Der erste große Aufmarsch der Roboter in Deutschland endet mit einem menschlichen Lacher. Sie sind aus Holzkisten gekrochen, plötzlich hinter Büschen aufgetaucht, ihren Schöpfern auf zwei Beinen davongelaufen, sie haben sich zu Trupps formiert - ganz so, wie Schriftsteller und Filmemacher es hundertfach vorweggenommen haben. Doch ein Triumph der Maschinen bleibt vorerst aus. Wer Roboterdystopien oder die bange Warnung des Technologiephilosophen Günther Anders verinnerlicht hat, die Maschine werde die Menschheit nicht nur unterjochen, sondern in ihrer Überlegenheit werde sie dem Menschen Scham über sich selbst beibringen, - „promethische Scham“, wie Anders das nannte - der darf jetzt, wo die Roboter wieder abgezogen und eingepackt sind, zwerchfelltief aufatmen. Und sich des Menschseins freuen.
Marvin Minsky, der Vordenker und Vorreiter der Künstlichen Intelligenz (KI), zum Aufmarsch nach Deutschland eigens als technologischer Frontberichterstatter von der amerikanischen Ostküste eingeflogen, konnte sich nur wundern darüber, wie dumm und geistlos die menschlichen Geschöpfe trotz vieler Milliarden Euro Forschungsgelder und nunmehr fünfzig Jahren KI-Wissenschaft geblieben sind: „Die Dinger können fast nichts, sie verstehen ja noch nicht mal eine Kindergeschichte und sehen ein Weinglas nicht, das vor ihnen auf einem Tisch steht.“
Zwischen Kleinstpanzer und Fliwatüt
Der Aufmarsch fand an zwei Schauplätzen statt, bei „Elrob 2006“ in Bayern und beim „Robocup 2006“ in Bremen. Er begann hochmilitärisch auf dem nordbayerischen Truppenübungsplatz Hammelburg. Nach Bonnland hatte die Bundeswehr die führenden europäischen Roboterhersteller zur Leistungsschau „European Land Robot Trial“ zusammengetrommelt. Bonnland ist das wichtigste Übungsdorf des Heeres, hier lernen sonst Soldaten den Häuserkampf, und nun sollen Roboter zeigen, was sie können.
Der Name des Dorfes klingt künstlich, doch er ist alt. In Bonnland ist Schillers Tochter Henriette begraben, auf Schloß „Greifenstein ob Bonnland“ verwahrte sie den Nachlaß des Dichters. Mancher Uniformträger wird beim Anmarsch der Maschinen, die im Design von Kleinstpanzern bis zu flugunfähigen Fliwatüts reichen, sentimental: „Wenn Henriette das gesehen hätte!“
Ehrgeizige Fernziele - in weiter Ferne
Die Heeresführung indes geht ganz nüchtern an die Roboterübung heran. Sie erhofft sich, daß unbemannte Fahrzeuge, - unterstützt aus der Ferne oder noch besser autonom - bald ihre Soldaten im Einsatz unterstützen, ihre Rucksäcke tragen, ihnen durch den Blick in Autos oder um die Hausecke gefährliche Situationen ersparen und mit überlegener Rechenkraft beim Entscheiden helfen. Roboter sollen zum festen Element der „NetOpFü“, der vernetzten Operationsführung, werden, also des volldigitalisierten Einsatzes der Zukunft. Die Szenarien gehen sogar so weit, daß Roboter eines Tages eigenständig für Deutschland und die Nato in Kampfhandlungen eingreifen und „wirken“ können, wie gezieltes Schießen im Militärjargon heißt.
Brigadegeneral Reinhard Kammerer bezeichnet Kampfroboter bei der Vorbesprechung auf einem umfunktionierten Heuboden aber vorneweg als Fernziel: „Wo es kinetische Wirkung gegen Ziele gibt, bestehen ungleich höhere Anforderungen an die Verifizierung und die Sicherheit der Systeme. Ein Roboter, der autonom wirken kann und dabei etwas falsch macht, ist natürlich eine sehr heikle Angelegenheit.“ Überhaupt gibt sich der General vorsichtig: Unbemannte Systeme seien kein vollwertiger Ersatz für Soldaten, nur Soldaten könnten eine Situation umfassend erkennen. sagt er. Wie recht er hat, zeigt sich wenig später.
Sie tragen ihn vom Feld wie einen depressiven Dackel
Zwanzig Mannschaften aus fünf EU-Ländern sind angereist, Firmen und Universitäten sind gleichermaßen vertreten. Die Forscher und Ingenieure holen ihre Roboter so vorsichtig aus Lastwagen und Kisten und handhaben sie so einfühlsam, als wären es Haustiere. Dann kommt der große Moment: An einer möglichst lockeren digitalen Leine - ferngesteuert also, aber mit eigener Wahrnehmung und Lageanalyse - sollen die Roboter durch Bonnland navigieren, über einen Graben, vorbei an Feuer, durch eine Scheune und einen Torbogen, schließlich eine Treppe hinauf in eine Wohnung, wo es einen Schrank zu öffnen gilt.
Zum Glück ist an diesem Tag in Bonnland nicht wirklich Krieg. „Ich weiß jetzt auch nicht genau, nach was er sucht und welche Sensoren er benutzt“, sagt einer der Forscher über seinen erstarrten Roboter. Nur wenige Teams vollenden den Parcours. Die Teilnehmer aus Portugal tragen ihr Gerät vom Platz wie einen depressiven Dackel, der Roboter aus Hannover hat keine Ahnung von seiner Position und rutscht, vielleicht weil er mit den Signalen von Büschen und Wiese überfordert ist, an einer kleinen Brücke ab. Chefjuror Henrik Christensen vom Königlichen Institut für Technologie in Schweden muß selbst anschieben.
Nach außen gibt man sich beeindruckt
Die Herren auf den Zuschauertribünen können ihr Staunen über die Pannen nicht wirklich verbergen, ein promethisches Kichern ist zu hören, wenn wieder eine Maschine liegenbleibt. Nach außen gibt man sich später freilich beeindruckt über das „Potential“. Und auch Chefjuror Christensen bleibt nach „Elrob“ dabei, daß die Technologie eine große Zukunft vor sich hat. Doch im „urbanen Terrain“ sagt er, gebe es noch „erhebliche Limitationen“.
Vielleicht liegt die Maschinenschwäche, würde Günther Anders nun wohl einwenden, daran, daß in Bonnland noch per Fernsteuerung Menschen interveniert haben, die Maschinen also auf den eigentlich schwächeren Partner angewiesen waren. Die Hansestadt Bremen wäre demnach der bessere Ort, das wahre Maschinenpotential zu besichtigen, denn beim „Robocup“, der Fußballweltmeisterschaft für Roboter, sind in der vergangenen Woche sogenannte autonome Systeme im Einsatz gewesen, die sich mit Sensoren und Software allein in ihrer Welt behaupten müssen.
Auf den Fußballfeldern in der Messehalle flitzen die staubsaugerartigen Geräte der Mittelklasse wendig umher, surren Kleinstgeräte zielstrebig gen Tor und die Humanoiden laufen in unbeobachteten Momenten auch mal ihren Herrchen davon. Die Zuschauer zeigen sich begeistert von dem, was Roboter schon können. Und doch ist es auch da wieder zu hören, das promethische Kichern: Wenn der Humanoide vom Team „Nicico“ just vor dem entscheidenden Elfmeterschuß einfach umfällt, wenn die Roboteringenieure aus Singapur ihr abgestürztes Gerät zum zwanzigsten Mal vom Platz holen müssen, wenn ein Roboter den Ball nicht erkennt, obwohl er vom ihm liegt. Das sind Fehler, die in der menschlichen Kreisliga nicht passieren. Hier findet die Weltmeisterschaft statt.
Zwischen promethischem Gelächter und Verzweiflungsschrei
Marvin Minsky stimmt am Samstag in Bremen denn auch eine Mischung aus promethischem Gelächter und Verzweiflungsschrei an. Der Gründer des Labors für künstliche Intelligenz am Massachusetts Institute of Technology (MIT) ist der Vordenker und Protagonist dessen, was in Hammelburg und Bremen ins Freiland kommt. Er war dabei beim legendären Sommerkurs 1956 in Dartmouth, dem Gründungstreffen der KI-Szene. Er hat Dutzende visionäre Bücher geschrieben und sieht auch heute noch eine Zukunft der Roboter vor uns, denn ohne sie werde es gar nicht möglich sein, die vielen zweihundert Jahre alten Menschen zu versorgen, die es schon bald geben werde. Er hoffe auch, daß bald aller Sport durch Roboter ersetzt werde, damit sich die Menschen wieder Wichtigerem zuwenden könnten.
Minsky wird im nächsten Jahr achtzig Jahre alt und turnt auf der Konferenz „50 Jahre KI“, die den Robocup begleitet, fit wie ein Turnschuh über die Bühne. Er ist über die Maßen enttäuscht über die Fortschritte auf seinem Gebiet: „Warum sind Roboter noch immer so primitiv, warum können sie unsere Wünsche nicht verstehen oder reflektieren wie ein vierjähriges Kind?“ Seine Erklärung ist ein Angriff auf seine Nachfolger an den Schlüsselpositionen der Robotik und KI-Forschung. Sie hätten sich auf Einzelaspekte technischer Leistungskraft konzentriert und Robotern nur beigebracht, mit brutaler Wahrscheinlichkeitsrechnung etwa einen Fahrtweg durch die Wüste von Nevada zu finden.
Entwarnung aus Bonnland und Bremen - vorerst
Dabei sei aber in der Forschung verlorengegangen, was die Grundlage menschlicher Intelligenz sei: Zum einen banales Allgemeinwissen über die Welt, etwa daß Gegenstände herunterfallen, wenn man sie nicht hält. Zum anderen eine große Vielfalt von Denkarten, die von Emotionen bis zu reinem Philosophieren reiche. Die KI-Robotik habe sich „rückwärts entwickelt“, ihre statistischen Modelle brächten Maschinen hervor, die auf intelligente Fragen ähnliche Antworten gäben wie der Maschinengott in Douglas Adams „Per Anhalter durch die Galaxie“ auf die Frage nach dem Sinn des Lebens: 42.
Der erste Großaufmarsch der Roboter in Deutschland erlaubt also vor allem Erstaunen über die Perfektion des Menschen im Vergleich zur Maschine. Mögen 2050 wirklich, wie es ein Countdown in der Bremer Messehalle ankündigte, humanoide Roboter gegen den dann amtierenden menschlichen Fußballweltmeister gewinnen: Was werden sie draußen auf der Straße können?
Die KI-Forschung tastet sich mit einer unglaublichen Langsamkeit an das heran, was die menschliche Intelligenz ausmacht. Das mag man mit Blick auf den technischen Nutzwert bedauern. Aber die Sorge des Günther Anders relativiert sich. Er hat die Menschheit als Gemeinschaft „invertierter Utopisten“ beschrieben: Wir seien kleiner als wir selbst, nämlich „unfähig, uns von dem von uns selbst Gemachten ein Bild zu machen.“ Während Utopisten dasjenige, was sie sich vorstellen, nicht herstellen könnten, könnten wir dasjenige, was wir herstellen, nicht vorstellen. Aus Bonnland und Bremen kommt vorerst Entwarnung. Der gute alte Utopismus lebt.