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Veröffentlicht: 04.02.2013, 17:28 Uhr

Richard III. Und das Königreich? Das Pferd? Wer gräbt sie aus?

William Shakespeare ist der Propaganda aufgesessen: Die jetzt geborgenen sterblichen Überreste des Königs Richard III. entkräften Mythen.

von , London
© AP, reuters Königliche Gebeine identifiziert

Vor dem Tribunal der Geschichte ist, so wollen seine Verfechter glauben machen, ausgerechnet Richard III., der König, der die Unschuldsvermutung als Grundrecht verankert hat, Opfer eines Justizirrtums geworden. Das Bild der Tudor-Propaganda, die bestrebt war, die Dynastie von Richards usurpatorischem Widersacher Heinrich VII. zu legitimieren, ist in der populären Phantasie haften geblieben.

Gina Thomas Folgen:

Bei Richard III. denkt man unweigerlich an den Mörder der kleinen Prinzen im Tower und an Shakespeares buckeligen Despoten, der, „von der Natur um Bildung falsch betrogen, entstellt, verwahrlost“, sich entschließt, ein Bösewicht zu werden. Nun wissen wir jedenfalls, der Schurke, wenn er denn einer war, hatte weder einen Buckel noch einen verkümmerten Arm.

Eindeutig: Es ist Richard III.

Vor fünf Monaten sind Archäologen auf dem von einem Parkplatz überbauten Grundstück einer ehemaligen Franziskanerkirche im mittelenglischen Leicester bei der gezielten Suche nach dem Grab Richards III. auf einen Leichnam gestoßen. Die augenscheinliche Krümmung der Wirbelsäule stimmte mit der von Shakespeare dramatisch gesteigerten Missbildung überein und weckte große Hoffnungen bei der Gemeinde, die seit Jahrzehnten agitiert, um das verzerrte Bild des nach nur zwei Jahren auf dem Thron 1485 in der Schlacht von Bosworth gefallenen Königs zurechtzurücken. Nach eingehenden interdisziplinären Forschungen und technischen Analysen hat die Universität Leicester am Montag bestätigt, dass es sich um die Gebeine Richards III. handeln muss. Die in zwei unterschiedlichen Laboren unternommene Radiokohlenstoffdatierung der Rippenknochen hat die zeitliche Einordnung des Skeletts in das fünfzehnte Jahrhundert bestätigt, und das DNA-Profil der Überreste korrespondiert mit den Proben, die zwei Abkommen der mütterlichen Linie Richards III. entnommen wurden, so dass die Genetiker der Universität, an der der Biochemiker Alec Jeffreys 1984 den genetischen Fingerabdruck entdeckte, unter herzhaftem Applaus erklären konnten: „Ohne begründeten Zweifel - es ist Richard.“

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Untersuchungen haben ergeben, dass die Krümmung der Wirbelsäule die Folge einer Skoliose ist, die wohl erst nach dem zehnten Lebensjahr eintrat. Aufgrund der Krankheit, die seine rechte Schulter höher stehen gelassen habe als die linke, dürfte er wesentlich kleiner gewirkt haben, als er ohne die Skoliose gewesen wäre, die zarte Gestalt des Skeletts entspreche den spärlichen Beschreibungen von Zeitgenossen, darunter jener des schlesischen Ritters Nicholas von Popplau, teilten die Forscher mit. Ihren Befunden zufolge sind auch die verschiedenen Verletzungen, welche die Knochen aufweisen, mit Kampfschlägen aus der Zeit in Einklang zu bringen. Während die zwei große Kopfwunden nach Angaben der Osteoarchäologin Jo Appleby die fast sofortige Bewusstlosigkeit hervorgerufen hätten, ließen einige der Knochenschäden darauf schließen, dass sie nach dem Tod in einem Akt der Demütigung entstanden seien.

Historische Neubewertung?

Mit den zwei Nachfahren von Anne of York, der Schwester Richards III. - der zu plötzlichem Ruhm gekommene 55 Jahre alte Möbelschreiner Michael Ibsen und ein jetzt von Genealogen entdeckter entfernter Vetter, der zwar bereit war, eine DNA-Probe abzugeben, seine Anonymität jedoch wahren will -, stirbt die Linie aus. Hätte sich der Fund erst zu einem späteren Zeitpunkt ereignet, wäre der DNA-Vergleich nicht mehr möglich gewesen. Aus den Quellen ist überliefert, dass die nackte Leiche Richards auf ein Pferd gebunden und in das etwa 25 Kilometer entfernte Leicester gebracht wurde, wo der gefallene König aus dem Hause York nach der Schlacht am 22.August 1485 in einem weiteren Akt der Demütigung in einer Kirche des Hauses Lancaster zur Schau gestellt wurde. Danach soll Richard in der Franziskanerkirche bestattet worden sein, die jedoch 1538 im Zuge der Klosterauflösungen Heinrichs VIII. zerstört und später überbaut wurde. Einer örtlichen Legende zufolge sind die Gebeine Richards in den Fluss geworfen worden. Bei den Vorarbeiten zu den Grabungen konnte der Standort der Kirche so genau festgelegt werden, dass das Grab im August schon in den ersten Tagen entdeckt wurde. Im nächsten Jahr sollen Richards Gebeine in einer multireligiösen Feier in der Kathedrale von Leicester beigesetzt werden.

Bei der geschickt orchestrierten Bekanntgabe der Befunde war freilich nicht zu übersehen, dass die Universität Leicester deren Bedeutung im Lichte der umstrittenen Reformen des Hochschulwesens präsentiert hat. Einige Historiker fühlen sich nun in ihrer Forderung nach einer frischen Bewertung des dämonisierten Richard bestätigt. Eine Korrektur des äußeren Erscheinungsbildes bedeutet allerdings noch nicht, dass die Geschichte neu geschrieben werden muss.

Glosse

Bartspalterei

Von Paul Ingendaay

Noch kann Pilar Abel Martínez nicht beweisen, dass sie die uneheliche Tochter von Salvador Dalí ist. Die Exhumierung seines Leichnams soll Klarheit bringen. Die Sache hat mehrere Pointen. Mehr 2 1

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