28.04.2008 · Die Römerberggespräche widmeten sich in diesem Jahr der Entwicklung der Netzöffentlichkeit. Es wurde oft „ich“ gesagt auf dem Podium, und an die Stelle der Argumentation trat wohldosierte Selbstdarstellung. Wohin das Netz treibt und wer es treibt, blieb auf beunruhigende Weise unklar.
Von Thomas ThielMit der Kultur von Debatten über das Internet ist es nicht weit her. Begriffliche Sicherheit hat sie bislang nicht entwickelt. Ihre Sprache, der synästhetisch erfahrenen Lebenswelt entnommen und von dort aus aufs Allgemeine abstrahiert, passt zumeist nicht auf die Elektrowirklichkeit des Netzes. Nicht den Theoretikern, den Machern sind daher die Podien überlassen, wo es um das Digitale geht, und diese berichten dann zumeist, was sie in der Freude am eigenen Tun geschaffen haben. Verallgemeinerungen überlassen sie unbenannt bleibenden Theoretikern.
So fanden die diesjährigen Römerberggespräche, bei denen es aus naheliegendem Anlass um den Strukturwandel der Öffentlichkeit durch das Internet ging, erstmals ohne Wissenschaftler auf dem Podium statt. Vielleicht war das ein Grund, weshalb in den Vorträgen so oft „ich“ gesagt wurde, womit das persönliche Beispiel an die Stelle empiriegesättigter Analyse und die rasche Pointe an die Stelle des Arguments trat. Immerhin: Der Schriftsteller Dietmar Dath wies auf die Ausgeschlossenen des globalen Netzverkehrs hin und sah in einer Veränderung der Produktions- und Regierungsform die unabdingbare Voraussetzung für eine gerechte Erweiterung der digitalen Gesellschaft. So weit ging Daths Verbundenheit mit der Netzöffentlichkeit jedoch nicht, dass er sich über einen verhaltenen Optimismus hinaus zu einem festumrissenen Leitbild der künftigen Netzgemeinschaft hätte hinreißen lassen.
Visionen à la mode
Ein solches hat vor zwei Jahren der „digitale Bohémien“ Sascha Lobo verfasst, dessen rotgelber Irokesenschnitt seither nahezu jedes Podium ziert, das digitalen Visionen gewidmet ist. Lobo, der mit dem Buch „Wir nennen es Arbeit“ an einer Erweckungsschrift für all jene mitgeschrieben hat, die selbstorganisierte Lebensformen dem psychischen Verschleiß der Festanstellung vorziehen, und ihnen zu diesem Zweck das Internet als Emanzipationsmedium ans Herz gelegt hatte, kam in der Diskussion der Medienbezug jedoch vollständig abhanden. Erst eine Zuhörerfrage erinnerte ihn daran, dass es die Debatte um Vor- und Nachteile der Selbständigkeit und auch die FDP schon vor der Erfindung des Internets gegeben hat. Wie viele Unternehmensberater könnten nicht ebenfalls sagen „Wir nennen es Arbeit“?
Um die Auskunft, was er in seiner Eigenschaft als digitaler Bohème konkret tue, drückte sich Lobo in bester New-Economy-Manier herum, bis hartnäckige Nachfrage ihm schließlich Abstrakta wie „Textproduktion“ und „Kulturproduktion“ abringen konnte. Das klang so spröde und beliebig nach Fließbandarbeit, dass sich der souveräne Moderator Alf Mentzer die Nachfrage nicht verkneifen konnte, ob dies nun jene kreative Selbstverwirklichung sei, die Lobo in seinem Manifest verheißen hatte. In Verteidigungslage geraten, reduzierte Lobo das visionäre Pathos früherer Mitteilungen auf wohldosierte Selbstironie. Ihm sei es Erfolg genug, zum Stammgast von Podiumsdiskussionen geworden zu sein. Zumal er eingestehen musste, keine festumrissene Vorstellung von der Zukunft der digitalen Bohème zu besitzen. Man treibt vor sich hin. Die Nachfrage bestimmt die Selbstausrichtung.
Das Netz gehört den Kurzentschlossenen
Der Journalist Bernd Graff, der sich mit einer Polemik gegen die liederliche Diskussionskultur im Internet einen Ruf erworben hat, bezeichnete seine gedankliche Fortbewegungsweise denn auch ehrlicherweise als eine des „Herumeierns“, die jedoch durchaus von dem Willen zur intellektuellen Durchdringung seines Gegenstandsbereichs geleitet war. Es sei noch nicht fassbar, was Begriffe wie „Profiling“ oder „virtuelle Identität“ bedeuteten, so Graf, gewiss sei nur, das sie viel zu bedeuten hätten, weshalb die Rolle, die man im Netz spiele, ernster als bisher zu nehmen sei. „Noch“ war eine von Graff häufig verwendete Temporalbestimmung. Noch sei man zu sehr dem Land „Analogien“ verhaftet, dem Denken in nicht digital transformierten Begrifflichkeiten. Die damit als Unvermeidlichkeit begriffene Transsubstantiation in rein digitale Entitäten hatte Dietmar Dath in seinem Vortrag allerdings schon mit dem lakonischen Hinweis abgefertigt, dass der Internetpornographie ohne körperliche Selbstbefriedigung das Kapital entzogen sei.
„Das muss dann gemacht werden“, hieß es oft, wo die Frage nach der Verantwortung für die Rahmenbedingungen der Netzöffentlichkeit laut wurde. Aber von wem? Von selbstorganisierten Gruppen? Von Staaten oder Staatenbünden? Von dem, der als Erster die Initiative ergreift? Je mehr große Korporationen das Internet als profitables Terrain entdecken, desto mehr weicht die unbekümmerte Selbstfeier des Individuums, das sich in der Anarchie des neuen Mediums der Fremdbestimmung entkommen glaubte, einer reflexionsgetrübten Katerstimmung. Im frühen Stadium der Netzöffentlichkeit dient die Debatte mehr dem Erfahrungsabgleich als der Perspektivbildung. So bleibt auf eine beunruhigende Weise unklar, wer Akteur und wer Agent im digitalen Raum ist und auf wessen Initiative und Willen die Entwicklung der Netzöffentlichkeit zurückgeht.