Nicht-Stücke. Keiner hat größere Wirkungen - keiner aber so wenig Grund, sie im Dramatischen zu suchen. Ihm wurde sogar die Ehre zuteil, dass sich ein deutscher Bundeskanzler im Vatikan für den "Stellvertreter" fremdgeschämt und förmlich entschuldigt hat, eine Politikerfrechheit, die einem demokratischen, kunstfreiheitlichen Staatswesen so schlecht anstand, dass sich der Künstler, dem sie galt, wohl märtyrerhaft geschmeichelt fühlen durfte.

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Was auch insofern eine hübsche Pointe ist, als Hochhuth im "Stellvertreter" ganz entschieden ein Märtyrertum einklagt. Mit diesem Stück wurde der gelernte Buchhändler aus Eschwege 1963 schlagartig weltberühmt. Hochhuth stellte damals die Frage, die eine ganze geistige und geistliche Welt erhitzte und teilweise noch bis heute bewegt - es war wie ein Riss in einem bis dahin ehrfürchtig geschlossen gehaltenen Vorhang: Hätte Papst Pius XII. die Judenvernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten in den Todeslagern an- beziehungsweise aufhalten können, wenn er mutig bis hin zum massenhaften Märtyrertum im Namen von eineinhalb Milliarden Katholiken dagegen laut protestiert hätte? Dass Pius dies aus wohlerwogenen Gründen nicht tat, wirft ihm Hochhuth vor und schickt in seinem Stück einen wahren Stellvertreter Gottes, den Pater Riccardo, der am Papst und an seiner Kirche verzweifelt, in den Feuerofen des Konzentrationslagers.

Dass man das Pontifikat dieses Papstes fast ausschließlich durch den Filter eines Theaterstücks zu sehen sich angewöhnt hat, dass man den zwölften Pius ohne den Erstling Hochhuths gar nicht mehr denken kann, ist ein toller Wirkungstreppenwitz der Dramengeschichte. Denn "Der Stellvertreter" ist kein Drama, sondern ein Wust aus Leitartikeln, Dokumenten, Archivmaterialien, Recherche-Ergebnissen, die mühsam zu Dialogen und seitenlangen Regieanweisungen zusammengebastelt wurden.

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