Home
http://www.faz.net/-gqz-yek1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Rolf Hochhuth wird achtzig Zorro, der Rächer der Recherchierten

Die Wirkung dieses Dramatikers ist beispiellos. Und Rolf Hochhuth braucht dazu auch gar keine Dramen. Dokumente, Thesen und seitenlange Regieanweisungen tun es auch.

© dapd Der Coup-Dramatiker schlechthin: Rolf Hochhuth

Er ist in der deutschen Theaterlandschaft eine der seltsamsten, aber auch rührendsten Figuren. Wenn er sich auf dem Fahrrad, in Anzug, verwegen umgehängtem Mantel und der immergleichen immergrünen Krawatte dem Berliner Ensemble nähert, könnte er jedes Mal laut rufen: "Das gehört alles mir!" Tatsächlich besitzt eine Stiftung, die Rolf Hochhuth eigens zu diesem Zweck gegründet hat, die Eigentumsrechte an der Immobilie des Theaters - ohne dass er im Theater selber etwas zu sagen hätte. Für einen Dramatiker eigentlich eine kuriose Situation. Aber es war einer der größten Theater-Coups der neunziger Jahre, den Rolf Hochhuth da landete: die Erben der einstmals jüdischen Besitzerfamilie des Theaters am Schiffbauerdamm für sich zu gewinnen. So dass das Haus, nicht aber dessen Betrieb ihm gehört, den er aber zu dulden bereit ist, wenn sie dort jedes Jahr zum Gedenken an die aus Berlin, der Hauptstadt der Vernichtung, in den Tod transportierten Juden ein paarmal seinen "Stellvertreter" spielen.

Gerhard Stadelmaier Folgen:

Dabei hatte Rolf Hochhuth in seinem langen Autorenleben eigentlich lauter Coups gelandet. Er ist der Coup-Dramatiker schlechthin. Wobei seine Coups nie mit den dann ausgeführten Dramen, immer aber mit deren Themen zu tun hatten. Das ist seine Crux wie sein Wesen als Dramatiker. Keiner hat gewaltigere, brisantere Stoffe - keiner aber macht daraus derartige Nicht-Stücke. Keiner hat größere Wirkungen - keiner aber so wenig Grund, sie im Dramatischen zu suchen. Ihm wurde sogar die Ehre zuteil, dass sich ein deutscher Bundeskanzler im Vatikan für den "Stellvertreter" fremdgeschämt und förmlich entschuldigt hat, eine Politikerfrechheit, die einem demokratischen, kunstfreiheitlichen Staatswesen so schlecht anstand, dass sich der Künstler, dem sie galt, wohl märtyrerhaft geschmeichelt fühlen durfte.

Mehr zum Thema

Raschelndes Thesentheater

Was auch insofern eine hübsche Pointe ist, als Hochhuth im "Stellvertreter" ganz entschieden ein Märtyrertum einklagt. Mit diesem Stück wurde der gelernte Buchhändler aus Eschwege 1963 schlagartig weltberühmt. Hochhuth stellte damals die Frage, die eine ganze geistige und geistliche Welt erhitzte und teilweise noch bis heute bewegt - es war wie ein Riss in einem bis dahin ehrfürchtig geschlossen gehaltenen Vorhang: Hätte Papst Pius XII. die Judenvernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten in den Todeslagern an- beziehungsweise aufhalten können, wenn er mutig bis hin zum massenhaften Märtyrertum im Namen von eineinhalb Milliarden Katholiken dagegen laut protestiert hätte? Dass Pius dies aus wohlerwogenen Gründen nicht tat, wirft ihm Hochhuth vor und schickt in seinem Stück einen wahren Stellvertreter Gottes, den Pater Riccardo, der am Papst und an seiner Kirche verzweifelt, in den Feuerofen des Konzentrationslagers.

Dass man das Pontifikat dieses Papstes fast ausschließlich durch den Filter eines Theaterstücks zu sehen sich angewöhnt hat, dass man den zwölften Pius ohne den Erstling Hochhuths gar nicht mehr denken kann, ist ein toller Wirkungstreppenwitz der Dramengeschichte. Denn "Der Stellvertreter" ist kein Drama, sondern ein Wust aus Leitartikeln, Dokumenten, Archivmaterialien, Recherche-Ergebnissen, die mühsam zu Dialogen und seitenlangen Regieanweisungen zusammengebastelt wurden.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Hilmar Hoffmann wird 90 Als Menschenfänger ein Meister

Kultur für alle. Diese Devise hat der Kulturdezernent Hilmar Hoffmann nicht nur verkündet, sondern auch realisiert. Heute wird er 90 Jahre alt. Mehr Von Hans Riebsamen, Frankfurt

25.08.2015, 08:13 Uhr | Rhein-Main
Heimspiel für den Papst Besuch in Lateinamerika

Es ist eine Rückkehr nach Lateinamerika, und auch daher sicher eher eine Art Heimspiel für Papst Franziskus. Ecuador ist die erste Station seiner Reise, und der gebürtige Argentinier sagte zum Auftakt, er danke Gott, dass der ihm diese Rückkehr erlaubt habe, in dieses wunderbare Land hier. Mehr

06.07.2015, 15:17 Uhr | Gesellschaft
Deutscher Oscar-Kandidat Im Labyrinth des Schweigens geht ins Rennen

Für Sebastian Schippers Film Victoria gab es keine Ausnahmegenehmigung, deutscher Kandidat für den Oscar ist der Auschwitz-Film Im Labyrinth des Schweigens. Erfolgreich waren deutsche Regisseure bei den Studenten-Oscars. Mehr

27.08.2015, 12:23 Uhr | Feuilleton
Papst in Bosnien zu Besuch Medjugorje wartet auf ein Wunder

Seit 1981 Jahren berichten Einwohner des südbosnischen Medjugorje immer wieder von Marien-Erscheinungen. Zwar erkennt der Vatikan diese nicht an, dennoch pilgern tausende Gläubige aus aller Welt jährlich dorthin. Dass Papst Franziskus sich jetzt bei seinem Bosnien-Besuch von der Wahrhaftigkeit der Erscheinungen bekehren lässt, ist nicht wahrscheinlich. Mehr

06.06.2015, 12:27 Uhr | Gesellschaft
Pressefreiheit in Ungarn Fast wie in einer Diktatur

Ja, es gebe die Pressefreiheit in Ungarn, sagen Journalisten vor Ort. Nur rückt ihr die Regierung ordentlich zu Leibe – mit Massenentlassungen und politischem Druck. Mehr Von Anna Gyapjas

23.08.2015, 12:58 Uhr | Feuilleton

Veröffentlicht: 01.04.2011, 06:20 Uhr

Glosse

Der Suff kommt aus dem Internet

Von Michael Hanfeld

Der Online-Versandhändler bietet einen Lieferdienst für Alkohol an. Innerhalb von 34 Minuten stehen Wodka, Dosenbier und Chips für Kunden von „Amazon Prime Now“ bereit. Doch wer will denn solange warten? Mehr 13