17.08.2003 · Mehr als fünfzig Filme hat De Niro, der an diesem Sonntag sechzig Jahre alt wurde, gedreht. Trotz der obsessiven Vorbereitung auf seine Rollen schob sich dabei immer mehr der Star De Niro in den Vordergrund.
Von Verena LuekenRobert De Niro will es komisch. In den vergangenen fünf Jahren spielte er in Filmen wie "Analyze This" oder "Analyze That", absolvierte Gastauftritte hier und da, und die Wahrheit ist: Richtig gelacht haben wir über ihn selten in diesen Komödien. Er zeigte da ein Grimassieren und Verrenken von Gliedern, verstellte Tonlagen und bewußt linkisches Timing, das an die Nerven ging. Die Filme waren höchstens mittelmäßig, das ist das eine Problem. Aber De Niro ist seit langem mächtig genug, sich seine Rollen aussuchen zu können.
Das andere Problem ist ein schauspielerisches. De Niro ist ein Methodenschauspieler, darauf gründet seine mehr als dreißigjährige Karriere als einer der größten Stars des amerikanischen Films seit den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Er hat im New Yorker "Actor's Studio" bei Lee Strasberg und Stella Adler gelernt, was es heißt (und wie man es macht), sich in eine Figur einzufühlen, sich fiktive Erfahrungen zueigen zu machen, zu gehen, zu gähnen, eine Gabel zu halten und zu flüstern, zu fluchen und zu lachen wie jeweils jener Mann, den er gerade zu verkörpern hat. Er hat damit eindrucksvolle Figuren geschaffen, den jungen Vito Corleone etwa in Francis Coppolas "Der Pate, Teil 2", für den er mit dem Oscar geehrt wurde, oder Michael Vronsky in Michael Ciminos Vietnam-Epos "Die durch die Hölle gehen".
Für die Komödie aber ist das alles viel zu kompliziert, und was De Niro da macht, grenzt an die Selbstparodie. Komödie ist grausam und dichotom: Man lacht, oder nicht. Deshalb arbeitet der Komödiant von außen nach innen, in genau der gegenläufigen Bewegung des Methodenschauspielers. Er steht stoisch in der Welt, spannt die Muskeln und läßt alles, was auf ihn einstürmt, als Querschläger wieder zurückprallen, um mehr oder weniger großen Schaden anzurichten. Ob er ein Innerstes hat, zeigt der Komiker uns nie. De Niro immer.
De Niro bekam seine erste Filmrolle im Jahr 1969 von Brian De Palma in dessen Film "The Wedding Party". Brian De Palma war es auch, der ihn ein Jahr später mit Martin Scorsese bekanntmachte. Der Schauspieler und der Regisseur kannten einander flüchtig, weil die Reviere ihrer Jugendbanden in unmittelbarer Nachbarschaft gelegen waren - der eine trieb sich auf der Prince Street herum, der andere, De Niro, auf der Broome Street mit einer Gruppe namens "Forty Thieves" -, waren bisher aber über ein distanziertes Einander-Zunicken nicht herausgekommen. An jenem Abend müssen sie sich blendend verstanden haben, denn De Niro entwickelte sogleich den Plan, einen Film zusammen zu drehen, der die Lebensweise in den Straßen New Yorks zum Thema haben sollte.
Einiges von seinen Erfahrungen mit den "vierzig Dieben" soll in die gemeinsame Arbeit an "Mean Streets" eingeflossen sein, den Film, den Scorsese und De Niro ausgehend von ihrer Begegnung an jenem Weihnachtsabend miteinander drehten. Damals waren sie noch Außenseiter im Filmgeschäft, und ihrer Arbeit sieht man an, daß sie in einer Zeit, in der das Hollywoodkino im Umbruch war, auf Regeln keine Rücksicht nahmen. Auf diesen ersten folgten über die Jahre fünf weitere gemeinsame Filme, unter ihnen "Raging Bull", für den De Niro 1981 einen Oscar bekam, und ohne großes Risiko läßt sich behaupten, daß die Zusammenarbeit von Scorsese und De Niro das Gesicht des amerikanischen Kinos dreißig Jahre lang geprägt hat.
Für beide war spätestens in den neunziger Jahren die Zeit des Außenseitertums vorbei. Beide wurden mächtig, reich, berühmt und schwierig. De Niro, der sich bisher auf jede Rolle so intensiv vorbereitet hatte, daß die Zahl seiner Filme überschaubar blieb, war plötzlich in mehreren Filmen pro Jahr zu sehen. Er eröffnete im Süden Manhattans das Tribeca Film Center, produzierte Filme, führte einmal (bei "In den Straßen der Bronx", 1993) Regie, und gründete zur Widerbelebung von Tribeca nach den terroristischen Anschlägen des 11. September 2001 ein Filmfestival.
Mehr als fünfzig Filme hat De Niro, der an diesem Sonntag sechzig Jahre alt wurde, gedreht. Vielleicht ist er ein wenig müde darüber geworden, daß trotz der obsessiven Vorbereitung auf seine Rollen sich mit den Jahren immer mehr der Star De Niro in den Vordergrund schob. Einst hieß er "das Chamäleon", weil er bis zur physischen Unkenntlichkeit in der Lage war, in Leib und Seele seiner Figuren zu verschwinden, und je komplizierter deren charakterliche Anlage war, desto besser. Irgendwann, es muß etwa um die Zeit von Scorseses "Cape Fear" im Jahr 1991 gewesen sein, aber gelang es ihm nicht mehr, auf der Leinwand tatsächlich der andere zu sein - seine Verkörperungskünste wurden mehr und mehr zur zirzensischen Attraktion. So geschah, was ein Methodenschauspieler um jeden Preis zu verhindern sucht: der Darsteller De Niro stellte zunehmend die Rollen, die er spielte, in den Schatten. Vielleicht fehlte ihm bei aller Bravour letztlich die Demut vor seinen Rollen, wie sie anderen großen Charakterdarstellern, Spencer Tracy zum Beispiel, eigen war.
Natürlich hatte De Niro auch in den letzten Jahren großartige Auftritte, in Michael Manns "Heat" etwa. Und es gibt tatsächlich zwei Komödien, in denen er komisch ist: John Naughtons "Mad Dog and Glory" und Barry Levinsons "Wag the Dog", einer Satire auf die Verblendungsmaschinerie, die im Weißen Haus daran arbeitet, das amerikanische Volk zu verschaukeln. Daß ihm hier der komödiantische Zugang zu seinen Rollen gelang, liegt im ersten Fall mit Sicherheit daran, daß er gegenüber von Bill Murray spielt, dem grandiosen Komiker, der es ihm gleichsam vormacht. Im zweiten mag es damit zu tun haben, daß der Film in irrwitziger Geschwindigkeit produziert wurde. Zur Vorbereitung hatte De Niro gerade Zeit, auf ein paar Videofilmen aus den "war rooms" Washingtons zuzusehen, wie die spin doctors gestikulieren, deklamieren und herumwirtschaften. Das schaute er sich ab, erledigte den Rest mit der natürlichen Aggressivität, die sein Spiel oft so faszinierend macht, und war, wie seitdem nicht mehr: komisch.