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Richard Rorty Wissen deutsche Politiker, wozu Universitäten da sind?

Deutsche Hochschulpolitik, Beispiel Hamburg: Hier wird der Umfang der Geisteswissenschaften demnächst halbiert. Der amerikanische Philosoph Richard Rorty, kürzlich Gastprofessor in Hamburg, protestiert.

© AP Vergrößern Richard Rorty

Auf Anraten einer Kommission unter Klaus von Dohnanyi richtet sich die Hamburger Hochschulpolitik derzeit am prognostizierten Absolventenbedarf des "Wirtschaftsstandorts Hamburg" im Jahr 2012 aus. Für die Geisteswissenschaften bedeuten die entsprechenden Planungen eine Halbierung ihrer Stellen. Der amerikanische Philosoph Richard Rorty, der im Sommer von seiner Warburg-Gastprofessor in Hamburg an die Stanford University zurückgekehrt ist, kommentiert diesen Vorgang (F.A.Z.).

Von Richard Rorty

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Den Bericht über die geplante Halbierung der Geisteswissenschaften an der Universität Hamburg (F.A.Z. vom 18. August) lese ich mit Verwunderung und Entsetzen. Es ist kaum zu fassen, daß derart weitreichende Entscheidungen, durch die Wesen und Funktion einer bedeutenden Universität substantiell geändert werden, den betroffenen Fakultäten einfach von oben in Form einer politischen Direktive durchgestellt werden.

Eine solche Anweisung auszuführen würde einen erheblichen Eingriff in die universitäre Autonomie darstellen. Daß ein Angriff solchen Ausmaßes auf die Selbstbestimmung der Universitäten ausgerechnet in Deutschland versucht wird, dem Land, das die moderne Universität miterfunden hat und dessen akademische Institutionen für die meines eigenen Landes ein Modell waren, ist erstaunlich.

Vorbild Deutschland

Die Vereinigten Staaten brüsten sich gegenwärtig nicht zu Unrecht damit, einige der besten Universitäten der Welt zu haben. Dieser glückliche Umstand ist allerdings nicht das Ergebnis von Entscheidungen der amerikanischen Regierung oder ihrer Bundesstaaten. Er verdankt sich vielmehr der Tatsache, daß amerikanische Forscher und Gelehrte in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts aus Orten wie Heidelberg, Tübingen und Berlin mit dem Anspruch zurückkamen, in Amerika Universitäten nach Art derjenigen zu gründen, die sie in Deutschland gesehen hatten.

Die Umwandlung der zuvor religiös orientierten Colleges von Harvard, Yale und Princeton zu genuinen Forschungsuniversitäten ging auf solche Anstrengungen zurück. Später wurden diese alten Privatuniversitäten, zusammen mit ebenfalls unter deutschem Einfluß erfolgten Gründungen wie Johns Hopkins oder der Universität von Chicago, von den großen staatlichen Universitäten - etwa in Michigan, Kalifornien und Wisconsin - nachgeahmt. Der Zugewinn durch Geisteswissenschaftler, die aus Deutschland während der nationalsozialistischen Zeit flüchteten, half den amerikanischen Universitäten dann, jenes Niveau zu erreichen, das in Deutschland zuvor erreicht worden war.

Verspottet als Witzfiguren

Keine bedeutende amerikanische Universität würde auch nur eine Sekunde lang den Vorschlag ernst nehmen, den Umfang ihrer Geisteswissenschaften zu halbieren. Ein solcher Vorschlag eines Ministeriums würde nur als arroganter Versuch gewertet, das kulturelle Klima des Landes zu verändern. Die Mitglieder einer Regierung, die mit einer staatlichen Universität so etwas versuchen würden, dürften sicher sein, sofort als Witzfiguren verspottet zu werden. Alle anderen Universitäten würden ihrer Schwesterinstitution beispringen. Ich bin sicher, das gilt auch für Deutschland, und Gelehrte in der ganzen Bundesrepublik werden öffentlich ihre Bestürzung darüber ausdrücken, was in Hamburg geplant ist.

Junge Historiker, Philosophen oder klassische Philologen auszubilden ist ein personalintensiver und teurer Vorgang. Wenn in jedem Fach nur noch wenige Professoren übrigbleiben, werden sie es auch nicht in ihrer Freizeit tun können. Denn sie werden keine Freizeit mehr haben. Ich habe während der letzten Jahrzehnte einige Zeit als Gastwissenschaftler an deutschen Universitäten verbracht und kann bezeugen, daß deutsche Geisteswissenschaftler nicht nur besser ausgebildet sind als ihre amerikanischen Kollegen, sondern auch härter arbeiten. Sie sind in mehr Sprachen bewandert, sind belesener und lehren etwa doppelt soviel, wie sie es in den Vereinigten Staaten tun müßten. Gemessen an internationalen Standards, sind sie schon jetzt stark überbeansprucht.

Die Qualität der Lehre leidet

Wer Maßnahmen wie die in Hamburg geplanten ergreift, wird aber nicht nur die Forschung schwächen. Auch die Qualität der Lehre an den höheren Schulen Deutschlands wird darunter leiden. Sie bieten einen Unterricht, der besser ist als der vergleichbarer amerikanischer Schulen, weshalb auch das Bildungsniveau der Neunzehnjährigen in meinem Land deutlich geringer ist. Amerikanische Lehrer sind wesentlich schlechter mit den intellektuellen Traditionen des Westens vertraut als deutsche. Setzt sich das Hamburger Modell durch, dann werden die deutschen Gymnasien bald auf unser Niveau herabsinken.

Sollte es der Regierung in Hamburg gelingen, ihre Vorstellungen durchzusetzen, so könnte es sein, daß ihr andere Bundesländer folgen werden. Jede Regierung versucht zu sparen, und die Tatsache, daß Geisteswissenschaftler weder große Drittmittelbeträge einwerben noch ökonomische Geschäftsinteressen befriedigen, macht sie zu einem scheinbar geeigneten Opfer. Aber nur eine Regierung, die vergessen hat, wozu Universitäten da sind, wird glauben, daß sie auf diese Weise etwas spart.

Aus dem Englischen übersetzt von Jürgen Kaube.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.08.2004, Nr. 202 / Seite 35

 
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