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„Der Araber von morgen“ : Ein Comic, der uns die arabische Welt erklärt

Prägende Erinnerungen an eine Kindheit in Libyen: wie der kleine Riad in die Ideenwelt von Gaddafi eingeführt wird und sein Vater den talentierten Sohn enttäuscht. Bild: Sattouf, Knaus Verlag

Der Comiczeichner Riad Sattouf kennt die orientalische und westliche Kultur aus eigener Anschauung – und deren Konflikte. Sein Band „Der Araber von morgen“ erzählt auf scharfsinnige und humorvolle Weise vom Leben zwischen den Welten. Eine Vorabveröffentlichung.

          Es ist gerade einmal acht Tage her, dass der französische Zeichner Riad Sattouf für seinen Band „L’Arabe du futur“ den wichtigsten europäischen Comicpreis gewonnen hat, den Fauve d’or des Festivals von Angoulême. Damit wurde auch der bestverkaufte französische Comic des vergangenen Jahres ausgezeichnet. Doch in Angoulême zählen Verkäufe weniger als Qualität.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Um was für ein großartiges Beispiel autobiographischer Literatur es sich bei „L’Arabe du futur“ handelt, wurde von den Lesern und Kritikern sofort nach Erscheinen im vergangenen Mai bemerkt. Auch ich empfahl damals den Band einem deutschen Verlag zur Übersetzung, doch da hatte sich schon ein anderer, Knaus in München, die Rechte gesichert. Umso mehr freute es mich, als mir wenig später Knaus das Angebot machte, den Comic für die deutsche Ausgabe zu übersetzen.

          Denn selten habe ich eine überzeugendere Kombination von Witz und Tiefgang gelesen. Sattoufs Thema in der auf Deutsch „Der Araber von morgen“ betitelten Geschichte ist seine eigene Kindheit. Geboren 1978 in Paris, verbrachte er die meiste Zeit bis zum Alter von zwölf Jahren in arabischen Staaten: in Libyen, Algerien und vor allem in der syrischen Heimat seines Vaters. Abdel-Razak Sattouf war Ende der sechziger Jahre als Stipendiat zum Studium der Geschichte nach Frankreich gekommen - auch, weil er dadurch dem Militärdienst in seiner Heimat entging.

          Ingeniöser Einsatz von Farben

          Er sollte deshalb seiner Heimat siebzehn Jahre lang fernbleiben, heiratete eine Bretonin und entwickelte sich angesichts des für die arabischen Staaten desaströsen Jom-Kippur-Kriegs von 1973 zum überzeugten Anhänger des Panarabismus, der den Zusammenschluss aller arabischen Völker gegen die westliche Übermacht, aber auch gegen die mit der Sunna konkurrierenden anderen islamischen Glaubensrichtungen anstrebt. Dafür aber würden seine Glaubensbrüder sich nach Überzeugung von Abdel-Razak Sattouf zu modernisieren haben. „Der Araber von morgen“ aus dem Titel des Buchs war seine Redewendung, mit der er eine gebildete - natürlich ausschließlich männliche - Zukunftselite in seiner Heimat heraufbeschwor, die er persönlich mit ausbilden wollte. Deshalb ließ sich der mittlerweile promovierte Historiker mit Frau und Kind 1980 vom Gaddafi-Regime nach Libyen locken, wo er als Universitätsdozent lehrte. Vier Jahre später zogen die Sattoufs dann nach Syrien um; Riad war mittlerweile sechs. Sein Comic erzählt von den Eindrücken aus diesen beiden Ländern und den kurzen französischen Zwischenspielen.

          „Alle Szenen aus ,Der Araber von morgen‘ beruhen auf meinen Erinnerungen“, beteuert Riad Sattouf, und selbst der ingeniöse Kunstgriff, die verschiedenen Handlungsorte durch wechselnde Leitfarben anzuzeigen, verdankt sich seinem früheren Kinderblick, der in Libyen das Gelb der Wüste, in Frankreich das Blau des Meeres und in Syrien das Rosarot des Bodens als außergewöhnlich empfand. Nur gelegentlich werden im Comic andere Farben eingesetzt, etwa Grün für Gaddafis oder Rot für Assads Propagandaauftritte im Fernsehen. Riad Sattouf beherrscht Grammatik und Symbolsprache des Comics vollendet.

          Sein Zeichenstil orientiert sich am in den neunziger Jahren populär gewordenen französischen Independent-Comic, wie er vom Verlag L’Association durchgesetzt wurde: als Übernahme amerikanischer Underground-Erzählweisen (vor allem autobiographischer Stoffe) und der Funny-Tradition des Comic-Strips. Mit drei Stars aus dem Association-Umkreis, Joann Sfar, Christophe Blain und Mathieu Sapin, teilte Sattouf sich von 2002 an sein Atelier. Von ihnen lernte er den Verzicht auf Perfektion im klassischen Künstlerverständnis: „Fürs realistische Zeichnen muss man supergut sein“, sagt Sattouf, „und das bin ich nicht.“ Deshalb setzte er auf zum eigenen Stil passende satirische Inhalte. Sattoufs erste Comics widmen sich den Anpassungsschwierigkeiten eines Provinzlers namens Jérémie ans Leben in der Metropole. In diesem Jérémie Riad Sattouf selbst zu erkennen ist leicht: Seiner Kindheit im Orient und der Jugend in der Bretagne war ein Trickfilmstudium in Paris gefolgt.

          Sattouf nimmt keine falschen Rücksichten

          Bislang war nur ein einziger Sattouf-Comic ins Deutsche übersetzt worden: „Meine Beschneidung“ (Reprodukt Verlag), die als illustrierte Erzählung gestaltete Schilderung einer im wahrsten Sinne des Wortes einschneidenden Erfahrung, die Riad Sattouf im Alter von acht Jahren machte, damals noch in Syrien. Das war 2004 eine Art Probelauf zu „Der Araber von morgen“, und Sattouf handelte sich mit der spöttischen Schilderung seines Vaters in „Meine Beschneidung“ eine Vorladung vor die seit 1949 bestehende französische Kontrollkommission für Jugendbücher ein. Um sich auf diese Befragung vorzubereiten, suchte er diejenigen Zeichnerkollegen auf, bei denen er die meiste Erfahrung mit solchen Zensurgesprächen vermutete: Das waren die Redakteure des Satiremagazins „Charlie Hebdo“.

          Aus dem Besuch zu Informationszwecken wurde eine zehnjährige Mitarbeit: Jede Woche zeichnete Sattouf eine neue Folge seiner Serie „La Vie secrète des jeunes“ (Das geheime Leben der Jugend), für die er eigene Beobachtungen junger Leute, meist Bewohner der Pariser Vorstädte, in kurzen Bildergeschichten festhielt. Für das monatlich erscheinende Comicmagazin „Fluide Glacial“ entstand gleichzeitig Sattoufs vor „Der Araber von morgen“ erfolgreichste Serie: „Pascal Brutal“ über einen muskelstrotzenden Sportlehrer mit höchst zweifelhaften Moralvorstellungen. Die brachte ihm 2010 seinen ersten Hauptpreis in Angoulême ein. Im Jahr zuvor hatte Riad Sattouf seinen ersten Spielfilm gedreht: „Les Beaux Gosses“ (auf Deutsch „Jungs bleiben Jungs“), natürlich nach eigener Vorlage. In der kommenden Woche, nur drei Tage nach der deutschen Publikation von „Der Araber von morgen“, wird sein zweiter Film in unsere Kinos kommen: „Jacky im Königreich der Frauen“.

          Als die Redaktion von „Charlie Hebdo“ am 7. Januar 2015 von Terroristen überfallen wurde, gehörte Sattouf ihr nicht mehr an; er hatte seine Serie für das Blatt beendet, als „Der Araber von morgen“ erschienen war, denn diese Geschichte ist auf mehr als nur einen Band angelegt, und Sattouf wollte seine ganze Zeit darauf verwenden. Für die Sonderausgabe von „Charlie Hebdo“ vom 14. Januar und eine Hommage an das Satireblatt im „Nouvel Observateur“ zeichnete er aber noch einmal zwei kurze Comics. Dann ging er wieder an die Arbeit zum zweiten Band von „L’Arabe du futur“, der in Frankreich bald erscheinen soll. Hier entsteht ein Zyklus, der auf die immer drängendere Frage nach dem Verhältnis von Islam und Europa zu antworten versteht: mit Scharfsicht und Humor. Und ohne falsche Rücksichten.

          „Der Araber von morgen“ von Riad Sattouf erscheint am 16. Februar im Knaus Verlag, München. Aus dem Französischen von Andreas Platthaus. 160 S., broschiert, 19,99 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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